Helmut und seine Messi

Der ehemals obdachlose Helmut mit seiner Yessi. Credit: Moment/Tina Goebel

/ Tina Goebel
/ 20. September

Helmut kann sich ein Leben ohne Yessi nicht mehr vorstellen. Vor acht Jahren hat er die Labrador-Mischlingshündin gerettet. Die Mutter von Yessi und ihren drei Geschwistern starb, nachdem sie von einem Auto überfahren wurde. Die Welpen waren noch sehr klein und wollten kein Futter von Fremden annehmen. Helmut war damals obdachlos. Er wurde gebeten, die Kleinen zu erlösen. Sie saßen in einem Kofferraum, daran kann sich er sich noch gut erinnern: “Ich habe gesagt, dass ich denen sicher nichts antun werde, aber gerne einen davon nehmen würde. Ich wollte schon immer einen Hund, hätte mir aber keinen leisten können. Ich dachte mir, das wenige, das ich habe, wird schon irgendwie für uns beide reichen.”

Der gelernte Bäcker und spätere Mechaniker war nicht nur obdach- sondern auch arbeitslos. Nachdem er seine Sozialversicherung verloren hat, war er so am Boden zerstört, dass ihn der Lebenswille langsam verließ: “Ich bin einfach so bei Rot über die Kreuzung gerannt, ohne zu schauen. Es war mir völlig egal.”

Helmut mit seiner Yessi. Credit: Moment/Tina Goebel

Seite an Seite

Doch Yessi versteht ihn. In ihr sieht er einen Therapiehund. Die beiden leben in einer Symbiose. “Wenn es dem Hund nicht gut geht, geht es mir nicht gut und umgekehrt,” so Helmut. Als er einmal traurig war, hat ihm Yessi sogar die Stelze gebracht, die sie von einem Bekannten geschenkt bekommen hat. Doch lieber würde Helmut hungern, bevor er seiner Yessi den letzten Bissen nimmt. Sie empfindet offensichtlich ähnlich.


Durch Yessi sah Helmut wieder einen Sinn im Leben. Doch dann begann die Hündin plötzlich vor fünf Jahren zu hinken. Das Kniegelenk war durch Abnutzung und Arthrose verstümmelt, was Helmut jedoch nicht wusste. Klar war ihm nur: Einen Tierarzt kann er sich unmöglich leisten. Fast ein Jahr trug er seine treue Gefährtin, die damals 42 Kilo wog, herum. Das brachte auch ihn an seine Grenzen.

Rettung im richtigen Moment


Eines Tages, als er den kostenlosen neunerhaus-Zahnarzt aufsuchen musste, erzählte ihm jemand, dass es hier auch einen Tierarzt gibt, der gratis die Vierbeiner von wohnungs- und obdachlosen Menschen behandelt. Bei nächster Gelegenheit brachte er Yessi in die Ambulanz. Schnell wurde festgestellt, dass die Hündin dringend operiert werden musste. Noch dazu sei ein komplizierter Eingriff nötig: Yessi brauchte ein künstliches Hüftgelenk. Die Kosten: Zwischen 3.000 und 4.000 Euro. Dank der finanziellen Hilfe von neunerhaus konnte die Hündin an der Veterinärmedizinischen Universität operiert werden. Nun hat Yessi eine Platte mit sieben Schrauben in ihrer Hüfte und kann wieder laufen, spielen und ihr Herrchen überall hinbegleiten. 

Während der Untersuchung gibt es für Yessi Streicheleinheiten. Credit: Moment/Tina Goebel

“Es gäbe mich nicht mehr”


“Ich hätte mir nie träumen lassen, dass es so etwas gibt. Diese Summe wäre für mich einfach unmöglich zu bezahlen gewesen,” sagt Helmut. Er ist sich sicher: “Ohne neunerhaus gäbe es den Hund nicht mehr. Und dann gäbe es auch mich nicht mehr.”


Dass für viele der Menschen, die mit ihren Vierbeinern die tierärztliche Versorgung von neunerhaus in Anspruch nehmen, das Haustier eine wichtige Stütze im Leben ist, sieht auch Tierärztin Silvia Zips: “Ich habe hier einige gesehen, die wohl in der Früh nicht aufstehen würden, wenn es nicht einen Hund gäbe, mit dem sie Gassi gehen müssen.” Silvia Zips arbeitet regelmäßig ehrenamtlich hier. Eigentlich ist sie auf Pferde spezialisiert. Doch sie möchte der Gesellschaft etwas zurückgeben: “Die Tierarzt-Ausbildung ist eine der teuersten, die es gibt. Und ich bin dankbar, dass ich in Österreich dieses Studium kostenlos machen durfte.”

Tierärztin Silvia Zips mit Patient "Bärli". Credit: Moment/Tina Goebel

Immer mehr Bedarf


Die tierärztliche Versorgung von neunerhaus gibt es seit 2010. Bei den meisten der Patienten handelt es sich um Hunde, jedoch werden auch Katzen behandelt und gelegentlich bringen sogar Punks ihre Ratten hierher. 472 Hunde und 172 Katzen wurden bislang betreut. Doch der Bedarf wächst kontinuierlich – 2018 wurden rund dreimal so viele Tiere behandelt wie 2011.
Der soziale Druck wächst ständig. Das ist in den Einrichtungen von neunerhaus deutlich zu spüren. Die Tierärzte sind nicht die einzigen, die ausgelastet sind. Immer mehr Menschen hadern damit, sich eine Wohnung oder ein Haus finanzieren zu können – immer mehr landen auf der Straße.

Wohnen wird für viele zu teuer

Wohnungslosigkeit ist ein wachsendes Problem in Österreich. Statistiken sind nicht ganz leicht zu bekommen. Laut der aktuellsten Studie der Statistik Austria gab es 2017 in ganz Österreich 21.567 Wohnungslose. Das waren um 3.798 Personen mehr als 2008.
 
Mieten und Immobilienpreise sind seit der Finanzkrise 2008 enorm gestiegen. Aktuelle Berechnungen der Statistik Austria, der Arbeiterkammer und der Österreichischen Nationalbank zeigen: In den vergangenen neun Jahren ist der Hauptmietzins um 40 Prozent gestiegen, auch die Betriebskosten um 18 Prozent. Die Preise für Eigentumswohnungen sind sogar um 60 Prozent gestiegen. Diese Entwicklungen stehen in keinem Verhältnis zu den 19 Prozent, die unselbstständig Beschäftigte seither mehr verdienen, oder das Plus von 17 Prozent bei der Inflation.

Menschen wie Helmut werden in Zukunft immer schwerer wieder Fuß fassen können. Er wohnt mittlerweile in einem Wohnwagen, hat Strom und Wasser und ist mit seiner Situation zufrieden: “Geld ist für mich nicht wichtig.” Wichtig ist für ihn, dass es seiner Yessi gut geht. Denn dann geht es auch ihm gut.
 
 
Das Neunerhaus ist natürlich immer dankbar für Spenden, sucht aufgrund des hohen Bedarfs aber auch weiterhin ehrenamtliche TierärztInnen. 

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