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Google begräbt uns im KI-Müll: Warum das keine Kleinigkeit ist

Wie eines der bedeutendsten Produkte des Internets unser Vertrauen mit Falschinformationen kaputt macht und gesellschaftliche Stabilität untergräbt. Claudia Zettel startet in ihre neue MOMENT.at-Kolumne "KI - Kritisch informiert".

Wer im Internet etwas sucht, sagt „googeln“. Das Wort steht im Duden. Nur wenige Produkte dringen so stark durch ihren Markt. Es ist eine der bedeutendsten Plattformen im Internet - ganz gleich, welche Schwächen oder Problematiken sie in manchen Punkten mit sich bringt. Bedeutend als Business, aber eben auch bedeutend in ihrem gesellschaftlichen Einfluss.


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Umso unverständlicher erscheint es, wieso diese berühmte Suchmaschine nun im Zuge des allgemeinen AI-Hypes nach und nach verschlimmbessert - anders gesagt - verschlechtert wird. 

Google als mächtige Meinungsmaschine

KI-Zusammenfassungen haben mit dem Aufkommen von LLMs (Large Language Models) einen rasanten Aufstieg erlebt und sind mittlerweile dominant in die Google-Suche integriert. Insbesondere Medienhäuser und Webangebote, die sich bisher große Teile ihres Traffics via Google besorgten, wissen ein klagvolles Lied davon zu singen, weil Klicks auf Links immer mehr ausbleiben. Aber darum soll es an dieser Stelle gar nicht gehen, sondern um ein anderes, noch größeres Problem, wenn man es aus gesellschaftlicher Sicht betrachtet: Die KI-Zusammenfassungen (“AI-Snippets”) sind oftmals nämlich schlichtweg falsch. 

Dass Google den Markt so dominiert, gibt ihm immense Macht. Die Suchergebnisse erreichen Milliarden von Menschen, unentwegt, jeden Tag. Es ist also keine vernachlässigbare Kleinigkeit, wenn die Qualität der Ergebnisse abnimmt. Menschen bilden auf Basis von Suchergebnissen ihre Meinungen, treffen Entscheidungen und verbreiten Informationen weiter. Das mag nicht immer vernünftig sein, ist aber eine Tatsache. 

Die KI und ihr halluzinierter Unsinn

KI-Sprachmodelle liefern möglichst überzeugend formulierte Antworten, selbst wenn der größte Quatsch verbreitet wird. Deshalb wirken die Suchergebnisse total richtig, auch wenn sie das nicht sind. Nutzer:innen, die auf die KI vertrauen und keinen Quellen mehr nachgehen, werden also - ohne es zu merken - mit Falschinformationen gefüttert. Nutzer:innen, die sich der Problematik bewusst sind oder werden, vertrauen den Suchergebnissen generell nicht mehr und müssen Extra-Online-Meter machen, um sich abzusichern, was denn da als Antwort wirklich geliefert wurde. Eine erfolgreiche Revolution einer nützlichen Suchmaschine sieht wohl anders aus. 

Nun kann man argumentieren, dass die KI-Entwicklung noch am Anfang steht und sich mit der Zeit schon noch bessern wird. Darauf kann man natürlich hoffen - oder auch nicht. 

Demokratiegefährdend falsch

Aber was passiert bis dahin? Schon jetzt stellen Fake News und falsche KI-Inhalte ein riesiges Problem dar, werden zur Manipulation benutzt und untergraben gesellschaftliche Errungenschaften wie wissenschaftliche Standards und letztlich auch die Demokratie. Jene, die Meinungen bewusst in zweifelhafte Richtungen lenken und die gesellschaftliche Stabilität untegraben wollen, haben das längst erkannt und bedienen sich entsprechend dieser Möglichkeiten.

Wir können uns also eigentlich nicht erlauben, uns der Vermüllung des Internets einfach so hinzugeben. Auch wenn uns das große Tech-Konzerne mit ihren Zukunftsversprechen glauben machen wollen. Konzerne wie Google müssen sehr viel deutlicher als bisher an ihre Verantwortung erinnert werden. Wer Technologie befürwortet und für Fortschritt kämpft, darf nicht nur auf Umsatzzahlen schauen, sondern muss auch die sozialen Auswirkungen im Auge behalten, die Künstliche Intelligenz auf unser Zusammenleben hat. 

Zahlen sprechen für sich

Dass die falschen Ergebnisse nicht einfach so zu vernachlässigen sind, ist zudem kein diffuses Gefühl alarmistischer AI-Kritiker:innen, sondern lässt sich anhand von Zahlen gut belegen. Erst kürzlich kam eine Erhebung von dem KI-Start-up Oumi im Auftrag der New York Times heraus, die zeigte, dass zumindest jede zehnte KI-Zusammenfassung falsch ist. Das klingt vielleicht zunächst auch gar nicht so wild, aber, wenn man bedenkt, wie viele Billionen Suchanfragen Google im Jahr bearbeitet, dann landet man in der Rechnung bei mehreren Millionen falscher Suchergebnisse pro Stunde. 

Andere Studien untermauern das Problem. So ergab etwa eine britische Erhebung von vergangenem Herbst, dass KIs wie ChatGPT, Gemini, usw. bis zu 40 Prozent ihrer Antworten erfinden

Gibt man sich also mit so einem Ergebnis beim Googeln zufrieden, ist die Gefahr durchaus groß, auf halluzinierten Blödsinn hereingefallen zu sein. Vor allem aber, um es noch einmal zu betonen, geht auch das Vertrauen in etablierte Produkte wie die populäre Suchmaschine verloren. Mittlerweile stellt sich bei vielen User:innen das Gefühl ein, überhaupt nicht mehr zu wissen, worauf man sich bei Informationen im Internet noch verlassen kann. Das wiederum öffnet jenen, die demokratische Strukturen bewusst untergraben und beschädigen wollen, Tür und Tor.

Gesundheitsgefährdend

Die KI-Zusammenfassungen können aber nicht nur auf gesellschaftlicher Ebene zu Problemen führen, sie können sogar direkt lebensbedrohlich werden. So berichtete etwa der Guardian Anfang des Jahres über KI-Zusammenfassungen zu Gesundheitsthemen in der Google-Suche, die so falsch und problematisch waren, dass Google vieles davon sogar selbst wieder herausnahm. Dass man Gesundheitsfragen besser nicht googeln sollte, ist natürlich ein alter Hut, auch klassische Suchergebnisse konnten da immer wieder für größte Verunsicherung sorgen. 

Aber Tatsache ist, dass sich viele Menschen daran gewöhnt haben und man den Drang zur selbstständigen Informationsbeschaffung (zurecht) kaum jemandem mehr austreiben wird. Das gilt ganz besonders dann, wenn Menschen sich Informationen und Hilfe suchen, die sich gewisse teure Behandlungen oder Arztbesuche vielleicht gar nicht leisten können. Nicht alle haben gleichermaßen Zugang, sind finanziell oder sozial gleich gut abgesichert. Da sollte der Blick auch über heimische Landesgrenzen hinaus getan werden, Stichwort Gesundheitssystem in den USA. 

Es geht auch anders

Die Errungenschaften und Möglichkeiten, die uns technologische Entwicklungen, das Internet und eben auch die Google-Suche gebracht haben, sollen keinesfalls geschmälert werden. Sie haben uns Zugang zu Wissen ermöglicht, das wir vorher gar nicht, oder jedenfalls nicht so leicht erlangen konnten. Sie haben uns Räume zum Austausch und Diskurs eröffnet, von denen vor ein paar Jahrzehnten noch niemand zu träumen wagte. Aber eben dieses Gute müssen wir bewahren und dürfen nicht zulassen, dass es im Strudel von Geschäfts- und fragwürdigen Partikularinteressen einzlener Milliardäre untergeht. 

Wir können hoffen, dass KI insofern schnellstmöglich “schlauer” wird, dass sich gewisse Problematiken bald auflösen. Das ist aber nicht garantiert - und das allein reicht auch nicht. Wir müssen umso mehr auf rechtliche Rahmenbedingungen pochen, die ausufernde Falschinformationsschleudern beschränkt und sanktioniert. Denn je mehr Quatsch im Internet verbreitet wird und je überzeugender die LLMs den Quatsch formulieren, desto schwieriger wird es auch werden, diesen zu erkennen und zu überprüfen. Wir befinden uns also allesamt in einem Teufelskreis. 

Dass man den aber auch durchbrechen kann, hat unlängst Wikipedia bewiesen: Weil auch auf dieser Plattform falsche AI-Inhalte immer mehr Probleme verursacht haben, hat das Online-Lexikon KI-generierte Artikel vorerst einmal verbannt


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