Fantastische Renditen mit ETF? Was dir die Finanz-Influencer verschweigen
Woran es auf Plattformen wie YouTube wirklich nicht mangelt, sind ‘Finfluencer’ mit Spar- und Investment-Tipps. Die Bandbreite der Empfehlungen reicht da von schwindligen Crypto-Scams über Gold und andere Edelmetalle - bis hin zum fast schon konventionellen Vorschlag, Geld besser in Aktien zu investieren als es aufs Sparbuch zu legen.
Dieser Vorschlag wirkt deshalb konventionell, weil er auch jenseits von YouTube von verschiedenster Seite kommt. Schon ab 10 Jahren empfiehlt der Bankenverband die Unterrichtsmaterialien “börse4beginners” der Wiener Börse. Allerorten klären Banken und Versicherungen unter dem Schlagwort ‘Finanzbildung’ über Vorzüge von aktienbasierten Sparformen auf.
Pflichtschuldig finden sich bei den meisten dieser Informationsangebote auch Hinweise auf Risiken. So wirbt die Erste für ein “Investieren mit Plan” schon “ab 10 Euro im Monat”, schreibt dabei aber so brav wie allgemein im Untertitel: “Wertpapiere bergen Risiken”. Welche genau das sind? Darüber findet sich auf der Startseite nichts und auch bei den konkreten Produkten bleibt es bei allgemeinen Aussagen im Kleingedruckten.
So heißt es zum Beispiel bei einem vergleichsweise spekulativen Wertpapier, das auf der Kryptowährung Bitcoin aufsetzt:
“Wertentwicklungen unter 12 Monaten haben aufgrund der kurzen Dauer wenig Aussagekraft. Die Wertentwicklung der Vergangenheit lässt keine verlässlichen Rückschlüsse auf die zukünftige Entwicklung eines Finanzinstruments zu.” Vor allem der zweite Satz ist richtig und wichtig, wir werden später noch auf ihn zurückkommen.
Heilsbringer ETF
Die banken- und millionärsfinanzierte Agenda Austria wiederum wischt Bedenken zur Seite, dass börsenbasierte Investments zu riskant und spekulativ sein könnten: “Der Aktienmarkt ist kein Casino” heißt es dort über einer Grafik. Sie zeigt, wie sich ein fiktives Investment von 100 Euro im Jahr 2006 über 20 Jahre hinweg entwickelt hätte. Klarer Gewinner: der MSCI World, ein globaler Aktienindex, der die Kursentwicklung von rund 1.300 Aktien aus 23 Industrieländern abbildet.
Ja, Aktien haben im Rückblick auf die lange Frist substanziell höhere Renditen als andere Sparformen wie ein Sparbuch gebracht. Hinzu kommt ein Boom an Anlageformen wie ETFs, die es auch Kleinanleger:innen erlauben, das Risiko breit zu streuen.
Ein ETF und das Risiko
ETF steht für “Exchange-Traded Fund”. Diese Fonds werden selbst an der Börse gehandelt. Die populärsten und gemeinhin als besonders sicher eingestuften ETFs sind dabei passiv verwaltete Indexfonds. Die bilden einfach automatisch ganze Wertpapierindizes ab. Zum Beispiel den Dow Jones oder den S&P 500 nach. Das gilt also also für gewöhnlich als risikoarm.
Freilich weiß man nie, wann eine Situation ungewöhnlich wird. Der S&P 500 klingt zum Beispiel sehr sicher. Er bildet hunderte Aktien ab. Aber fast 40% des Gesamtwerts entfällt auf die zehn größten Unternehmen. Und die größten 7 davon sind Big-Tech-Konzerne. Die sind neuerdings allesamt stark im KI-Bereich engagiert. Das nennt man ein Klumpenrisiko.
Das Versprechen automatischer Gewinne
Die Idee hinter solchen ETF Indexfonds: auch die besten Fondsmanager:innen schlagen auf lange Sicht kaum je die Entwicklung des Gesamtmarktes. Solange also der abgebildete Aktienmarkt zulegt, erwirtschaftet auch der ETF einen Gewinn. Das Risiko ist breit gestreut und damit geringer, als wenn man nur in einzelne ausgewählte Aktien investieren würde. Und ohne teure Fondsmanager:innen sind auch die Verwaltungskosten solcher Investmentprodukte sehr niedrig.
Bis hierher hört sich das alles zugegeben sehr verlockend an. Wer vor 20, 30 oder 40 Jahren breit in Aktien investiert hat, dessen Rendite war ein Vielfaches von der eines gewöhnlichen Sparbuchs. Auch hier hat die Agenda Austria die passende Grafik parat, um den Vorteil von Aktien gegenüber Sparbüchern oder klassischen Lebensversicherungen zu dokumentieren. Sie argumentiert, im Chor mit Banken und Versicherungswirtschaft, dafür, Pensions- bzw- Rentengelder stärker am Kapitalmarkt zu investieren. Auf diese Weise ließen sich höhere Renditen für die Altersvorsorge zu erzielen und gleichzeitig wäre mehr Geld für Investitionen in die heimische Wirtschaft verfügbar.
Sind also alle doof, die nicht längst alles verfügbare Geld in ETFs stecken?
Nein. Einerseits haben weite Teile der Bevölkerung nicht wirklich das Geld, um es überhaupt in Aktienmärkte stecken zu können. Ein Drittel der Haushalte kann gar nichts sparen. Im Gegenteil, es kämpft sogar mit Schulden.
Aber auch abgesehen von diesem grundlegenden Problem ist es außerdem alles andere als ausgemacht, dass mehr Kapitalmarkt in der Altersvorsorge eine gute Idee ist. Denn auch wenn ETFs das Risiko streuen, kommt es immer wieder zu teils heftigen Kursverlusten - man denke etwa an die Finanzkrise 2008, die Corona-Krise 2020 und die massiven Einbrüche nach Donald Trumps angekündigten Zöllen 2025 oder jüngst auch seit dem Beginn des Iran-Kriegs.
Der Crash als Risiko
Hier kommt üblicherweise das Gegenargmunent, dass man in ETFs langfristig investieren sollte und solche Einbrüche auf lange Sicht wieder aufgeholt werden. Aber das geht ja nicht immer. Die Risiken haben in der Branche auch alle fancy Namen. Da wäre das “Post-Investment-Crash-Risiko”. Das betrifft dich, wenn du deine Ersparnisse binnen kurzer Zeit in ETFs umschichtest und es gleich danach zum Einbruch kommt. Das wäre zum Beispiel der Fall, wenn Du heute Deine Ersparnisse in ETFs anlegst und morgen die KI-Blase platzt und weltweit die Börsen auf Talfahrt schickt. Du startest dann erst einmal mit großem Rückstand.
Wer nicht warten kann, zahlt drauf
Klarerweise ist dieses Risiko geringer, wenn du viel Zeit hast und nicht rasch große, sondern stetig kleinere Beträge investierst. Das wird in der Regel bei einer privaten Altersvorsorge gemacht.
Doch auch in diesem Fall gibt es eine Gefahr, es droht das “Post-Crash-Payout-Risiko”. Ein Crash passiert, kurz bevor du dein Geld ganz einfach brauchst. Wer zum Beispiel seine Pension über den Kapitalmarkt finanziert, kann nicht einfach Mal einige Monate oder sogar Jahre warten. In so einem Fall führt kein Weg daran vorbei, Kursverluste zu realisieren.
Geht das mit ETF immer so weiter?
Privatisierte Altersvorsorge geht so mit einem höheren individuellen Verlustrisiko einher verglichen mit einer Pension im Umlagesystem. Aber selbst wenn man dieses individuelle Risiko ausblendet, stellt sich die Frage, ob der Blick zurück auf die letzten 20, 30 Jahre wirklich so ein guter Ratgeber für die nächsten 20, 30 Jahre ist. Wie lautete noch einmal der zweite Satz des zitierten Risikohinweises?
“Die Wertentwicklung der Vergangenheit lässt keine verlässlichen Rückschlüsse auf die zukünftige Entwicklung eines Finanzinstruments zu.”
Denn warum haben sich eigentlich die Aktienmärkte in den vergangenen Jahrzehnten gar so gut entwickelt? Obwohl das Wirtschaftswachstum in den USA und Europa in dieser Phase niedriger war, als in den Jahrzehnten davor, haben sich die Aktienmärkte um einiges dynamischer entwickelt.
Bis zu einem gewissen Grad mag das die positive Entwicklung der Weltwirtschaft insgesamt wiederspiegeln - auch weil an Börsen in den USA und Europa viele Globalisierungsgewinner gehandelt werden. Just diese Globalisierung hat aber spätestens seit der Wiederwahl von Donald Trump den Rückwärtsgang eingelegt. Dass die Globalisierungsrally in den nächsten 20 Jahre genauso weitergeht wie in den letzten 20 Jahren ist zumindest fraglich.
Der aufgepumpte ETF-Markt
Hinzu kommt, dass es daneben noch einen weiteren Grund für die steigenden Kurse gegeben hat. Der war, vielleicht sogar wichtiger: Zahlreiche Industrielänger haben in der Altersvorsorge ihr System umgestellt - allen voran in den USA.
Mit Steuerzuckerln wurde dafür gesorgt, dass die Leute mit ihren Pensionsrücklagen investieren. Da geht es um die so genannten 401(k)-Konten, von denen man bei uns vor allem in TV-Serien öfters hört. Bei der Einzahlung wird erst einmal gar nichts versteuert - erst bei der Auszahlung im Alter. Dafür haben die Menschen weniger fixe Ansprüche - wie wir sie im Umlagesystem in Österreich oder Deutschland haben. Das Risiko dafür trägt bei der Investmentpension der einzelne Mensch allein. Aber all das hat seit den 1980er-Jahren massiv viel Geld in Kapitalmärkte geführt - vor allem in ETFs. Dadurch stiegen die Kurse.
Die Boomer wollen ihr Geld
Genau diese Logik hat aber ein Ablaufdatum: wenn die geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge in den Ruhestand gehen, sind sie auf laufende Auszahlungen angewiesen. Ab dann könnte von den älteren mehr Geld abgezogen werden, als von jüngeren Jahrgängen eingezahlt wird. Deshalb ist die “kapitalgedeckte Altersvorsorge” eben auch nicht immun gegenüber dem demographischen Wandel. Auch in so einem System wird von Erwerbstätigen zu nicht mehr Erwerbstätigen umverteilt.
Mit anderen Worten: ETFs haben in ver Vergangenheit je nach Index und Betrachtungszeitraum im Schnitt bis zu 10 Prozent abgeworfen. Aber wenn diese wichtigen Treiber ausbleiben, könnte es sich als fatal erweisen, davon auf zukünftige Renditen zu schließen.
Risiken für Einzelne und für die Allgemeinheit
Bedeutet das alles, dass es ein Fehler ist, Geld in Aktien bzw. ETFs zu investieren? Nicht unbedingt. Natürlich kann es sich im Einzelfall auszahlen, sein Geld auf diese Weise anzulegen. Aber dabei muss klar sein, dass es keine sicheren Renditen gibt. Weder kurz- noch langfristig. Und: Neben den Risiken für den einzelnen Menschen, gibt es auch systemische Risiken.
Und diese systemischen Risiken sind sehr wohl ein guter Grund dafür, die in Österreich etablierte, umlagebasierte Altersvorsorge beizubehalten - und sehr skeptisch gegenüber Empfehlungen zu sein, die mehr private, kapitalgedeckte Altersvorsorge einfordern. Vor allem, wenn sie von jenen kommen, die sich davon ein gutes Geschäft erhoffen. Denn das - zunehmend globale - Problem geburtenschwächerer Jahrgänge lässt sich damit auch nicht beseitigen. Gleichzeitig würden so individuelle und kollektive Pensions- und Rentenansprüche an die Lage auf den internationalen Finanzmärkten gekoppelt - unkalkulierbare Risiken inklusive.









