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Ungleichheit

Vergewaltiger-Netzwerke: „Die Justiz sollte da so entschlossen vorgehen wie bei Organisierter Kriminalität“

Vergewaltiger-Netzwerke: „Die Justiz sollte da so entschlossen vorgehen wie bei Organisierter Kriminalität“
In Tirol soll ein Mann seine Partnerin mehrfach betäubt und vergewaltigt haben. Es ist der zweite solche Fall, der in Österreich bekannt wird – und ziemlich sicher nicht der letzte. Ein Tiroler Verein hat aus diesem Anlass eine Kundgebung in Innsbruck organisiert.

Hinweis: In diesem Text geht es um sexualisierte Gewalt.

In Tirol ist am Wochenende ein neuer Fall bekanntgeworden, in dem ein Mann seine Partnerin und möglicherweise auch eine Ex-Partnerin wiederholt betäubt und vergewaltigt haben soll. Er sitzt in Untersuchungshaft.

Es ist der zweite solche „Pelicot-Fall“ in Österreich. Die Dunkelziffer dürfte allerdings hoch sein, denn die betroffenen Frauen bekommen meist nichts von den an ihnen verübten Verbrechen mit.

Im ersten bekanntgewordenen Fall wurde ein Niederösterreicher im Herbst zu sieben Jahren Haft verurteilt. MOMENT.at hat über diesen Fall und die Hintergründe sowie über mögliche Hindernisse bei der Strafverfolgung bereits im Winter berichtet, inzwischen haben auch andere Medien das Thema aufgegriffen.

Aus Anlass des aktuellen Falles in Tirol hat der Verein Frauen*vernetzung Tirol kurzfristig eine Kundgebung in Innsbruck am Abend des 20. Juli organisiert. Eine der Organisatorinnen ist Zeliha Arslan, im Hauptberuf Landtagsabgeordnete und Frauensprecherin der Tiroler Grünen.

MOMENT.at: Frau Arslan, was hat die Nachricht über den Fall von sexualisierter Partnerschaftsgewalt in Tirol in Ihnen ausgelöst?

Zeliha Arslan: Sie hat für mich vor allem etwas Trauriges bestätigt, nämlich dass der gefährlichste Ort für Frauen und Mädchen eben nicht die dunkle Gasse ist, sondern das eigene Zuhause. Und dass sexualisierte Gewalt ein strukturelles Problem ist. Das Neue, Perfide und Beängstigende an diesen Fällen ist: Die Männer tauschen sich auch noch über die Taten aus, geben einander Tipps und teilen Videos – und die betroffenen Frauen bekommen teilweise über Jahre nichts mit, weil sie betäubt werden.

MOMENT.at: Was wollen Sie mit der spontanen Kundgebung erreichen?

Arslan: Wir fordern, dass die Justiz bei diesem Thema die gleiche Entschlossenheit zeigt wie beim Vorgehen gegen organisierte Kriminalität – denn diese Netzwerke sind eine Form von organisierter Kriminalität. Wir verlangen, dass Österreich beim Europol-Projekt Medusa mitmacht. Außerdem wollen wir, dass Gewaltschutzeinrichtungen besser finanziert werden, und natürlich umfassende Präventionsarbeit und Bildung. Mehr Aufklärung für Frauen, wie man merken kann, dass einem so etwas passiert. Und ein Strafrecht, das nicht nur die Produktion, sondern auch den Besitz von Vergewaltigungsvideos unter Strafe stellt. (Anm. d. Red.: Auf Anfrage von MOMENT.at antwortete das Justizministerium im Winter, für die Strafverfolgung kämen bereits mehrere Straftatbestände in Frage – Expertinnen hingegen sahen hier eine Gesetzeslücke.)

MOMENT.at: Wer steckt hinter der Kundgebung? Welche Organisationen sind involviert?

Arslan: Die Frauen*vernetzung ist ein Kollektiv aus verschiedenen politischen und zivilgesellschaftlichen Organisationen und Privatpersonen. Die Grünen Frauen und die SPÖ-Frauen sind dabei, aber auch die Omas gegen Rechts, der migrantische Verein Lilith und ein alevitisches Frauenkollektiv. Ich selbst war schon vor meiner parteipolitischen Tätigkeit bei der Frauen*vernetzung und organisiere die Kundgebung als Privatperson mit. Wir versuchen, ein Sprachrohr für FLINTA-Personen zu sein und ihre Anliegen in Tirol sichtbar zu machen.

MOMENT.at: Planen Sie weitere Aktionen zu dem Thema?

Arslan: Wir werden im Rahmen der 16 Tage gegen Gewalt an Frauen und Mädchen im November zu einer großen Demonstration aufrufen. Es gab in letzter Zeit weitere grausame Fälle von Gewalt in Tirol – letztes Jahr der Fall einer Mutter und einer Tochter, die von einem Brüderpaar ermordet und in einer Tiefkühltruhe aufbewahrt worden sein sollen, vor kurzem ein weiterer Femizid. Jetzt sprechen wir von einem Netzwerk mit 70.000 Männern. Dafür ist mir die Empörung immer noch zu klein.

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Was tun bei Verdacht auf „chemische Unterwerfung“ durch den Partner?
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Ob Gisèle Pelicot in Avignon, „Daniela Gruber“ in Niederösterreich oder „Marlene“ in Niedersachsen: Sie alle ahnten nicht, was ihre damaligen Partner ihnen antaten – aber sie alle hatten gesundheitliche Beschwerden, die sich im Nachhinein durch die Verbrechen erklären ließen. Dazu gehörten recht allgemeine Symptome wie Kopfschmerzen, Schwindelanfälle oder Durchfall und etwas spezifischere wie extreme Müdigkeit (die Betroffenen schliefen ohne ersichtlichen Grund teils bis zum Nachmittag), Gedächtnislücken, ein Bleigeschmack im Mund, gynäkologische Beschwerden oder Schmerzen im Unterleib.

Was kannst du tun, falls du den Verdacht hast, dass du oder eine dir nahestehende Person betroffen sein könnte?

Die folgenden Empfehlungen haben wir auf Basis von Gesprächen mit der Opferanwältin Sonja Aziz und mit der Gerichtsmedizinerin Katharina Stolz, Leiterin der Untersuchungsstelle für Gewaltbetroffene an der Medizinischen Universität Wien, erstellt.

  • In Wien und Graz gibt es spezialisierte Gewaltambulanzen. Dort können Betroffene sich nach einer Terminvereinbarung kostenlos und ohne e-Card untersuchen lassen und bekommen Informationen zu weiteren Hilfsangeboten. Die Ärzt:innen dort sichern und dokumentieren Spuren nach gerichtlich gültigen Standards. Dusche nach einem möglichen Übergriff vor dem Besuch nicht und putze dir nicht die Zähne. Nimm Kleidung und andere Textilien mit, auf denen Spuren zu finden sein könnten (packe sie nicht in Plastik ein, sondern in einen Papiersack).
  • Ist keine dieser Ambulanzen für dich gut erreichbar, kannst du dich an jedes Krankenhaus und jeden Arzt/jede Ärztin deines Vertrauens wenden. Versuche möglichst schnell dorthin zu gelangen – viele Arten von K.o.-Tropfen lassen sich in Harn und Blut nur für kurze Zeit nachweisen.
  • Wenn du benommen aufwachst und den Verdacht hast, am Vorabend betäubt worden zu sein, kannst du noch zuhause selbst eine Urinprobe in einem Gefäß sichern und sie möglichst schnell zum Arzt oder ins Krankenhaus bringen.
  • Nicht alle Labore können Untersuchungen auf K.o.-Mittel durchführen. Das können nur forensisch-toxikologische Labore. Bitte den Arzt oder die Ärztin darum, deine Probe in ein solches spezialisiertes Labor zu schicken.
  • In Haarproben können Substanzen über einen längeren Zeitraum nachweisbar sein, vor allem, wenn sie wiederholt verabreicht werden. Um die Untersuchung einer Haarprobe einzuleiten, ist aber ein konkreter Anfangsverdacht oder eine Anzeige bei der Polizei nötig.
  • Achte darauf, ob du Verletzungen an deinem Körper findest. Wenn ja, halte sie fotografisch fest.
  • Wenn du immer wieder Beschwerden hast, die du dir nicht erklären kannst, führe Tagebuch darüber und sprich mit deinem Hausarzt oder deiner Hausärztin. Dann sind deine Symptome schon mal dokumentiert – das ist hilfreich, falls der Verdacht später konkreter wird.

Wir wollen weiterhin an diesem Thema dranbleiben. Hast du Informationen dazu? Dann melde dich per Mail (ruth.eisenreich@moment.at) oder via Signal (@rutheisenreich.70). Wir behandeln alle Nachrichten vertraulich.

Die ganze Recherche von Februar findest du hier.

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