Ein Mann blickt enttäuscht in die Ferne

Stefan* sieht als älterer Arbeitsloser kein Perspektive mehr. Credit: t_Ushar auf pixabay.com

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/ 10. November 2020

Stefan* ist 59 Jahre alt und seit zwei Jahren durchgehend arbeitslos. Mittlerweile glaubt er nicht mehr, eine Stelle zu bekommen. Vom AMS und der Politik wünscht er sich, ernst genommen zu werden.

 

Seitdem ich arbeitslos bin, habe ich etwa 300 Bewerbungen verschickt. Bei der Hälfte bekam ich nicht einmal eine Absage und zu einem Bewerbungsgespräch wurde ich bis jetzt noch gar nie eingeladen. Dabei versuche ich wirklich alles, um eine Arbeit zu finden und habe auch viele Ideen verfolgt. Mittlerweile bröckelt mein Selbstbild aber immer mehr. Das Gefühl, nichts mehr zu können, geht einfach nicht weg. 

Bis vor etwa 9 Jahren war ich sehr erfolgreich in meinem Beruf. Ich hatte eine leitende Position in der Pharmabranche. Als ich mit 50 Jahren entlassen wurde, fand ich zwar bald eine neue Arbeit. Dort diente ich aber nur als Sündenbock, der eine Abteilung schließen sollte. Danach machte ich mich mit zwei Projekten selbständig, die beide scheiterten. Das war vor zwei Jahren, seitdem bin ich durchgehend arbeitslos.

AMS hat ältere Arbeitslose aufgegeben

Beim AMS habe ich unterschiedliche Erfahrungen gemacht, aber es endete eigentlich immer mit dem Satz: “Ich kann nichts für Sie tun.” Ich glaube, man hat dort ältere Arbeitslose aufgegeben. Kurse bekomme ich sowieso keine bezahlt. Dennoch habe ich von Termin zu Termin mehr Druck bekommen und musste immer mehr Bewerbungen schreiben. 

Nach einem Jahr sagte mit mein Betreuer, dass ich in den sekundären Arbeitsmarkt muss, wenn ich nichts finde. Hauptsache, ich arbeite irgendwas. Dabei würde ich so gerne etwas Sinnvolles im sozialen Bereich machen, aber das scheint momentan unmöglich. Später kam ich beim AMS in die Einzelbetreuung für ältere Arbeitslose. Aber auch hier wurde der Druck bald immer höher. Sie wollten mich unbedingt in die Selbständigkeit zwingen.  

Im Jänner dieses Jahres wurde bei mir eine schwere Depression diagnostiziert. Ich war fast dankbar dafür. Irgendwie war das der Beweis, dass ich nicht verrückt werde. Ich war zuvor oft sehr wütend, ohne zu wissen warum. Der Lockdown war dann für kurze Zeit sogar positiv für mich, weil ich anscheinend in Krisensituationen besser funktioniere. Jetzt kümmere ich mich um meine sechsjährige Tochter und helfe meiner Frau im Geschäft aus. Aber den Rest der Zeit beschäftige ich mich mit meiner Situation. Ich habe schon Angst vor dem Jänner, wenn meine Krankschreibung ausläuft. Dann geht beim AMS wieder alles von vorne los.

Die Politik interessiert sich nicht für ältere Arbeitslose 

In der Politik gibt es eigentlich schon lange niemanden mehr, der sich um ältere Arbeitslose kümmert. Von der ÖVP erwarte ich nichts, aber auch von den Grünen hört man nichts mehr. Es wird ständig nur über Leistung gesprochen, als ob das eine Lösung wäre. Ich würde ja wahnsinnig gern etwas leisten - aber ich bekomme nicht die Chance dafür! Ich wünsche mir, dass sich endlich jemand ganzheitlich um die Situation kümmert. Dass sich jemand die Zeit nimmt und uns zuhört. Doch momentan betrachtet uns die Politik eher als nutzloses Gesindel.

Perspektiven sehe ich momentan eigentlich keine. Vielleicht schafft die Regierung irgendwann einen Rahmen, damit ich etwas Sinnvolles machen und der Gesellschaft noch etwas zurückgeben kann. Eigentlich wäre die Zeit reif für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Aber ich weiß, dass es nach diesem Lockdown noch weniger Stellen geben wird und die Anforderungen dafür höher sein werden. Die Situation wird also nur noch schwieriger.
 

*Name von der Redaktion geändert

 

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