Harfenistin Julia Reth
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/ 29. Juni 2020

Julia Reth ist Harfenistin und spielt als freie Musikerin in vielen großen Orchestern. Durch die Corona-Krise wurden all ihre Engagements bis in die Weihnachtszeit sofort abgesagt. Warum sie nun ihr Vater finanziell unterstützen muss, Interviews der Regierungsspitze sie vor Wut zum Heulen bringen und viele KünstlerInnen kein Geld aus dem Künstlerhilfsfonds bekommen werden.

 

Ich bin freischaffende Musikerin und spiele Harfe. Bereits zu Beginn der Corona-Krise wurden all meine Auftritte abgesagt, sogar Weihnachtskonzerte. Bis jetzt war mein Terminplan vollkommen leer. Doch nun habe ich eine Jobzusage des Stadttheaters Baden bekommen, dort wird es jetzt im Sommer doch noch eine kleine Operettenproduktion geben. Darauf freue ich mich wirklich sehr und das gibt mir Zuversicht. Weiters habe ich vier SchülerInnen, doch vom Unterrichten alleine kann ich nicht leben.

Mein Vater gibt mir etwas von seiner Pension ab

Mein Einkommen ist also einfach von einem Tag auf den anderen fast gänzlich weggebrochen. Dass in Wien plötzlich der klassische Musikbetrieb stillsteht, damit hat wirklich niemand gerechnet. Vom Härtefallfonds habe ich einmalig 500 Euro bekommen. Das ist ja nicht einmal eine Miete. Mein Vater ist über achtzig Jahre alt und hat eine stattliche Pension und finanziert mich derzeit mit. Ohne ihn würde ich einfach nicht über die Runden kommen. MusikerkollegInnen, die keine Unterstützung von der Familie erhalten, sind derzeit wirklich arm dran. Eine Freundin, die als Geigerin für gewöhnlich ebenfalls in verschiedenen Orchestern spielt und immer gut verdient hat, hat mir letztens erzählt, dass sie nur noch 13 Euro übrig hat. 

Kulturbetrieb in Österreich nur durch uns Freie möglich

Ich spiele meist in verschiedenen Orchestern, etwa bei den Operettenfestspielen in Mörbisch, im Stadttheater Baden, aber auch bei den Symphonikern. Denn dort gibt es nur einen fix angestellten Harfenisten. Wenn Kompositionen aufgeführt werden, bei denen zwei Harfen gebraucht werden, dann werde unter anderem ich gebucht. Österreich rühmt sich eine Kulturnation zu sein und ohne uns freien MusikerInnen wären nicht einmal die Salzburger Festspiele möglich. Und nun werden wir einfach im Regen stehen gelassen.

Bin in Depression verfallen

Andere KollegInnen haben zu Hause während des Shutdowns viel geübt, haben via Facebook Konzerte gestreamt, aber ich bin in eine Depression gefallen. Ich habe meine Harfe drei Monate lang nicht einmal angerührt. Ich habe mit Handarbeiten begonnen und bin mit meinem Hund spazieren gegangen. Die Situation war einfach so aussichtslos und es war von Anfang an klar, dass der Kulturbetrieb lange unter Corona leiden wird. Vieles wird aufgrund der strengen Auflagen einfach nicht möglich sein und keiner weiß, wie lange diese Krise noch andauert.

Wut und Tränen bei Kurz-Interview

Von der Regierung haben wir KünstlerInnen lange nichts gehört, bis zu dem Interview der damaligen Kulturministerin Ulrike Lunacek, über das sich viele zu Recht empört haben. Alles, was da gesagt wurde, war so weit entfernt von unserer Lebensrealität. Sie ist ja dann auch zurückgetreten.

Vor zwei Wochen wollte ich mir ein Interview von Bundeskanzler Sebastian Kurz auf meinem Handy anschauen. Er hat davon gesprochen, dass allen geholfen wird und kein Land das so gut macht wie Österreich. Ich hätte vor Wut fast mein Telefon gegen die Wand geschleudert. Dann war ich so frustriert, dass ich zu heulen begonnen habe.

Viele KünstlerInnen werden von dem Künstlerhilfsfonds nichts bekommen

Ab Juli sollen freischaffende KünstlerInnen ein halbes Jahr lang pro Monat 1.000 Euro von einem Hilfsfonds erhalten, der mit insgesamt 90 Millionen anberaumt ist. Das klingt zwar gut, aber bei näherem Hinsehen bezweifle ich, ob viele aus diesem Topf etwas bekommen werden. Voraussetzung ist, dass die KünstlerInnen bei der Sozialversicherung der Selbstständigen versichert sind. Jedoch wird es wohl schwer werden, etwas zu bekommen, wenn man nicht für den Künstlersozialversicherungsfonds in Frage kommt. Dieser zahlt Beihilfen für KünstlerInnen aus oder zahlt  Zuschüsse in besonderen Notfällen. Doch wer zu viel oder zu wenig verdient, wird dort nicht aufgenommen. Weiters wurde nun bekannt: Wer viel unterrichtet, wird auch nichts aus dem Hilfsfonds bekommen - und viele KollegInnen finanzieren sich hauptsächlich dadurch. Ich bin in der Künstlersozialversicherung und sollte für den Hilfsfonds infrage kommen. Doch ich muss jetzt erst einmal abwarten. 

Solidarität in der Corona-Zeit war enorm

Ich habe aber auch positive und neue Erfahrungen gemacht. So hatte ich zum Beispiel einen Gastauftritt in dem Podcast “Wie das Leben so spielt”, bei dem viele MusikerInnen interviewt werden, aus den unterschiedlichsten Richtungen. Und danach bekam ich plötzlich Spenden von Menschen, die ich nur flüchtig kenne. Vielen war einfach nicht klar, wie prekär die Situation für uns MusikerInnen ist. Eine Frau, die als Hobby Harfe spielt und mit der ich nur einmal auf einen Kaffee war, hat mir sogar 500 Euro überwiesen. Das hat mich enorm berührt. Über den Podcast habe ich auch einen Rapper kennengelernt, mit dem ich jetzt ein Projekt starten werde. Eine solche musikalische Mischung ist wohl einzigartig. Corona hat immerhin diesbezüglich etwas die Kreativität beflügelt.

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