Zwei-Klassen-Medizin: Warum findet ein Wiener Gynäkologe mit Kassenvertrag keine Nachfolge?
“Ich muss jeden Tag mindestens 10 Patientinnen ablehnen. Was glauben Sie, was die dann machen? Sie gehen zu Wahlärzten, die wiederum stärker nachgefragt werden”, sagt Martin Jagoutz-Herzlinger. Der Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe im 2. Wiener Gemeindebezirk geht bald in Pension, seine Kassenstelle ist bereits seit einem halben Jahr ausgeschrieben. Wegen der anstehenden Pensionierung nimmt er keine neuen Patientinnen mehr auf.
Die Nachfrage nach gynäkologischen Kassenärzt:innen ist enorm. Man sollte meinen, dass bei der starken Nachfrage auch die Nachfolge für die Kassenstelle von Jagoutz-Herzlinger umkämpft ist. Früher wären solche Stellen auch noch begehrt gewesen, sagt der Gynäkologe. Dem ist mittlerweile jedoch nicht mehr so: Bisher hat sich noch niemand um seine Stelle beworben, obwohl sie seit einem halben Jahr ausgeschrieben ist.
Dabei gibt es gerade bei gynäkologischen Kassenärzt:innen einen starken Mangel. Der zeigt sich in den vergangenen Jahren immer mehr, etwa bei den Wartezeiten auf Termine bei Gynäkolog:innen in Wien. Eine Erhebung im Auftrag der Ärztekammer Wien aus dem Jahr 2024 hat ergeben, dass die Wartezeit im Median 32 Tage beträgt. 2008 waren es noch 8 Tage. Eine aktuellere österreichweite Befragung zeigt sogar eine Wartezeit von 46 Tagen. Fast jede dritte gynäkologische Ordination hat außerdem keine neuen Patient:innen mehr aufgenommen. 2012 waren es gerade einmal 2 Prozent der befragten Ordinationen.
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In Wien waren laut parlamentarischer Anfrage im Bereich der Frauenheilkunde mit 1. Jänner 2025 89 Kassenplanstellen besetzt, in Österreich insgesamt 365. Damit liegt Wien im Mittelfeld, was die Gynäkolog:innen-Dichte betrifft. Rechnet man Patientinnen aus dem Wiener Umfeld mit ein, landet Wien gemeinsam mit dem Burgenland allerdings auf dem letzten Platz:
Grundsätzlich gilt auch in der Gynäkologie dasselbe wie im gesamten medizinischen Bereich: Immer mehr Wahlärzt:innen stehen immer weniger Kassenärzt:innen gegenüber. 2014 hat die Zahl an Wahlärzt:innen jene der Kassenärzt:innen überschritten. In Wien hat nur rund eine:r von vier Gynäkolog:innen einen Kassenvertrag.
Dass sich länger niemand für die Nachfolge einer Kassenstelle findet, ist kein Einzelfall. Laut Auskunft der Ärztekammer Wien gebe es aktuell 102 Planstellen, wobei nur 89 aktiv seien. Mehr als 10 Prozent der Stellen sind also in einem ohnehin schon überlasteten System unbesetzt. Laut ÖGK seien aber neun Stellen “für den Ausbau der Versorgung reserviert”. In den vergangenen 10 Jahren ist Wien zudem um mehr als 200.000 Menschen gewachsen, während die Kassenstellen leicht zurückgegangen sind. Für eine ausreichende Versorgung verlangt die Ärztekammer 130 Kassenplanstellen in Wien. Um einige mehr als aktuell
Die Ärztekammer warnt außerdem: ein Viertel aller Gynäkolog:innen mit Kassenvertrag in Wien geht in den kommenden Jahren in Pension. Einen grundsätzlichen Mangel an Ärzt:innen kann man in Österreich aber auch dann nicht diagnostizieren. Die Dichte an Ärzt:innen ist im internationalen Vergleich sehr hoch. Mit 5,5 Ärzt:innen pro 100.000 Einwohner:innen befinden wir uns im internationalen Vergleich auf Platz 10. Nur für die Kassenstellen finden sich aus unterschiedlichen Gründen teilweise zu wenig Ärzt:innen.
Immer weniger Kassenstellen für immer mehr Menschen
Während die Zahl der Wahlärzt:innen beständig ansteigt, ist die der Kassenärzt:innen langsam zurückgegangen und bleibt seit einigen Jahren auf niedrigem Niveau. Gleichzeitig wächst die österreichische Bevölkerung, ist tendenziell älter und braucht mehr medizinische Behandlungen. Weniger Kassenärzt:innen müssen also mehr Menschen behandeln. Diese Auswirkungen spüren wir alle.
Braucht man als Frau in Wien eine gynäkologische Behandlung, kann man also entweder mehr als einen Monat darauf warten oder man zahlt Geld für einen schnelleren Termin. Nur können sich das viele nicht leisten. So weitet sich die Zwei-Klassen-Medizin immer weiter aus. Ein Problem, das auch den Rechnungshof beschäftigt. Er hat Ende 2025 in einem Bericht unter anderem davor gewarnt, dass der Wahlarztbereich immer weiter zunimmt und dadurch Versorgungslücken entstehen.
Liegt die mangelnde Nachfrage an Kassenstellen daran, dass sich Arbeitsbedingungen für Kassenärzt:innen so stark verschlechtert haben? Martin Jagoutz-Herzlinger kann das nicht bestätigen: “Patientinnen halten vielleicht Termine häufiger nicht ein als früher. Aber die Arbeitssituation hat sich insgesamt nicht wirklich verschlechtert.” Er sieht das Problem woanders: Wahlärzt:in zu sein, sei zumeist wesentlich attraktiver.
Diese Entwicklung war lange absehbar, gegengesteuert wurde bisher kaum. Auch weil die Forderungen zwischen Krankenkassen und Berufsvertretung auseinandergehen oder sich auf Nebenschauplätzen verlieren.
So verlangt die Ärztekammer Wien etwa bessere Tarife für Gynäkolog:innen, um mehr Kassenstellen zu füllen. Die ÖGK weist hingegen auf die “sehr guten Einkommenschancen” bei Kassenverträgen hin Schlechte Bezahlung ist auch für Martin Jagoutz-Herzlinger nicht das Problem: “Wir verdienen auf jeden Fall gut genug.” Das Problem sei eher die hohe Bezahlung im privaten Bereich. Wahlarzthonorare seien teils absurd hoch. Eine Deckelung dieser Honorare, wie sie die ÖGK und auch Gesundheitsministerin Schumann zuletzt gefordert haben, ist für Naghme Kamaleyan-Schmied, Vizepräsidentin der Ärztekammer Wien, wiederum nur “populistische Symbolpolitik”. In Deutschland existiert dieses System bereits, dort sind Honorare in der Regel auf das 2,5-fache des Kassentarifs begrenzt.
Warum ein Kassenvertrag, wenn es auch besser geht
Auch das Momentum Institut fordert, dass die Honorare für private Leistungen an Kassenvergütungen gekoppelt werden. Außerdem soll es mehr geförderte Medizinstudienplätze geben, die dafür an eine Kassenstellenpflicht gekoppelt werden.
Worin sich Arzt und Ärztekammer einig sind: Geld alleine ist nicht der treibende Faktor. Die Rahmenbedingungen für Kassenstellen müssten besser werden. “Die Zeitvorgaben sind für mich recht eng. Ich muss auf jeden Fall vier Tage offen haben und auch Randzeiten abdecken”, sagt Jagoutz-Herzlinger. Wer keinen Vertrag mit der Kasse hat, hat diese Einschränkungen nicht. Höhere Tarife bedeuten auch weniger Patient:innen. Wahlärzt:innen sind wesentlich flexibler und nicht örtlich gebunden. Sie können so auch einfacher Nebentätigkeiten etwa in Krankenhäusern nachgehen. Ein Lösungsansatz der Ärztekammer dafür: flexiblere Arbeitsmodelle für Kassenärzt:innen, etwa mehr Möglichkeiten der Zusammenarbeit.
Erfolgsmodell Primärversorgungseinheit?
Politisch will man mit sogenannten Primärversorgungseinheiten (PVE) entgegenwirken. Bei dem Konzept schließen sich Ärzt:innen mit anderen Gesundheitsberufen zusammen, um ein umfassendes Angebot zu bieten. Besonders in Städten sollen solche Zentren Einzelordinationen nach und nach ablösen. Das Konzept wird von der Stadt Wien besonders gefördert.
Solche Zentren können durch ein größeres Team sowohl für Patient:innen als auch für Ärzt:innen für mehr Flexibilität sorgen und so einem der Kritikpunkte bei Kassenstellen entgegenwirken. Nach einem langsamen Start wurden in den vergangenen Jahren immer mehr gegründet: Gab es 2020 noch 22 PVE, sind es mittlerweile bereits über 116.
Nur: Keine einzige PVE ist bisher auf Frauengesundheit spezialisiert. Zwar sei laut ÖGK eine erste Ausschreibung für ein Zentrum in Wien bereits abgeschlossen, einen Eröffnungstermin gebe es aber noch nicht. Bis 2030 wollen ÖGK und Stadt Wien neun solcher Frauengesundheitszentren in Wien - nach aktuellem Stand ein ambitioniertes Ziel.
Lösungen lassen auf sich warten
Die Gesundheitszentren der Zukunft lösen nicht die Probleme der Gegenwart. Tatsache ist: Es ist in vielen Fällen einfach wesentlich attraktiver, als Wahlarzt oder Wahlärztin zu arbeiten. Dabei sind Arbeitsbedingungen und Verdienst als Kassenarzt trotz aller Herausforderungen meistens nicht schlecht. Dass sich so lange niemand für die Nachfolge seiner Ordination bewirbt, war für Martin Jagoutz-Herzlinger auch deswegen durchaus erschreckend.
Die Zwei-Klassen-Medizin ist bereits Realität in Österreich. Und die Spirale dreht sich aktuell weiter: Mehr Menschen treffen auf weniger Ärzt:innen, was wiederum den Beruf der Kassenmediziner:in unattraktiver macht und zu mehr Wahlärzt:innen führt. Darunter leiden vor allem die Menschen, die sich bessere Behandlungen nicht leisten können.
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