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Gaza: Der tödlichste Ort für Journalist:innen

2025 war das tödlichste Jahr für Journalist:innen seit mehr als drei Jahrzehnten. Laut Committee to Protect Journalists (CPJ) wurden weltweit 129 Journalist:innen und Medienmitarbeiter:innen getötet. Zwei Drittel dieser Medienschaffenden hat die israelische Armee getötet. Der Gazastreifen gilt damit nicht nur als eine der größten humanitären Katastrophen unserer Zeit, sondern auch als der gefährlichste Ort der Welt, um unabhängig zu berichten.

Wo und warum die Presse zur Zielscheibe wird

Journalismus ist kein Luxus. Er ist eine Methode, um Behauptungen zu prüfen. Um Ereignisse zu dokumentieren, Quellen gegeneinanderzuhalten und Verantwortung sichtbar zu machen. Gerade dort, wo Macht ein Interesse daran hat, dass Dinge im Unklaren bleiben. Wenn niemand mehr unabhängig berichtet, bleiben PR, Gerüchte und politisch gesteuerte Erzählungen. Und wer Sichtbarkeit kontrolliert, hat einen Vorsprung darin zu bestimmen, was als „Wahrheit“ hängen bleibt.

Kein Wunder also, dass gerade Journalist:innen in Kriegs- und Genozidgebieten besonders ins Visier geraten. 

Erst verschwinden Posts, dann Menschen

Es gibt sehr viele Arten und Weisen Journalist:innen mundtot zu machen. Oft werden sie diskreditiert: Man erklärt ihre Arbeit zur „Propaganda“, stellt sie als Lügner:innen hin, rückt sie in die Nähe von Terrorismus. Dann folgt das, was heute fast genauso wirksam ist wie ein Publikationsverbot: ihre Arbeit verschwindet. Beiträge werden gelöscht, Reichweiten gedrosselt, Konten gesperrt.

Im aktuellen Fall der palästinensischen Journalistin Bisan Owda geht es nicht um einen gelöschten Bericht. Es geht um ihr gesamtes Archiv. TikTok entfernte ihren Account.  1,4 Millionen Follower:innen und vier Jahre Arbeit weg, von einem Tag auf den anderen. Nach öffentlichem Druck erhielt sie den Zugang zwar wieder, aber TikTok markierte viele ihrer Inhalte als „nicht empfehlenswert“ und erlaubte nur einem Bruchteil ihrer Inhalte öffentlcih sichtbar zu bleiben. Und trotzdem berichtet sie weiter. Tag für Tag aus Gaza. Ihr Satz ist längst mehr als eine Begrüßung, er ist ein Lebenszeichen: “Hallo, ich bin Bisan, aus Gaza. Ich lebe noch.”

Denn in Gaza endet das Silencing nicht beim Löschen von Inhalten. Silencing heißt auch: Menschen brechen, bis sie nicht mehr arbeiten können. 

Ein neuer Bericht des Committee to Protect Journalists (CPJ) basiert auf Interviews mit 59 palästinensischen Journalist:innen, die zwischen Oktober 2023 und Jänner 2026 aus israelischer Haft freikamen. 58 von ihnen sagen, sie seien in Haft misshandelt oder gefoltert worden. Viele berichten von Schlägen, schmerzhaften Stresspositionen, Schlafentzug, medizinischer Vernachlässigung. Einige schildern sexualisierte Gewalt, inklusive Vergewaltigung. CPJ berechnete einen durchschnittlichen Gewichtsverlust während der Gefangenschaft von 23,5 Kilogramm. Mehr als 80 Prozent der Befragten wurden laut CPJ ohne Anklage festgehalten, im System der Administrativhaft. Israel weist die Vorwürfe zurück. Der Guardian hat die Recherche aufgegriffen und zusammengefasst.

Gaza ist die tödlichste Region der Welt für Journalist:innen

Die extremste Form der Gewalt ist tödlich. Eine internationale Recherche, The Gaza Project (koordiniert von Forbidden Stories), spricht von gezielten Angriffe seitens der israelischen Armee - auch gegen Journalist:innen mit klarer Presse-Kennzeichnung und auf bekannte Medienstandorte. Das Projekt sammelt und zeigt Fälle von getöteten und angegriffenen Medienschaffenden. (Israel weist den Vorwurf zurück.)

Organisationen wie Committee to Protect Journalists (CPJ) und Reporter ohne Grenzen beschreiben Gaza als gefährlichsten Einsatzort für die Presse. Auch, weil unabhängige internationale Berichterstattung durch den anhaltenden Zugangsbann von ausländischen Journalist:innen massiv eingeschränkt ist. Wenn überhaupt, gibt es seltene, kurze Besuche unter militärischer Aufsicht. Die tägliche Dokumentation und damit die Beweiskette für mögliche Rechtsverstöße lastet somit in besonderem Maß auf palästinensischen Journalist:innen vor Ort.

Das CPJ hat bis Anfang 2026 unter den über 70.000 getöteten Menschen bereits (nicht mitgezählt: Tote durch Hunger/Krankheit, sowie Vermisste) 252 getötete Journalist:innen und Medienmitarbeiter:innen dokumentiert. Hunderte Weitere wurden vermisst, verletzt und verhaftet. Manche wurden bedroht und ihre Familien getötet. Die aller meisten dieser Opfer wurden vom israelischen Militär getötet, einige durch die Terrororganisation Hamas und andere bewaffnete Gruppen im Gazastreifen. 

Presse als Zielscheibe

Die gezielte Tötung von Journos im Genozid an Palästinenser:innen ist in ihrem Ausmaß beispiellos. Aber die Strategie dahinter ist nicht auf Gaza beschränkt: Wer Kontrolle über Berichterstattung will, greift zuerst diejenigen an, die dokumentieren. In Mexiko etwa werden Journalist:innen seit Jahren von organisierter Kriminalität und lokalen Machtstrukturen bedroht und ermordet. Reporter ohne Grenzen beschreibt 2025 dort als das tödlichste Jahr der letzten drei Jahre und zählt neun getötete Medienschaffende. 

In Haiti sieht es anders aus, aber das Ergebnis ist ähnlich. Dort bestimmen bewaffnete Banden vielerorts den Alltag, staatliche Strukturen sind schwach, und entscheidend ist vor allem eines: Viele Morde werden nicht konsequent aufgeklärt, sie bleiben straflos. Wenn Täter:innen damit rechnen können, dass nichts passiert, wird das Töten von Journalist:innen zu einem effektiven Werkzeug, um Berichterstattung zu stoppen. Der Impunity Index des CPJ macht sichtbar, wo Journalist:innenmorde besonders oft ungestraft bleiben. Haiti und Israel teilen sich die Spitze dieser Liste. (Referenz: CPJ 2024 Impunity Index)

Und in Kriegszonen wie Sudan oder der Ukraine wird Berichterstattung ebenfalls zur Gefahr, weil sie stört: CPJ dokumentiert in Sudan seit Kriegsbeginn mehrere getötete Journalist:innen und beschreibt das Land als eines der gefährlichsten für die Presse, inklusive Fällen, in denen Journalist:innen während der Berichterstattung getötet wurden.

In der Ukraine zeigt sich dieselbe Absicht, Kontrolle über Informationen zu gewinnen, auf mehreren Ebenen. RSF berichtet von gezielten Angriffen auf Journalist:innen und von Festnahmen in besetzten Gebieten, oft weil sie sich weigern zu kollaborieren. CPJ dokumentiert den Fall der ukrainischen Journalistin Viktoriia Roshchyna, die nach ihrer Festnahme in russischer Haft starb.

Warum Journalismus zum Ziel wird

Autoritäre Regierungen wie die Israels, Terrorgruppen und das organisierte Verbrechen Mächtiger aller Art stören sich an unabhängigem Journalismus. Bei diesen Angriffen geht es deshalbt oft gezielt um Journalist:innen, aber es geht um mehr als einzelne Personen und Schicksale. Es geht um Kontrolle. Um das Narrativ. Um die Frage, wie Wahrheit aussieht, wenn diejenigen systematisch “verschwinden”, die sie festhalten.

Journalist:innen berichten aus Kriegsgebieten, um sichtbar zu machen, was sonst verborgen bliebe: ziviles Leid, mutmaßliche Kriegsverbrechen, Vertreibungen, Hunger, der Zerfall von Infrastruktur und Machtmissbrauch. 

Genau deshalb geraten sie selbst ins Visier. Der Angriff auf Journalist:innen trifft nicht nur einzelne Menschen, sondern die Beweiskette. Wer die Dokumentation zerstört, zerstört später auch die Möglichkeit, Verantwortung und Schuld zu klären.

Der rechtliche Schutz von Journalist:innen

Vorsätzlich Zivilpersonen zu töten ist nicht nur unmoralisch, sondern ein Kriegsverbrechen. Das wird etwa im Römischen Statut des Internationalen Strafgerichtshofs klar. Zudem gelten Journalist:innen in bewaffneten Konflikten als Zivilpersonen. Das steht ausdrücklich in Artikel 79 des Zusatzprotokolls I zu den Genfer Konventionen. 

Das heißt: Sie dürfen nicht angegriffen werden, außer in dem engen Ausnahmefall, dass sie unmittelbar an Feindseligkeiten teilnehmen. Auch Medienhäuser, Redaktionen und technische Infrastruktur sind grundsätzlich zivile Objekte. Angriffe darauf sind nur dann zulässig, wenn ein Ort nachweislich zum militärischen Ziel wird und selbst dann gelten strenge Regeln

Warum Journalist:innen gezielt angegriffen werden

Warum also dieses Risiko und warum immer wieder? Weil unabhängige Berichterstattung autoritäre Regime und kriegführende Akteure stört. Sie stört militärische Narrative, sie stört PR-Strategien, sie stört die nachträgliche Umschreibung von Ereignissen. Wer Journalist:innen ausschaltet, radiert Zeug:innen aus. Weniger Zeug:innen, weniger Druck, weniger Wahrscheinlichkeit, dass schwere Rechtsverstöße Folgen haben.

Dazu kommt der Einschüchterungseffekt: Wenn Kolleg:innen sterben, arbeiten andere vorsichtiger. Oder gar nicht mehr. Selbstzensur wird zur Überlebensstrategie. Das Ergebnis ist ein Informationsvakuum und damit der perfekte Nährboden für Propaganda.

The Gaza Project: Wenn “PRESS” die Zielscheibe ist

Genau hier setzt die internationale Recherche The Gaza Project an. Koordiniert von Forbidden Stories und Paper Trail Media, untersuchte und analysierte das Rechercheteam von 50 Journalist:innen aus 13 Redaktionen knapp 100 dokumentierte Fälle. Sie rekonstruierten, unter welchen Umständen Medienschaffende getötet oder angegriffen wurden.

Der Kern dieser Recherche ist: Es gibt wiederkehrende Muster, die man nicht leugnen kann. Dazu zählen unter anderem: Angriffe auf Journalist:innen, die durch ihre “PRESS”-Weste oder Ausrüstung als Presse erkennbar waren, Angriffe auf Orte, die als Pressepunkte bekannt waren, sowie auf Wohnorte von Medienschaffenden. Orte, an denen „militärische Notwendigkeit“ schwer zu begründen ist. Ebenso beobachteten sie ein Kommunikationsmuster, das viele Familien und Kolleg:innen kennen: Erst wird eine Medienschaffende Person als „Hamas-nah“ diffamiert, dann wird der Tod nachträglich „erklärt“.

Dem gegenüber stehen die Befunde und Warnungen unabhängiger Akteure: Das UN-Menschenrechtsbüro spricht von einem Muster der Tötung von Journalist:innen, Reporter ohne Grenzen dokumentiert zahlreiche Fälle, in denen Medienschaffende wahrscheinlich wegen ihrer Arbeit getroffen wurden, und CPJ kritisiert fehlende Aufklärung und Konsequenzen. 

Wenn solche Diskrepanzen bestehen, ist „Ausgewogenheit“ nicht, beide Aussagen nebeneinander zu stellen, sondern die überprüfbaren Teile herauszuarbeiten: Was ist belegt, was bleibt Behauptung, was wird untersucht, und wer verhindert Aufklärung?

Laufende Ermittlungen

Wichtig ist, dass diese Fragen auch die juristische Ebene erreichen. Reporter ohne Grenzen hat mehrfach Beschwerden beim Internationalen Strafgerichtshof eingereicht und fordert Ermittlungen zu mutmaßlichen Kriegsverbrechen gegen Journalist:innen.

Der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) hat am 21. November 2024 Haftbefehle gegen Israels Premier Benjamin Netanyahu und den damaligen Verteidigungsminister Yoav Gallant erlassen. Es geht dabei um den Vorwurf von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, unter anderem um das Kriegsverbrechen „Aushungern als Methode der Kriegsführung“. 

Diese Haftbefehle sind nicht ausdrücklich als Verfahren „zu Journalist:innenmorden“ formuliert. Trotzdem ist relevant, dass internationale Strafverfolgung im Gaza-Kontext längst die Kategorie von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit erreicht hat und Angriffe auf Journalist:innen als Zivilpersonen grundsätzlich darunter fallen können, sofern sie entsprechend belegt werden. Ob das zu Verurteilungen führt, ist offen.

Was auf dem Spiel steht

Wenn Journalist:innen getötet werden, verliert die Welt nicht nur „Information“. Familien verlieren Kinder. Kolleg:innen verlieren Freund:innen. Communities verlieren Stimmen, die den Alltag im Ausnahmezustand überhaupt noch Hoffnung machen.

Wie bei zu vielen Opfern von Krieg und Gewalt verschwinden auch die Namen von Pressevertreter:innen zu oft anonym in Statistiken. Und damit geht auch unter, was sie berichtet haben. Beispielsweise die Medienschaffenden, die am 25. August 2025 bei Angriffen auf das Nasser-Krankenhaus in Khan Younis getötet wurden. Darunter Mariam Abu Dagga, eine 33-jährige freie Fotojournalistin, die unter anderem für Associated Press arbeitete. Mit ihr getötet wurden auch Reuters-Kameramann Hussam al-Masri, der Al Jazeera-Journalist Mohammed Salama, der freie Journalist Ahmed Abu Aziz und der freie Videojournalist Moaz Abu Taha. Ihre Bilder entstanden dort, wo die Folgen der Gewalt täglich sichtbar wurden: in den Gängen eines überfüllten Krankenhauses, zwischen Verletzten, Ärzt:innen, Angehörigen.

Wer will, kann die Namen der Getöteten erfahren. Sie werden von ihren Kolleg:innen mühsam gesammelt. Ihre Arbeit bleibt, zumindest die, die nicht mit ihnen unter den Trümmern begraben wurde. Wer heute noch berichtet, wusste vermutlich immer um das Risiko - aber nun mehr denn je. Bisan Owda beginnt ihre Berichterstattung seit Jahren mit demselben Satz: „Ich lebe noch.“  Das ist nicht nur ein Stilmittel. Es ist die Bilanz eines Berufs, der in Gaza zur Zielscheibe geworden ist.


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