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Führerschein – wozu eigentlich?

Der Verkehr trägt wesentlich zur Klimakrise bei, Städte wollen Autos vermehrt loswerden. Und doch bleibt der Führerschein, selbst im städtischen Raum, ein Symbol des Erwachsenwerdens. Warum eigentlich? Ein persönlicher Essay von Naz Küçüktekin.

20 Minuten zu Fuß. So lange, meinte Google Maps, würde ich vom Bahnhof zu jenem Ort in Bruck an der Leitha brauchen, den ich für meine Recherche über Solar-Anlagen in der Landwirtschaft unbedingt noch besuchen sollte. Zuvor hatte ich mir schon Sorgen gemacht, ob ich öffentlich überhaupt hinkommen würde. Aber 20 Minuten zu Fuß klangen machbar.

Am Bahnhof angekommen, merkte ich allerdings, was Maps mir nicht angezeigt hatte – beziehungsweise worüber ich selbst keine Sekunde nachgedacht hatte: wo ich da eigentlich gehen würde. Es handelte sich um eine Bundesstraße.


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Nach kurzer Abwägung zwischen dem Erfolg meiner Recherche und meinem Wohlergehen entschied ich mich als pflichtbewusste Journalistin für Ersteres. Jetzt war ich schließlich schon da.

Der Termin lief gut, aus der Recherche sollte ein guter Text werden, die Redaktion zufrieden sein. Aber als ich denselben Weg wieder zurückging, inzwischen etwas routinierter darin, genug Abstand zu den Autos zu halten und nicht jedes Mal zusammenzuzucken, hatte ich genug Zeit für einen Gedanken: Wie viel einfacher es wäre, selbst in einem dieser Autos zu sitzen. Nicht die Person zu sein, die am Rand einer Bundesstraße entlangläuft, sondern jene, die sich über diese merkwürdige Gestalt wundert.

Vielleicht, dachte ich, war es jetzt, mit damals Ende 20, doch an der Zeit, endlich einen Führerschein zu machen.

Ich gehöre zu jenen, die ihren Führerschein nicht schon in den Teenagerjahren gemacht haben. Nicht aus Überzeugung, sondern weil es finanziell schlicht nicht drin war. Ich bin in einem Arbeiter:innenhaushalt aufgewachsen. Über tausend Euro für Fahrstunden, Prüfungen und Behördengebühren auszugeben, war damals keine Kleinigkeit oder Herausforderung, sondern schlicht keine Option.

Also verschob ich die Entscheidung. Als Studentin dachte ich: Wenn ich mehr Geld verdiene, mache ich ihn. Später, in meiner ersten Anstellung: Wenn ich wieder etwas mehr Freizeit habe. Irgendwann wurde aus dieser aufgeschobenen Entscheidung fast eine Selbstverständlichkeit – als wäre es nur eine Frage der Zeit, bis auch ich irgendwann einen Führerschein haben würde.

Und nun, mit 30, mit theoretisch genügend Einkommen und ausreichend Zeit, frage ich mich: Brauche ich ihn überhaupt?

Es geht auch ohne

Ich lebe mein ganzes Leben schon in Wien. Einer Stadt, in der wir uns gerne über die öffentlichen Verkehrsmittel aufregen – oft auch zu Recht, es könnte immer besser sein. Trotzdem komme ich mit U-Bahn, Straßenbahn und Bus fast überall hin. Ein Auto brauche ich hier nicht. Das ist natürlich am Land anders, wo man teilweise tatsächlich auf ein Auto angewiesen ist. 

Doch für mich war die Situation in Bruck an der Leitha die Ausnahme, nicht die Regel. Selbst dort war sie im Nachhinein weniger alternativlos, als sie mir in dem Moment erschien. Ich hätte ein Taxi rufen können. Vielleicht meinen Interviewpartner bitten, mich vom Bahnhof abzuholen. Umständlich? Ja. Aber kein unüberwindbares Problem meines Alltags. Und so ist es für viele.

Führerschein als Symbol

Andere würden sich in solchen Fällen vielleicht noch ein Auto ausborgen oder -leihen. Ich habe ja aber eben nicht nur kein eigenes Auto. Ich habe schon keinen Führerschein. Während ein autoloses Leben im städtischen Raum noch normal erscheint, ist das Nicht-Haben eines Führerscheins auch in der Stadt erklärungsbedürftig. Diese Irritation begegnet mir nicht nur in Gesprächen über Mobilität oder bei beruflichen Terminen, sondern auch im Privaten.

Als ich kürzlich mit einer Freundin darüber sprach und erzählte, dass ich immer mehr glaube, vielleicht nie einen Führerschein zu machen, sagte sie: „Weiß nicht, irgendwie gehört so ein Führerschein schon zur Allgemeinbildung.“

Mich irritierte weniger der Satz selbst als seine Selbstverständlichkeit. Denn „gehört dazu“ sagt sich leicht über etwas, das mehrere tausend Euro kostet. Wer mit 17 problemlos den Führerschein macht, erlebt ihn womöglich als normalen Übergang ins Erwachsensein. Wer sich erst fragen muss, ob das Geld dafür überhaupt da ist, erlebt ihn anders.

Denn oberflächlich betrachtet könnte man Fragen nach dem Führerschein als belanglosen Small Talk abtun. Schaut man genauer hin, erzählen sie aber von einer gesellschaftlichen Normalität, in der das Auto weit mehr ist als ein Verkehrsmittel. Es steht für Unabhängigkeit, Flexibilität, Selbstständigkeit – und oft schlicht für Erwachsensein.

Was ist normal?

Dass wir das Auto als Normalzustand betrachten, zeigt sich oft in kleinen Momenten. Wenn nicht die Bundesstraße absurd wirkt, auf der jemand schutzlos zu Fuß gehen muss, sondern die Person selbst. Wenn Erwachsene ohne Führerschein erklären sollen, warum sie keinen haben und komplett klar scheint, dass jede:r einen braucht. Wenn Mobilität fast automatisch mit Autofahren gleichgesetzt wird.

Gleichzeitig leben wir in einer Zeit, in der genau dieses Mobilitätsmodell zunehmend infrage steht. Oder zumindest stehen sollte. Der Verkehr gehört zu den großen Verursachern von Treibhausgasen, Städte versuchen im Großen und Ganzen zumindest, den Autoverkehr zu verringern und Straßenraum neu zu verteilen.

Und doch bleibt der Führerschein ein erstaunlich stabiles Symbol.

Führerschein als Selbstverständlichkeit

Diese Ambivalenz zeigt sich auch in den Zahlen: Laut Verkehrsclub Österreich lenken 34 Prozent der Menschen ab 16 Jahren nie oder nur selten ein Auto, in Wien sind es sogar 63 Prozent. Aber 85 Prozent der Menschen in Österreich haben einen Führerschein. Führerscheine werden sogar wieder beliebter: 2024 wurden laut Statistik Austria 159.242 neue Lenkberechtigungen ausgestellt. Nach einem Tief während der Coronapandemie ist das der zweithöchste Wert seit 2013. Fast ein Drittel der 17-Jährigen machte den Führerschein über das L17-Modell. Auch der Pkw-Bestand wächst weiter: 2025 waren 5,29 Millionen Autos zugelassen – rund eine halbe Million mehr als noch 2015.

Die Zahlen erzählen damit eine doppelte Geschichte: Während die Nutzung für viele an Bedeutung verliert, bleibt die gesellschaftliche Bedeutung des Autos stabil. Selbst dort, wo man es kaum braucht, gilt es weiterhin als Maßstab für Normalität – obwohl wir gleichzeitig wissen, dass genau diese Normalität Teil des Problems ist.

Ich habe jedenfalls einen Umschwung erlebt. Ich frage mich mit 30 endlich nicht mehr, wann ich den Führerschein machen werde. Sondern warum ich so lange dachte, ich müsste das. Vielleicht gehört zum Erwachsenwerden nicht unbedingt, einen Führerschein zu besitzen. Vielleicht eher, zu erkennen, wie selbstverständlich uns manche Formen von Mobilität erscheinen – selbst dann, wenn wir sie gar nicht brauchen.


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