Was ich wirklich denke
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/ 7. April 2020

Martina muss sich alleine um ihre 9-jährige Tochter kümmern. Außerdem musste sie ihr kleines Kosmetik-Studio aufgrund der Corona-Krise vorläufig schließen. Wie viele Selbstständige weiß sie nicht, wie sie diese Zeit überstehen soll. Die Krise verschärft Probleme, die auch sonst da sind.

Ich bin Alleinerzieherin, arbeite als Visagistin und habe ein kleines Kosmetik-Studio. Das ist momentan natürlich geschlossen. Derzeit versuche ich meinen Online-Shop auf- und auszubauen. Über die Bestellungen kommt wenigstens ein bisschen Geld herein, doch im Moment geht es mir wie vielen Selbstständigen: Ich habe keine Ahnung, wie es weitergeht, ob nach der Krise das Geschäft schleppend verläuft und wie ich diese Zeit überhaupt finanziell durchstehen kann. 

Corona-Hilfspaket für Selbstständige reicht nicht

Vom Staat habe ich eine Soforthilfe in der Höhe von 500 Euro bekommen, doch das reicht nicht mal für die private Miete. Ich kann jetzt nur hoffen, dass mir die Miete für den Salon erlassen wird. 

Ich habe schon Aussagen zu hören bekommen wie: “Hättest du halt für diese Situation gespart!” Darüber ärgere ich mich sehr. Einerseits sehe ich nicht ein, dass in dieser Krise Menschen auf private Rücklagen zurückgreifen müssen - hier sollte wirklich der Staat helfen. Andererseits habe ich schon davor wegen eines Hausbrandes auf mein Erspartes zurückgreifen müssen. Außerdem braucht es auch für eine Geschäftsgründung private Ressourcen.

Zudem ist es für Alleinerziehende schwer, Rücklagen bilden zu können. Das hat vielerlei Gründe: Sie brauchen etwa eine größere Wohnung, weil sie eben ein Kind oder mehrere haben. Das ist natürlich teurer. Sie können in der Regel nicht so viel arbeiten wie Vollzeitkräfte, weil sie sich eben auch um die Kinder kümmern müssen und haben zusätzliche Kosten, wie die der Nachmittagsbetreuung (von der ich übrigens finde, dass sie für alle Alleinerziehenden kostenlos sein müsste).

Neben all den existenziellen und beruflichen Sorgen, muss ich mich derzeit um meine Tochter völlig alleine kümmern und muss dazu schauen, dass der häusliche Unterricht gelingt. Mein Ex-Mann wohnt ja nicht im selben Haushalt, er soll nun keinen Kontakt mit meiner Tochter haben. Der Vater meiner Tochter war sogar zwei Wochen in Quarantäne, er hat sich allerdings nicht infiziert. Ich kann aufgrund der aktuellen Situation auch nicht meine Eltern oder andere um Hilfe bitten.

Kinderbetreuung und Arbeit: Ein unmöglicher Balanceakt

Die Corona-Krise zeigt ein großes Problem, das schon lange besteht: Alleinerziehende erhalten viel zu wenig Unterstützung. Sie müssen einen schier unmöglichen Balanceakt zwischen Kinderbetreuung und Job hinkriegen. Meistens können sie eben nur Teilzeit arbeiten - und diese Jobs sind in der Regel mies bezahlt. Ich wurde etwa einmal als Verkäuferin in einem Schmuckgeschäft gekündigt, weil ich einfach nicht bis Abends im Geschäft stehen konnte. So sehen viele Alleinerzieherinnen keinen anderen Ausweg als die Selbstständigkeit, zumindest war es bei mir so. 

Wer selbstständig ist, kann aber nicht einfach Feierabend machen. Da ist auch die Buchhaltung zu erledigen, das Aufbauen eines eigenen Kundenstammes kostet ebenfalls viel Energie. Immerhin kann ich mir die Zeit besser einteilen. Aber nebenbei muss auch die Kinderbetreuung und der Haushalt gelingen. Ich muss immer funktionieren, es ist viel Druck. Ich hatte schon ein Burnout und kenne viele Frauen, denen es ähnlich geht.

Keine spezielle Hilfe für Alleinerziehende

Auch bei den aktuellen Corona-Hilfspaketen sieht man es deutlich: Wer viel Umsatz gemacht hat, bekommt auch mehr Geld. Und hier ziehen AlleinerzieherInnen wieder den kürzeren, da sie eben viel weniger arbeiten können. Darauf wird absolut keine Rücksicht genommen, auch nicht auf die höheren privaten Ausgaben, die eben mit einem Kind einhergehen.

Das ist ein generelles Problem: Mir wurde etwa eine Wohnbauförderung mit der Begründung abgelehnt, dass ich die letzten Jahre zu wenig verdient und Steuern bezahlt habe.

Ich finde, hier müsste es für AlleinerzieherInnen Ausnahmen oder spezielle Hilfeleistungen geben.

Menschen sollen nach der Corona-Krise bewusster einkaufen

Ich wünsche mir, dass die Leute nun bewusster einkaufen. Sie sollen kleine Läden und Selbständige unterstützen und nicht bei Riesen wie Amazon kaufen. So viele haben es aufgrund der Corona-Krise jetzt wirklich schwer. Solidarität ist jetzt wichtiger denn je!

Und vom Staat wünsche ich mir, dass er endlich Alleinerziehende entsprechend unterstützt! Die Corona-Krise zeigt die bisherigen Versäumnisse in einem unbeschreiblichen Ausmaß auf. Da müsste sich endlich langfristig etwas ändern.

 

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