Ungleichheit

Nein, Gen Z-Männer sind nicht alle frauenhassende Machos

Seit einigen Wochen geistert eine Studie herum, die besagt, dass Gen Z-Männer antifeministischer und rechter werden. Ganz so ist das allerdings nicht, analysiert Natascha Strobl.

Manche Studien zeichnen sich vor allem durch sehr gutes Marketing aus. So auch die Ipsos-Studie, die die Einstellung junger Menschen global misst. Der schockierende Befund dieses Jahr: Gen Z-Männer werden immer rechter und frauenverachtender. In fast allen Medien wurden diese Ergebnisse übernommen. Sind Gen Z-Männer wirklich antifeministisch? Nein, bei näherem Hinsehen löst sich die Behauptung auf.


Das könnte dir auch interessieren

Problematisches Studiendesign

Da ist zum ersten die Art, wie die Studie angelegt ist. Mitmachen können registrierte User:innen. Das bedeutet, es ist kein repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung. Denn wenn man aktiv beitreten muss, fördert das vor allem Leute, die ein gewisses Mitteilungsbedürfnis haben. Das sind in der Regel Menschen, die extremere Positionen vertreten. Nur in Indien gab es persönliche Interviews. Damit ist die Vergleichbarkeit schwer gegeben. 

Zum anderen ist die Altersspanne der Personen sehr unterschiedlich. Während in den meisten Ländern Personen ab 16 befragt wurden, wurden beispielsweise in Thailand Personen ab 20, in Indonesien und Singapur gar erst ab 21 befragt. Zwischen 16 und 21 liegen aber einige Entwicklungsschritte, was eine Vergleichbarkeit schwierig macht. Mit 16 ist man vielleicht noch in der Schule, mit 21 kann man schon ein Bachelorstudium abgeschlossen haben.

Auch ist die Befragungsgröße in den jeweiligen Nationen nicht besonders groß. In den meisten Ländern sind es 500 Personen, Japan ist mit 2000 Befragten am besten vertreten. Die Türkei mit 85 Millionen Einwohner:innen ist mit 500 Menschen gleich stark vertreten wie Singapur mit 6 Millionen Einwohner:innen. 

Gen Z-Männer antifeministisch? Wer und was ist überhaupt ein Feminist?

Die Studienersteller:innen selbst haben angegeben, dass ihre Befragung in den meisten Ländern eine Verzerrung hin zu städtischen und besser gebildeten Schichten hat. Gewichtet man das alles nun nach Geschlecht und Alter, sieht man, wie klein die jeweiligen Stichproben sind und wie schwierig der Vergleich wird.

Hinzu kommen kulturelle Differenzen. “Feminist” bedeutet in Japan, Indien oder Singapur vielleicht etwas ganz anderes als in Schweden, Ungarn oder in Frankreich. Ein sauberes Design müsste eine Definition festlegen.

Die Ergebnisse sind spannend, aber nicht so wie präsentiert

Ein sauberes Design brächte wohl ganz andere Erkenntnisse. Und selbst mit diesem schwierigen Design ergeben die Resultate nicht die verbreiteten Pauschalurteile.

Die Spannweite bei den kontroversen Fragen ist sehr hoch. So hat die breit kolportierte Frage “Eine Frau sollte ihrem Mann gehorchen” nur in Indien, Malaysia und Indonesien eine Mehrheit und liegt in Südafrika bei 46 Prozent. Danach fällt die Zustimmung sehr schnell weit ab. 

Daraus pauschal extrem rückständige Rollenbilder einer ganzen globalen Generation junger Männer abzuleiten, ist unseriös. Schlimm genug, dass es viele Männer gibt, die dem zustimmen, es ist aber keine Mehrheit.

In keinem europäischen Land liegt die Zustimmung bei über 13 Prozent. Das bedeutet, dass fast 90 Prozent der jungen Männer in Europa dieser Aussage nicht zustimmen. Das kann man jetzt Frage für Frage durchspielen.

Es zeigt sich auch, dass Klischees oder feindselige Vorurteile nicht greifen. So gibt es die höchsten Zustimmungsraten für die Selbstbezeichnung als “Feminist” in Indien mit 68 Prozent, während beispielsweise Ungarn und Deutschland mit 22 und 28 Prozent klar abfallen. Beide Länder sind aber in anderen Fragen wieder klar progressiv eingestellt. 

Unterschiedliche Länder führen unterschiedliche feministische Kämpfe

Selbst mit allen Bedenken, die man im Studiendesign haben muss, muss man die Ergebnisse differenziert betrachten. Es sind spannende Detailergebnisse dabei, die sich weniger im Vergleich und mehr durch die spezifische Gesellschaftsgeschichte des Landes erklären lassen. 

So sind die Antworten in Indien gewissermaßen widersprüchlich. Obwohl sich fast 70 Prozent als Feminist bezeichnen, geben auch viele an, dass die Frau dem Mann gehorchen soll. 

Unterschiedliche Länder haben unterschiedliche feministische Kämpfe geführt - und führen sie immer noch. Es wäre wert, das näher zu beleuchten statt Clickbait zu betreiben.


Das könnte dir auch gefallen