Auf dem Bild zu sehen sind zwei gemalte offene Hände in bunten Farben. Im Text geht es um Menschen, die wohnungslos und psychisch krank sind.

Wohnungslos und psychisch krank - das ist eine schwierige Kombination. Betroffene kommen nur schwer an die nötige Betreuung. Die Krise verschärft das Problem. Foto: Tim Mossholder für Unsplash

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/ 16. November 2020

Philip ist 23, kämpft mit psychischen Problemen und ist wohnungslos. Schritt für Schritt tastet er sich zurück in ein normales Leben.  Für wohnungslose Menschen in Österreich ist psychiatrische Behandlung schwer zugänglich. Außerdem verstärkt die Pandemie die seelischen Belastungen, mit denen die Betroffenen tagtäglich zu kämpfen haben.

Sobald die Dämmerung einsetzt, bildet sich eine kleine Menschentraube vor einem unscheinbaren Haus am Eggenbergergürtel in Graz. Durch die Glastür fällt ein warmes Licht nach draußen. Hinter der Tür liegt für viele das, was einem zu Hause am nächsten kommt: die Arche 38 der Caritas, eine Anlaufstelle für wohnungslose Menschen.

Philip verliert seine Wohnung - und seine Katzen

Philip wohnt seit September dieses Jahres dort. Der 23-Jährige kämpft schon lange mit psychischen Problemen. "Mit 16 war ich zum ersten Mal im Krankenhaus. Diagnose: Depression und Suizidgefährdung. Dann habe ich mich erholt und war bis kurz vor meinem 20. Geburtstag stabil", erzählt er. Doch dann geht seine Beziehung in die Brüche, er kann die Miete nicht mehr bezahlen. Philip verliert die Wohnung, muss sich von seinen zwei Katzen trennen und wohnt von da an bei Freunden und Bekannten.

Kein Jahr vergeht ohne Krankenhausaufenthalt – bis 2020. "Das ist das erste Jahr seit langem, in dem ich noch nicht ins Krankenhaus musste. Darauf bin ich stolz", sagt er. Zurzeit wohnt er in einer Wohngemeinschaft des Betreuten Wohnen der Arche 38. Für sein Einzelzimmer bezahlt er dort 210 Euro im Monat. In den maximal eineinhalb Jahren, die er in dieser Einrichtung bleiben darf, muss er monatlich 100 Euro für die Zukunft zur Seite legen.

Wohnungslos während der Pandemie

Die Arche 38 bietet wohnungslosen Menschen Beratung, eine Notschlafstelle und Betreutes Wohnen. Laut dem Jahresbericht 2019 der Arche 38 gelten rund 900 Personen in Graz als wohnungslos und leben entweder in Übergangswohnungen, in Wohnheimen oder übernachten in Notschlafstellen. Die genaue Zahlenerfassung ist allerdings schwierig, da es Wohnungslose gibt, die keine Hilfsangebote nutzen und so nicht erfasst werden.

Außerdem verzeichnete die Arche im vergangenen Jahr rund 13.400 Übernachtungen von 523 Personen. Wie viele von ihnen unter psychischen Erkrankungen leiden, ist nicht genau bekannt. Laut der Wohnungslosenhilfe sind 70 Prozent der Wohnungslosen chronisch krank - ein Großteil psychisch.

Der Lockdown im März war besonders für die Notschlafstelle eine harte Probe. Um den Wohnungslosen zu ermöglichen, die Ausgangsbeschränkungen einzuhalten, entschied sich das Team der Arche dazu, das Notschlafquartier ganztags zu öffnen. Außerdem organisierten sie täglich drei warme Mahlzeiten für die Wohnungslosen. "Wir haben hier viele Menschen, die zur Risikogruppe gehören. Sie haben es geschafft, nicht in Panik zu verfallen, aber die Situation ernst zu nehmen und sich an unsere Vorgaben zu halten", erinnert sich Andi, ein Betreuer. Erhöhten Andrang oder gar Platzmangel gab es während des Lockdowns allerdings nicht.

Risikofaktor Psyche

"Ich glaube, dass Wohnungslosigkeit und psychische Erkrankungen Hand in Hand gehen", sagt Andi. Psychische Krankheiten können zu Wohnungslosigkeit führen, wenn Betroffene nicht mehr in der Lage sind, den Alltag zu bewältigen. Andi sagt, dass diese Menschen oft sozial isoliert sind und nicht die Möglichkeit haben, bei Freunden oder Bekannten unterzukommen. Somit seien sie auf soziale Einrichtungen angewiesen. "Psychische Erkrankungen, auch Suchterkrankungen, können dazu führen, dass eine Person lange wohnungslos bleibt."

Andere trifft zuerst die Wohnungslosigkeit und erst dadurch entsteht eine psychische Erkrankung. Menschen, die etwa durch einen Schicksalsschlag wohnungslos werden, haben jedoch meistens ein soziales Umfeld, auf das sie sich stützen können. "Wenn ein Mensch psychisch fit ist und nur etwas Zeit braucht, um den Wiedereinstieg zu schaffen, entkommt er normalerweise schnell wieder aus der Wohnungslosigkeit", erklärt Andi.

Die Corona-Krise macht manchen psychisch Kranken in der Arche 38 zu schaffen. Laut Andi seien die Auswirkungen von Fake-News und Verschwörungstheorien auf Menschen, die an Verfolgungswahn oder paranoiden Angststörungen leiden, besonders groß, weil sie leichter zu beeinflussen seien. Diese Entwicklung federn die Betreuer durch gutes Zureden und gegenseitiges Vertrauen ab. "Wir haben den Menschen klargemacht, dass sie sich auf uns verlassen können und dass sie darauf achten sollen, woher sie ihre Informationen bekommen", erzählt Andi. Mehr als Entlastungsgespräche können die BetreuerInnen den Betroffenen allerdings nicht anbieten, denn psychiatrisches Fachpersonal gibt es in der Arche nicht.

Etwa 900 Menschen leben wohnungslos in Graz, geschätzt 70% davon haben eine Erkrankung - der Großteil eine psychische.

Foto: T. Q. / Unsplash

Große Hürden auf dem Weg zur Therapie

Philip wird in einem Beratungszentrum betreut und hat die Möglichkeit, sich in einer Tagesstruktur zu beschäftigen. Dort gibt es viele verschiedene Möglichkeiten, um den Tag zu füllen. Beispielsweise gibt es Werkstätten, in denen mit Stein und Metall gearbeitet wird und Gruppen, die Yoga oder Rückengymnastik machen oder Fußball und Tischtennis spielen.

"Die Tagesstruktur ist dafür da, dass man einen geregelten Tagesablauf hat. Für mich ist die Beschäftigung das wichtigste, denn durch das Angebot der Tagesstruktur wird es nie langweilig und ich habe eine sinnvolle Aufgabe", sagt Philip. Während des Lockdowns hatte die Tagesstruktur geschlossen und Philip konnte seinen Alltag nicht mehr wie gewohnt führen. Auch das hat ihn zusätzlich psychisch belastet.

"Spaziergang hilft immer"

Außerdem wurde Philip zu Beginn der Pandemie gerade wegen seiner psychischen Probleme auf Medikamente eingestellt. Das Medikament löste bei ihm allerdings starke Panikattacken aus und er musste auf Notfallmedikation umsteigen. Inzwischen ist er gut eingestellt. Wenn es ihm trotzdem mal schlecht geht, lenkt er sich mit seiner Spielkonsole ab. "Aber um wirklich gegen schlechte Gefühle anzukämpfen, mache ich einen langen Spaziergang - Das hilft immer."

Einen sicheren Alltag sieht auch Andi als Schlüssel zur psychischen Gesundheit von Wohnungslosen. "Diese extreme Stresssituation der Wohnungslosigkeit kann man ihnen nicht nehmen, außer man versorgt die Leute schnell und unkompliziert mit einem sicheren Wohnplatz", sagt er. Solche Plätze sind allerdings kaum vorhanden und die Wartezeiten betragen oft über ein Jahr. Um einen Platz zu bekommen, braucht man eine "aufrechte Diagnose". Das bedeutet, dass ein Facharzt oder eine Fachärztin bereits eine psychische Erkrankung bei dem Patienten festgestellt hat. Die meisten Betroffenen können das nicht erfüllen.

Wohnungslosenhilfe als "Stiefkind" der Sozialen Arbeit

"Viele Menschen haben jahrelang auf der Straße gelebt und man muss ihnen Zeit geben, sich dem Thema 'Psychische Gesundheit' zu öffnen. Von der Einsicht zur Diagnose vergehen manchmal Jahre", erzählt Andi. Der schlechte Zugang zu psychiatrischer Versorgung führt Andi auf die Vorurteile gegen Wohnungslose zurück.

Er sagt, die Wohnungslosenhilfe sei das "Stiefkind" der Sozialen Arbeit. Den Betroffenen werde die Schuld für ihre Situation selbst zugeschoben. Weiters kritisiert er, wie kurzsichtig sich die Politik gegenüber den Wohnungslosen verhalte. Sie schaffe zwar Einrichtungen, damit die Menschen nicht auf der Straße schlafen müssen, die angemessene Betreuung sei aber "nebensächlich". "So ist es für die Betroffenen unmöglich, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren", sagt Andi.

Zukunftspläne

Auch Philip wartet auf einen Platz im sozialpsychiatrisch betreuten Wohnen. Dort gibt es psychologisches Fachpersonal und Vollzeitbetreuung. Seine Wünsche für die Zukunft sind bodenständig: "Wenn ich es mir frei aussuchen könnte, hätte ich in einem Jahr gerne eine Wohnung, und eine Partnerin oder einen Partner. Ich würde gerne in meinem gelernten Beruf als Gärtner arbeiten und damit mein eigenes Geld verdienen. Und ich möchte Haustiere haben – mindestens zwei Katzen."

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