Geflüchtete Kinder beim Kinderschminken, Moria 2020.

Geflüchtete Kinder beim Kinderschminken, Moria 2020.

Foto: Dilan Bayram

/ 28. Januar 2021

Ob in ihrer vom Krieg zerstörten Heimat, während der Flucht ins sichere Europa, beim Warten in Lagern oder nach der Ankunft: für nach Österreich und Europa geflüchtete ist das Leben die Hölle. Die Proteste gegen ein unmenschliches System werden lauter.

Die gnadenlosen Abschiebungen von in Österreich geborenen Kindern in Wien sorgen gerade für Schlagzeilen und Proteste. Auch fast eineinhalb Jahrzehnte nach dem Fall Zogaj hat die österreichische Politik nicht einmal für die unverständlichsten Fälle des Asylsystems eine humane Antwort entwickelt.

Unterdessen blockt das europäische Asylwesen immer noch Menschen auf der Flucht an seinen Grenzen ab. Unter anderem auf griechischen Inseln und am Balkan sind die Zustände in Lagern grässlich. Auch dagegen wird der Protest immer lauter. Das kommende Wochenende ist das siebte, an dem AktivistInnen vor dem Tiroler Landestheater bei Minustemperaturen zelten. Sie wollen auf die unmenschlichen Zustände an unseren Grenzen hinweisen. Und sie fordern die Evakuierung der Flüchtlingslager.

Solidaritätscamp "Noch ein Wochenende für Moria" vor dem Tiroler Landestheater.

Foto: Florian Scheible 

"Noch ein Wochenende für Moria"

Immer wieder bleiben Autos vor der Fußgängerzone des Tiroler Landestheaters stehen. Die Insassen entladen ihre Boxen und Plastik-Tragetaschen und bringen sie schleppend zum ehemaligen Pavillon-Restaurant, das nur wenige Meter vom Theatergebäude entfernt ist und leer steht. Der Platz vor dem senfgelben Theaterhaus ist seit der Pandemie belebter als sonst an einem Samstagnachmittag. Freiwillige einer Spendenaktion stehen bereits vor dem alten Restaurant und nehmen Taschen und Boxen dankend ab.  

Tagsüber sind es Gespräche zwischen Passierenden und AktivistInnen (mit Sicherheitsabstand) und abends Livemusik-Einlagen von lokalen Bands, die den Platz an Wochenenden nun zu einem Ort der Begegnung machen.

Hier begegne ich auch Saif Abdul Hussein, einem ehemaligen Soldaten aus dem Irak, wie ich später erfahre. Abdul Hussein trägt zwei Prothesen. Man sieht sie im Spalt zwischen seiner blauen Jeans und den schwarzen Sportschuhen. Er ist heute hier, um die Aktion zu unterstützen. Als wir ins Gespräch kommen, erzählt er mir, warum er nach Österreich gekommen ist. 

Irak 2005: Vor der Flucht 

Abdul Hussein erzählt, dass er während des Irakkriegs für das US-Militär im Einsatz war und Fahrzeuge kontrollierte. "Es war ein ganz gewöhnlicher Tag, an dem ich ein Familienauto stoppen musste, hinten saßen zwei Kinder und hatten die Augen geschlossen." Er musste überprüfen, ob die Kinder schliefen oder tot waren. Also öffnete er die Hintertüre des Fahrzeugs und weckte sie. Sie waren am Leben. "Die Frau am Beifahrersitz trug einen Niqab und stillte ihr Baby. Als sie bei der Personenkontrolle ihr Gesicht zeigte, war sie bleich, fast schon blau im Gesicht, genauso wie der Mann neben ihr." 

Im nächsten Moment war alles rot, sagt Abdul Hussein. Was genau passierte, weiß er nicht. Aber es gab eine Explosion. Er erinnert sich nur daran, dass er auf das Dach eines Hauses geschleudert wurde. "Ich hörte nichts mehr, nur noch ein Rauschen, es war dunkel. Ich konnte nichts sehen wegen all dem Schmutz und dem Blut. Ich hatte Blut in den Augen, in den Ohren. Meine Organe waren am Boden und meine Arme aufgerissen." Er zeigt mir seine Arme. Auf beiden Seiten sind tiefe Narben zu sehen, die seine kompletten Unterarme bedecken. "Ich wollte aufstehen, aber es ging nicht. Ich wollte stehen, doch ich drückte nur auf Knochen. Bei jedem Versuch aufzustehen fiel ich wieder auf den Boden". Er schluchzt. Abdul Hussein wurde Opfer eines Selbstmordattentats.

Saif Abdul Hussein (links) mit einem Prothesenhersteller in Florida. Saif wurde nach der Explosion auch in den Vereinigten Staaten behandelt.

Foto: Privat

Ihm wurden im Irak beide Unterbeine und ein Knie amputiert. Danach wurde er auch in den USA behandelt. Mehrere Monate nach seiner Reha besuchte er zum ersten Mal wieder seine Mutter. Nur Minuten nachdem er das Familienhaus wieder verließ, wurde sie erschossen.

Abdul Hussein sagt, der Mord hänge mit seinem ehemaligen Posten für US-Truppen zusammen. Damit mache man sich keine Freunde unter der irakischen Bevölkerung und vor allem terroristischen Gruppierungen. 

Innsbruck 2021: Der Protest 

Im Pavillon, der von der Stadt Innsbruck für die Aktion zur Verfügung gestellt wird, herrscht eine heitere Stimmung, hunderte Plastiktaschen und Dutzende Kartons sind aufeinandergestapelt, Musik läuft im Hintergrund und HelferInnen sind fleißig und motiviert am Ein- und Auspacken. Systematisch werden die Sachspenden an Jacken, Pullover, Socken, Schuhen, Decken und anderem nach Größen sortiert und in beschriftete Kartons wieder verpackt. 

Alles soll bald nach Bosnien transportiert werden und dort an Schutzsuchende übergeben werden, die die Nächte bei Minusgraden im Freien überbrücken müssen.  

Spendenaktion im ehemaligen Pavillon-Restaurant, Innsbruck.

Foto: Florian Scheible

David Troppmair, Gastronom in Innsbruck und Mitglied der SOS-Balkanroute, ist unter den HelferInnen und einer der Organisatoren der Spendenaktion. Er war zwischen November und Dezember 2020 in Velika Kladuša. In der Stadt im Nordwesten von Bosnien, unweit der kroatischen Grenze hat er Freiwilligenarbeit geleistet. 

Velika Kladuša 2020: Die Platznot 

Vor Ort hat der junge Gastronom mit FreundInnen Geflüchtete versorgt, die im Flüchtlingslager keinen Platz haben. Die Lager sind voll, also bleiben größtenteils Männer ohne Familien außen vor. Familien wird Vorrang gegeben. Troppmair und seine Crew haben jeden Tag zwischen 300 und 800 warme Mahlzeiten gekocht und an Menschen verteilt, die in der Winterkälte im Wald schlafen müssen. 

Es gäbe keine winterfesten Camps, keine menschengerechten Lebensbedingungen in Velika Kladuša, kritisiert er. Troppmair war schockiert über das allgemeine fremdenfeindliche Sentiment in Bosnien. Vor Supermärkten hat er Schilder gesehen: “Migrants not allowed”, stand darauf. Auf Deutsch: "Migranten verboten". 

Ein Geflüchteter kocht eine Mahlzeit im Waldcamp in Velika Kladuša.

Foto: Hasan Ulukisa

Irak nach den Anschlägen: Abdul Husseins Flucht 

Nach dem Anschlag war Saif Abdul Hussein’s Leben in seiner Heimat von körperlicher Beeinträchtigung, Perspektivenlosigkeit und Trauer über die Ermordung seiner Mutter geprägt. Und von der Angst, dass ihm das gleiche Schicksal widerfahren könnte. Er fühlte sich zur Flucht gezwungen. Mit den Habseligkeiten, die er mitnehmen konnte, machte er sich auf den Weg nach Europa. Der Weg ist für viele tödlich, insbesondere für Saif mit seinen zwei Prothesen ist sie umso gefährlicher. 

Was er von der Reise erzählt, ähnelt vielen anderen Geschichten: Die Schlepper, die ihn übers Ohr hauten. Die Flüchtlingsboote, die neben ihm untergingen. Die Menschen, die vor seinen Augen ertranken. Er war ungefähr einen Monat und eine Woche auf der Flucht. Er ist kilometerlange Strecken gelaufen. Während andere über Grenzzäune zu springen versuchten, musste er sich einen Weg darunter durchgraben.

Auf dem Weg nach Europa ging dann auch noch eine seiner Prothesen kaputt: “An der Grenze zu Ungarn habe ich meine kaputte Prothese abgenommen und sie als Schaufel benutzt, um mir den Weg freizuschaufeln“, sagt Saif.  „Es war mitten in der Nacht. Es hat mehrerer Stunden gedauert. Ein Polizist hat mir Wasser gegeben und gesagt, dass ich auf der anderen Seite nicht verraten darf, dass er mich über die Grenze ließ.“ Er deutet auf die Sohle seiner neuen Prothese: “Die Sohle war dann kaputt. Ich bin nur noch auf dem Metall gelaufen”. 

2015 auf österreichischem Boden, im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen angekommen, änderten sich die Lebensumstände nicht wirklich, sagt Saif. Im Flüchtlingslager habe es Platzmangel gegeben. Er und viele andere mussten dort unter freiem Himmel schlafen. Bei Unwetter verbrachte er die Nächte in einem Bus. All das, während ihn pausenlos Schmerzen aufgrund seiner defekten Prothese plagten.  

Moria 2020: Europas Schande

Fehlende Grundversorgung und zu geringe Kapazitäten in Flüchtlingslagern. Diese Zustände kennt auch meine Schwester. Ihr Name ist Dilan Bayram. Seit Beginn der Aktion vor dem Tiroler Landestheater unterstützt sie jedes Wochenende die AktivistInnen. Sie ist Pädagogin und Studentin in Innsbruck. Im Februar 2020 war sie in Moria und leistete Freiwilligenarbeit bei der gemeinnützigen Organisation “Team Humanity”. Deshalb beantwortet sie Fragen von PassantInnen und erzählt, was sie auf der griechischen Insel gesehen hat.

In Moria hat sie noch vor dem Lagerbrand September 2020, im "Hope and Peace Center" gearbeitet. Dort konnten Geflüchtete Essen und Kleidung holen - es reichte für ungefähr 1.000 Geflüchtete am Tag - bei einer Gesamtzahl von 20.000 Camp-BewohnerInnen.  

Geflüchtete Kinder stehen in der Warteschlange für Essen, Moria 2020.

Foto: Dilan Bayram

"Mir wurde immer schwer ums Herz, wenn ich die Kinder zitternd ohne Jacken und ohne gutes Schuhwerk in kilometerlangen Warteschlangen stundenlang für Essen warten gesehen habe. Sie hatten Verletzungen im Gesicht, ausgelöst durch Infektionen aufgrund der schlechten hygienischen Bedingungen vor Ort. Die Kinder haben Läuse."

Bayram macht eine Pause, ihre Stimme zittert beim Sprechen, das Erlebte geht ihr sehr nah. 

"Aber was sie trotzdem nicht verloren haben, ist ihr Lachen." Sie atmet auf und lächelt, "Ich glaube, die Kinder sind sich nicht bewusst, was dort gerade passiert."  

Ein Gespräch mit einigen Mädchen geht ihr nicht aus dem Kopf. Es war beim Kinderschminken. Eine Freizeitaktivität, die veranstaltet wurde, um den Kindern ein Stück Normalität zurückzugeben. Als Bayram dort einige Mädchen schminkte, erzählten die ihr, dass sie sich nachts nicht auf die Toilette wagten. Die Mädchen sagten, dass „hier Dinge passieren, wenn Mädchen alleine auf die Toilette gehen“. Sexuelle Übergriffe seien kein Einzelfall, „Es passiert fast jeden Tag etwas. Messerstechereien, Schlägereien, ich habe sogar von Ermordungen gehört. Aufgrund der Frustration sind sie psychisch in einer so schlechten Verfassung, dass sie gar nicht mehr wissen, was sie tun.“ 

Geflüchtete Kinder beim Kinderschminken, Moria 2020.

Foto: Dilan Bayram

Nach ihrer Freiwilligenarbeit ist sie ein weiteres Mal mit einer Spende von 5.000 Euro nach Moria zurückgekehrt. Die Summe hatte sie in Innsbruck gesammelt und konnte 900 geflüchteten Familien Nahrung zur Verfügung stellen. Ein Tropfen auf dem heißem Stein, denn sie sagt, dass sie sich die Situation seit dem Brand nur verschlechtert hat. Für sie gibt es nur eine Lösung „Die Leute müssen raus aus den Lagern. Sie sterben dort. Sie sind sich selbst überlassen. Europa und die Menschen müssen jetzt handeln.“ 

Velika Kladuša 2020: Behandelt wie Tiere 

Auf die Dringlichkeit der Situation und die menschenunwürdigen Lebensstandards macht auch David Troppmair aufmerksam, er wiederholt im Interview immer wieder, dass man nicht vergessen darf, dass es sich um Menschen handelt. „Wir haben sehr oft gehört, dass Geflüchtete in Velika Kladuša wie Tiere behandelt werden und dass sie keinen Bezug zu irgendwelchen anderen Menschen haben.“

Deswegen haben der junge Gastronom und seine FreundInnen stets darauf geachtet, auch eine zwischenmenschliche Beziehung zu den Geflüchteten aufzubauen „Wir haben gemerkt, dass das Zusammensitzen und einen Kaffee mit ihnen zu trinken fast gleich wichtig wie die Versorgung mit Essen war.“

In Innsbruck haben er und sein Team vier Transporter mit Sachspenden füllen können, die sie im Laufe der kommenden Woche nach Wien und von dort aus weiter nach Bosnien bringen werden. 

Spendenaktion vor dem ehemaligen Pavillon-Restaurant, Innsbruck.

Foto: Florian Scheible

Innsbruck 2021: Hoffnung und Schmerzen 

Saif Abdul Hussein ist einer der Geflüchteten, der die Flucht überlebt hat und es geschafft hat, heute auf österreichischem Boden zu sein. Seit einem Jahr ist er Schutzberechtigter. Seinen Alltag beschreibt der 36-Jährige allerdings immer noch als Hölle und hinterfragt die europäischen Grundwerte und Menschenrechte in Österreich. 

Seine Prothesen bereiten ihm seit fünf Jahren starke Schmerzen. Er hat mehrere Stürze erlitten, die zu Sehnenrissen führten. Vorher war er trotz aller Einschränkungen ein gut durchtrainierter Mann. 

Saif in Innsbruck vor seinem Sehnenrissen 2018 - ein muskelbepakter Sportler - und danach beim Hoffen auf eine Elektroprothese.

Doch seither hat sich sein Zustand stark verschlechtert. Er könnte durch  die Sehnenrisse das Gefühl in seiner rechten Hand verlieren. Er tut sich schwer, den Rollstuhl zu bedienen. Eine elektrische Knieprothese würde ihm das Leben erleichtern. Aber selbst kann er sich keine leisten. Der Kostenvoranschlag liegt bei 30.000 Euro. Eine Spendenaktion seit September steht erst bei knapp über 1.000 Euro. Die Gesundheitskasse hat Saif’s Antrag wiederholt abgelehnt. 

Trotz der Schwierigkeit bereitet er sich heute auf die Deutsch-A2-Prüfung vor. Er möchte seine Sprachkenntnisse schnell verbessern, sagt er. Damit er bald eine Arbeit findet und sich vielleicht doch die Prothese leisten kann. Aber ohne Arbeit fehlt ihm auch der Bezug zur österreichischen Mehrheitsgesellschaft. Über die Arbeitswelt erhofft er sich auch „die Möglichkeit, ein Teil von Österreich zu werden“. 

Lichtermeer „Wir haben Platz“ beim Solidaritätscamp in Innsbruck

Foto: Florian Scheible

Sechs Wochen nach Beginn der Aktion, die mittlerweile in vielen Städten in Österreich stattfindet, bleibt ihr Initiator zuversichtlich. Es ist der Theaterregisseur und Schauspieler Nick Neureiter. Er sagt: “Menschen sehen täglich grauenhafte Nachrichten und sie wollen etwas dagegen tun, aber sie fürchten, dass es keinen Sinn ergibt. Diese Aktion soll den Menschen das Bewusstsein und Selbstbewusstsein zurückgeben, dass das, was sie tun, auch etwas bewirkt.“ 

Doch noch hat die Politik kein bisschen auf die Proteste reagiert: Fast 2000 Menschen schlafen immer noch bei Minustemperaturen in Bosnien unter freiem Himmel. Und Moria ist mitsamt seiner Nachfolgelager längst als Schande und menschliche Katastrophe in die europäische Geschichte eingegangen. 

Neureiter und die anderen AktivistInnen wollen den Protest fortführen. Solange, bis alle Menschen aus den Camps in Europa einen Platz gefunden haben. 

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