Sprache kann vieles - auch diskriminieren.
Sprache kann vieles - auch diskriminieren. Wie unsere Wortwahl unser Denken und die ganze Gesellschaft beeinflusst. Foto: Anthony Tran auf Unsplash
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/ 9. Juli 2020

Blondine, N-Wort, Migrant. Welche Gefühle lösen diese Wörter in uns aus, welche Wirklichkeit schaffen wir damit? Professor Martin Reisigl ist Sprachwissenschaftler. Er beschäftigt sich mit unserem Sprachgebrauch und wie er sich – und unser Denken – verändert. Warum Reisigl bei diskriminierender Sprache ein „Ich mein‘ das ja nicht so“ nicht gelten lässt und warum wir es gewöhnt sind, andere zu diskriminieren.

Beleidigung oder Diskriminierung?

Nicht jede Beleidigung ist gleich eine Diskriminierung. „Diskriminierung besteht in der Ungleichbehandlung einer bestimmten Menschengruppe“, sagt Reisigl. Wenn Menschen aus ethnischen, sexuellen oder religiösen Gründen systematisch benachteiligt oder herabgewürdigt werden, handelt es sich um Diskriminierung. Reisigl betont: „Es geht bei Diskriminierung nicht um die Frage, ob jemand es so gemeint hat oder nicht.“

Weil wir es alle tun: Diskriminierende Sprache als Gewohnheit

Diskriminierender Sprachgebrauch ist in unserer Gesellschaft zu einer eingespielten Gewohnheit geworden. „Äußerliche Personenbezeichnungen heben ganz bestimmte Merkmale hervor und verleiten dazu, Menschen nicht mehr als Individuen zu begreifen“, erklärt Reisigl. Die Bezeichnungen stehen plötzlich beispielhaft für ein Vorurteil, das einer verallgemeinerten Gruppe anhaftet.

So schreiben wir Menschen dann Merkmale zu, die sich in unseren Gedanken festsetzen. Das kann bewusst oder unbewusst passieren. Wir machen das, weil wir uns in der Welt orientieren wollen. Soziale Kategorien helfen uns dabei, können einzelnen Menschen aber nicht gerecht werden. Sie sind „unpersönlich, gleichmacherisch und distanziert“.

Reisigl warnt: „Ein verallgemeinernder Sprachgebrauch führt schnell zu Empathie-Mangel und fehlender Solidarität". Dadurch werden Vorurteile immer wieder erneuert und Menschen negativ abgestempelt. Als Beispiel nennt er "Blondinen": "Es ist haarsträubend, eine Gruppe von Frauen wegen ihrer Haarfarbe abzuqualifizieren."

"Ich meine es doch nicht böse"

Kommunikation ist viel mehr als der emotionslose Austausch von Wörtern. Wir meinen es anders, als wir es sagen, setzen Worte in einen anderen Kontext als unsere GesprächspartnerInnen.

Auch kulturell und zeitlich geprägte Höflichkeitssysteme fließen in unsere Kommunikation mit ein. In jeder Kultur, in jeder Gesellschaft und Zeitepoche gibt es Gepflogenheiten darüber, was als Beleidigung gewertet wird und was nicht.

Darum hält Reisigl nichts von der Aussage „Ich meine es doch nicht böse“ und gibt ein Beispiel: „Eine Einzelperson kann noch so sehr beteuern, dass sie das ‚N-Wort‘ nicht negativ gemeint hat. Tatsache ist, dass das N-Wort so oft und so lange und von so vielen schon abwertend gebraucht wurde, dass es klar negativ behaftet ist. Es wird von Menschen, die mit dem Wort bezeichnet werden, mehrheitlich als verletzende Benennung wahrgenommen.“

Was ist korrekte Sprache?

Ob wir es „so meinen“ oder nicht, ist also nachrangig. Wird eine Bezeichnung von einer benachteiligten Gruppe als verletzend empfunden, so ist sie es auch. Aber was bedeutet korrektes Sprechen überhaupt?

„Die Frage nach der ‚korrekten‘ Sprache ist einer ständigen gesellschaftlichen Aushandlung unterworfen“, sagt Reisigl. Was korrekt ist und was nicht, hängt von Zeit, Kultur, Situation, Thema und Publikum ab. „Normale“ Begriffe können schnell eine Verschlechterung ihrer Bedeutung erfahren, gibt Reisigl zu bedenken.

Als Beispiel nennt er die Bezeichnung „Mensch mit Migrationshintergrund“: Sie war einst wertfrei gedacht. "Migrationshintergrund" wird aber so oft im negativen Kontext diskutiert, dass dieser mit der Zeit auf das Wort abfärbt. Auch Bezeichnungen wie „AusländerIn“ oder „Flüchtling“ werden meist negative Eigenschaften zugeschrieben.

Und jetzt?

Fakt ist: Sprache hat sich immer schon verändert und wird es auch weiterhin tun. Dass Sprache rein natürlich wächst, ist ein Irrglaube. „Sprache wird politisch mitgestaltet“, sagt Reisigl. „Denken wir an das Konstruieren von Standardsprachen und Nationalsprachen.“ Letztendlich entscheiden wir aber selbst, wie wir unsere Sprache formen und welche Begriffe wir hinterfragen oder aus unserem Sprachgebrauch verbannen wollen - oder nicht. Und das sagt beides auch etwas über uns aus.

Dr. Martin Reisigl ist Assistenzprofessor am Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien

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