Mein Opa war bei der NSDAP - und weiter?

Mein Opa war bei der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei NSDAP. Herausgefunden habe ich das über das Online Archiv des National Archives Catalog. In diesem finden sich seit Mitte März über 11 Millionen Karteikarten von NSDAP-Mitgliedern. Auch die von meinem Opa, meinem Uropa und meiner Uroma.
Ich selbst habe meinen Opa nie kennengelernt. Er ist bereits 1980 verstorben. Was ich über seine Kriegsvergangenheit wusste, war, dass er als 17-Jähriger eingezogen wurde und in Jugoslawien gekämpft hat. Über sein Leben nach dem Krieg wusste ich mehr: Dass er in seiner Heimatgemeinde sehr engagiert und angesehen war. Dass er Lehrer und Organist war – kein Fan der Kirche, aber er liebte das Orgelspielen. Dass er Mitglied der NSDAP war, haben weder ich noch sein Sohn – also mein Papa – gewusst.
Mein Opa war ein NSDAP-Mitglied
Mein Fund macht mich nachdenklich. Ich stelle mir die Frage, warum es in meiner Familie nie Thema war, dass mein Opa bei der NSDAP war. Dass mein Uropa ein “gstandener Nazi” war, wusste ich. Seit meinem Fund weiß ich auch, dass er am 1. Mai 1938 gemeinsam mit meiner Uroma in die NSDAP eingetreten ist. Sein Sohn, mein Opa, ist erst fünf Jahre später eingetreten – am 20. April 1943.
Der Eintritt 1943 bedeutet auch, dass mein Opa Mitglied der Hitlerjugend war und den Antrag freiwillig gestellt und unterschrieben hat. Ein Aufnahmestopp 1942 erlaubte es nämlich praktisch nur noch Mitgliedern der Hitlerjugend oder dem Bund Deutscher Mädel, in die Partei einzutreten.
Es frustriert mich, dass nie über die NS-Vergangenheit meines Opas gesprochen wurde - auch, wenn ich meiner Familie keinen Vorwurf machen möchte. Mich frustriert der Umgang, den viele Österreicher:innen mit der Nazi-Vergangenheit bis heute pflegen.
Nach der Veröffentlichung des Archivs und der medialen Berichterstattung darüber lese ich in den Kommentarspalten immer wieder dieselbe Frage: Was bringt es, wenn ich herausfinde, dass Angehörige meiner Familie NSDAP-Mitglied waren?
Österreich war kein Opfer
Der Frage möchte ich zunächst entgegnen, dass die Nazis - und viele von ihnen waren nunmal Österreicher:innen - über sechs Millionen Jüdinnen und Juden, Sinti:zze und Rom:nja, Menschen mit Behinderung, Homosexuelle und politische Gegner:innen systematisch erniedrigt, gefoltert und ermordet haben. Sie haben Familien gewaltvoll aus ihren Häusern gezerrt, deportiert, ermordet, für immer ausgelöscht und die Überlebenden schwer traumatisiert. Ihnen sind wir es schuldig, ihre Geschichte nicht zu vergessen und zu verkennen.
Die Frage, was das denn bringen soll, zeigt einmal mehr, dass der fehlende Umgang Österreichs mit seiner Vergangenheit System hat. Selbst 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs glauben laut einer Umfrage 28 Prozent der Österreicher:innen, dass Österreich das “erste Opfer” des Nationalsozialismus gewesen sei. Das kleine Österreich sei von den Nazis eingenommen worden, heißt es.
Dass darüber bei vielen Landsleuten große Begeisterung herrschte, sollte lieber in Vergessenheit geraten. Millionen jubelten, wenige wehrten sich. Rund 10 Prozent traten sogar der Partei bei.
Die Opferthese als Schutzschild
Diese Opferthese diente Österreich lange Zeit als Schutzschild, um die eigene Rolle im NS-Regime zu verdrängen. Erst die sogenannte “Waldheimaffäre” rund um den ehemaligen österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim führte in den 1980er Jahren zu einer breiten Auseinandersetzung in Politik und Bevölkerung. Waldheim war Präsidentschaftskandidat der ÖVP, als seine Mitgliedschaft in einer NS-Organisation bekannt wurde. Er wurde verdächtigt, als Wehrmachtsoffizier an Kriegsverbrechen am Balkan beteiligt gewesen zu sein. Darauf angesprochen, entgegnete er, dass er nur “seine Pflicht als Soldat” erfüllt habe.
Erst 1991 gestand mit Bundeskanzler Franz Vranitzky (SPÖ) der erste offizielle Vertreter die Mitverantwortung Österreichs für die Verbrechen des Nationalsozialismus ein. Damit übernahm er erstmals öffentlich die moralische Mitverantwortung für die Gräueltaten des Dritten Reiches.
Politische Vertreter:innen und Privatpersonen haben die eigene Parteizugehörigkeit oder die ihrer Verwandten verschwiegen, beschwichtigt und sich als Opfer inszeniert. Es wundert mich deswegen nicht, dass mein Papa von der Parteimitgliedschaft seines eigenen Vaters nichts wusste. Nicht nur, weil dieser starb, als mein Papa erst 18 Jahre alt war. Sondern weil es vielen Nationalsozialist:innen und ihren Familien nach dem Krieg gelungen ist, dieses Kapitel bewusst zu verschleiern und vergessen zu lassen.
Das hatte zur Folge, dass viele Täter:innen und Profiteure des Genozids nie persönliche Konsequenzen erfuhren. Wir haben es zugelassen, dass massenhaft Nationalsozialist:innen ohne Konsequenzen in unserer Demokratie untertauchen und die Ideologie - mal mehr und mal weniger - weiter in die Bevölkerung tragen konnten. Nazis haben nach dem Krieg Parteien gegründet, waren im öffentlichen Dienst tätig, waren Ärzt:innen, Lehrer:innen oder eben Bundespräsident.
Erinnern gegen das Vergessen
Viele Zeitzeug:innen und Familienmitglieder, die über die NS-Zeit berichten hätten können, sind heute nicht mehr am Leben, wie auch meine Verwandten. Die neue Rechte nutzt diesen Umstand und greift die Erinnerungskultur aktiv an. Ihr Ziel ist es, eine möglichst positive nationale Identität zu schaffen – frei von der historischen Schuld. Dabei schrecken sie nicht davor zurück, historische Fakten anzuzweifeln und für ihren Zweck umzudeuten.
Das ist gefährlich, denn der Faschismus ist weltweit auf dem Vormarsch und die Zahl der Autokratien auf einem historischen Höchststand: 77 von 137 untersuchten Staaten werden autokratisch regiert, zeigt der Transformationsindex 2026 der Bertelsmann Stiftung.
Das zeigt, wie wichtig die Erinnerungskultur und Beschäftigung mit unserer Vergangenheit für unsere Gesellschaft und unsere Demokratie ist.
2025 stimmten 39 Prozent der Österreicher:innen der Aussage sehr oder eher zu, dass endlich ein Schlussstrich unter die Zeit des Nationalsozialismus gezogen werden sollte. In Deutschland waren es 2025 38,1 Prozent. Forscher:innen warnen, dass die NS-Erinnerung zunehmend zu etwas Unpersönlichem werde, was man bestenfalls nur aus dem Fernseher kenne. Mein Fund der NSDAP-Karteikarte meines Opas hat die NS-Erinnerung persönlich werden lassen. Ein Teil meiner Familie war aktiver Teil jener Partei, die Millionen von Menschen ermordet hat und die Welt in den Krieg gestürzt hat.
Erinnerungskultur gegen Faschismus
Erinnerungskultur bedeutet, den Willen zu haben, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen, um aus ihr lernen zu können. Erinnerungskultur bedeutet nicht nur, das Leid von Millionen von Menschen und die Mittäterschaft Österreichs anzuerkennen. Erinnerungskultur bedeutet auch, den eigenen Blick zu schärfen. Es geht darum, autokratische und faschistische Mechanismen zu erkennen, klar und deutlich zu benennen und ihnen entschieden entgegenzutreten.
Denn Faschismus entsteht nicht über Nacht. Er bestätigt Menschen in teilweise berechtigten und teilweise irrationalen Ängsten. Er spaltet sie mit Hetze und treibt sie mit gewaltvoller Sprache immer tiefer in den Extremismus – bis zur Gewalt. Diese Mechanismen funktionieren heute genauso. Deswegen müssen wir uns erinnern, wie es damals angefangen hat, wie weit - bis in unsere Familien - der Faschismus gereicht hat und dass wir das nie wieder zulassen können.
Dabei ist es wichtig, Fragen zu stellen. Eine Gesellschaft, die aufhört zu fragen, öffnet dem Faschismus Tür und Tor.
Reden statt Schweigen
Ich habe meinen Fund zum Anlass genommen, mit meinem Papa darüber zu reden. Ich habe ihm von der NSDAP-Mitgliedschaft seines Vaters erzählt. Ich habe ihn gefragt, was er gewusst hat, was ihm erzählt wurde - und was nicht.
Von der NSDAP-Parteimitgliedschaft seines eigenen Vaters wusste mein Papa bis zu meinem Fund nichts. Auch weil mein Papa Heimschüler war und nur außerhalb der Schulzeit Zeit zuhause verbringen konnte. Er wusste zwar, dass sein Vater als junger Mann im Krieg war - darüber geredet wurde allerdings nie. Hin und wieder kamen alte Kameraden seines Vaters zu Besuch. Beim Zuhören der Gespräche sei weder nationalsozialistisches Gedankengut verherrlicht worden, noch habe es Hinweise auf eine stillgelegte Begeisterung gegeben. Mein Papa räumte jedoch ein, als Jugendlicher kein sonderliches Interesse an der Vergangenheit seines Vaters gehabt zu haben. Und mit den Verbrechen des Nationalsozialismus habe er sich erst in seinen frühen Zwanzigern intensiv beschäftigt. Da konnte er meinen Opa nicht mehr fragen.
Warum mein Opa der Hitlerjugend beigetreten ist, welche Rolle mein Uropa dabei gespielt hat, ob mein Opa seine Zeit in der Hitlerjugend und als Mitglied der NSDAP nach dem Krieg als Fehler gesehen und bereut hat - all diese Fragen können weder ich, noch mein Papa beantworten. Die offenen Fragen beschäftigen meinen Papa bis heute. Doch die Auseinandersetzung mit unserer Familiengeschichte hat mich und meinen Papa auch näher zueinander gebracht.
Nicht darüber zu reden ist für mich im Hinblick auf das verursachte Leid und den Tod von Millionen von Menschen keine Option. Das Schweigen der Mehrheit war und ist mitunter der Grund, warum Menschenrechte mit Füßen getreten und Völkermorde verübt werden können. Indem man darüber redet, kann man ein Mindestmaß an Verantwortung übernehmen - für die Geschichte und vor allem dafür, dass sie sich nicht wiederholt.
Die veröffentlichten Karteikarten geben vielen Österreicher:innen nun die Möglichkeit, sich mit den finsteren Stellen in ihren Familien zu beschäftigen. Sie geben uns die Möglichkeit, diese Geschichten nicht länger zu verschweigen, sondern weiterzutragen, offen anzusprechen und aus ihr zu lernen. Auch, wenn es nicht einfach ist.
Anmerkung der Redaktion: Die Wocheinzeitung Die Zeit hat die Suche für Abonnent:innen einfacher aufbereitet.






