Männer pinkeln gratis, Frauen müssen zahlen. Ist das Diskriminierung?

Melanie Gradik war mit einem Freund im Wiener Stadtpark unterwegs, als ihr die Ungerechtigkeit auffiel. „Wir mussten beide aufs Klo, er durfte einfach gehen, ich musste zahlen“, erzählt sie. Sie sprach die Putzkraft, die kassierte, darauf an, die Frau verwies sie an die Stadt.
Fünf Jahre später sitzt Gradik deshalb an einem brütend heißen Sommertag gemeinsam mit einer Anwältin in einem kleinen Sitzungssaal drei Vertreter:innen der Stadt Wien gegenüber – und kündigt nach Ende des Termins an, die Stadt wegen Diskriminierung zu klagen.
Volksanwaltschaft, Petition – es gab schon viele Versuche
Gradik ist nicht die einzige Frau, die es diskriminierend findet, wenn Männer gratis pinkeln dürfen und Frauen zahlen müssen. Sie ist auch nicht die Erste, die versucht, das zu ändern.
Im Jahr 2023 etwa wendete sich eine Frau wegen einer öffentlichen WC-Anlage im Wiener Prater an die Volksanwaltschaft. Die fand die Regelung ebenfalls diskriminierend und kritisiert sie seither immer wieder – zuletzt erst vor wenigen Tagen im ORF.
Im Jänner 2026 starteten die Sozialarbeiterinnen Valerie Lust und Corinna Stanek gemeinsam mit vier Studienkolleg:innen eine Petition, in der sie die Abschaffung der Kostenpflicht für alle öffentlichen WCs der Stadt Wien und einen Ausbau des Angebots fordern. Sie sammelten knapp 600 Unterschriften und wurden daraufhin in den Petitionsausschuss des Gemeinderats eingeladen.
Frauen und benachteiligte Gruppen sind von Klo-Gebühren besonders betroffen
Frauen seien von den WC-Gebühren nicht nur deshalb besonders betroffen, weil die kostenlosen Pissoirs für sie keine Option sind, argumentierten die Sozialarbeiter:innen in ihrer Petition. Sondern auch, weil sie öfter mit Kindern unterwegs sind, die auch mal aufs Klo müssen, und weil sie „aufgrund von Menstruation, Schwangerschaft, Blasenentzündung oder Blasenschwäche häufiger (öffentliche) Toiletten benötigen“. Außer Frauen treffe die Kostenpflicht auch benachteiligte Gruppen wie wohnungslose oder chronisch kranke Menschen besonders stark.
In der Petition beriefen sich die Sozialarbeiter:innen auch auf das Koalitionsprogramm der Rot-Pinken Wiener Stadtregierung. Darin steht, man werde eine Abschaffung der Klo-Gebühren „prüfen“. Ein Zeitplan dafür ist allerdings nicht angegeben, wie Stanek und Lust kritisieren.
„Wir haben den Termin als positiv erlebt“, sagt Corinna Stanek am Telefon über die Debatte im Petitionsausschuss, „das Feedback war durchweg wohlwollend.“ Die offizielle schriftliche Antwort des zuständigen Stadtrats Jürgen Czernohorszky (SPÖ) einen Monat später hingegen, die sich auf der Petitions-Website nachlesen lässt, habe sie „ernüchternd“ gefunden. „Auf das, was wir gefordert haben, wird darin nicht konkret eingegangen“, sagt Stanek. „Da steht sinngemäß nur: Wir haben das Thema auf dem Schirm, aber die meisten Anlagen sind eh kostenlos.“
Die Antidiskriminierungsstelle hat aufgegeben
Und jetzt also Melanie Gradik (mit der MOMENT.at vor kurzem wegen eines anderen Themas in Kontakt war). Sie füllte 2021 ein Beschwerdeformular auf der Website der Stadt Wien aus, bekam eine unzufriedenstellende Antwort, wendete sich 2024 an die Gleichstellungsbeauftragte, die leitete ihr Anliegen an die Antidiskriminierungsstelle der Stadt weiter.
Eine Mitarbeiterin dort habe ihr geantwortet, sie teile ihre Ansicht, erzählt Gradik. Die Antidiskriminierungsstelle habe die zuständigen Abteilungen offenbar schon mehrfach auf das Thema hingewiesen, ihre Bemühungen dann aber „aus Ressourcengründen“ eingestellt, weil „ein Einlenken der Stadt Wien bis auf Weiteres nicht zu erwarten“ sei.
Die Mitarbeiterin habe Gradik ermutigt, ein Schlichtungsverfahren nach dem Wiener Antidiskriminierungsgesetz einzuleiten. Ein solches Verfahren ist eine Art Vorstufe zu einer Klage wegen Diskriminierung – scheitert das Schlichtungsverfahren, kann die mutmaßlich diskriminierte Person vor Gericht ziehen.
Das Argument der Stadt: Saubere und vandalismussichere Klos sind teuer
Im Sitzungssaal sitzt Gradik jetzt gemeinsam mit einer Anwältin, die sie kostenlos unterstützt, zwei Vertreter:innen der MA 48 und einem Mitarbeiter der MA 45 gegenüber. Die MA 48 ist für den Großteil aller öffentlichen Toiletten in Wien zuständig, die MA 45 für die Wiener Gewässer und damit auch für die öffentlichen WCs in deren Umgebung, also etwa auf der Donauinsel und an der Alten Donau.
Aus dem Schlichtungsgespräch selbst soll hier auf Bitte der Schlichtungsstelle nicht direkt zitiert werden. Aber die Vertreter:innen der Stadt sind danach noch zu einem kurzen Gespräch mit MOMENT.at bereit, und sie argumentieren auch im Sitzungssaal im Wesentlichen so, wie die Stadt es seit Jahren immer tut, wenn sich wieder mal jemand über die Sache mit den Klogebühren beschwert:
Die meisten öffentlichen Toiletten seien ohnehin für alle kostenlos zugänglich. Die Stadt habe in den letzten Jahren die Qualität der öffentlichen WCs stark verbessert, und saubere, vandalismussichere öffentliche Toiletten kosteten viel Geld. Und die Erhaltung und Reinigung von Kabinen sei teurer als die von Pissoirs.
Viele öffentliche Toiletten sind gratis, rund 40 sind es nicht
Die MA 48 etwa betreibt fast 170 WC-Anlagen. Bis vor zwölf Jahren seien viele davon in einem schlechten Zustand gewesen, sagt der stellvertretende Abteilungsleiter Andreas Kuba. Die Stadt habe dann viel Geld investiert, um Anlagen zu renovieren oder gleich abzureißen und neu zu errichten.
Trotzdem koste nur in 27 besonders stark ausgelasteten Anlagen, wo Reinigungspersonal anwesend sei, die Nutzung der Kabinen Geld. Die seien dafür aber eben auch besonders sauber. Zwei weitere WCs hätten automatisierte Reinigungssysteme, dort erfolge der Zugang durch Münzeinwurf.
Eine Million Euro im Jahr koste der Betrieb, die Reinigung und Wartung der Kabinen und Pissoirs inklusive Steuern allein in den 27 betreuten WC-Anlagen. Finanzieren müssen das die Bezirke, und für die sei das viel Geld. Durch die Klo-Gebühren kämen immerhin 300.000 Euro wieder rein.
Donauinsel: Vollautomatisch und kostenpflichtig
Auf der Donauinsel und entlang der Neuen Donau habe es bis vor 15 Jahren noch reine Plumpsklos ohne Strom und Wasser gegeben, sagt Thomas Kozuh-Schneeberger von der MA 45. Dann habe man die Zahl dieser Klos verringert und die 13 verbleibenden dafür mit Wasser, Strom und Außenduschen ausgestattet. Ihre Benutzung sei weiterhin kostenlos, außerdem gebe es rund 50 kostenlose Mobilklos.
Kostenpflichtig sind hingegen die Kabinen in den 13 neuen Anlagen aus Holz und Edelstahl, die die MA 45 in den letzten Jahren aufstellen hat lassen und die sich nach jedem Gebrauch selbst reinigen. Piktogramme zeigen deutlich, welche Services hier vorhanden sind – aber auch, für welche man eben zahlen muss.

Über dem kostenlosen Pissoir: Ein Mann.
Über den kostenpflichtigen Kabinen: Ein Mann, eine Frau, ein Mensch im Rollstuhl, eine Person, die ein Baby wickelt.
Keine idente Dienstleistung, keine vergleichbare Situation?
Also, Qualität hin, Reinigungskosten her: Ist es nicht schlicht Diskriminierung, wenn Männer gratis urinieren dürfen und Frauen nicht?
Rechtlich hat diese Frage schon im Jahr 2010 die Gleichbehandlungskommission des Bundeskanzleramtes geprüft, auf Verlangen einer betroffenen Frau und der Gleichbehandlungsanwaltschaft. Das Ergebnis ihrer Prüfung: Da für die Nutzung der Kabinen sowohl Männer als auch Frauen zahlen müssen, könne „keine Ungleichbehandlung aufgrund des Geschlechts erkannt werden.“ Eine Klokabine und ein Pissoir seien nämlich keine „identen Dienstleistungen“, und wenn ein Mann in ein Pissoir pinkle, sei das auch keine mit dem Pinkeln einer Frau in eine Kloschüssel „vergleichbare Situation“.
Auf dieses Prüfungsergebnis beruft sich die Stadt Wien bis heute.

Dabei, sagt Melanie Gradiks Anwältin Petra Laback, sei das Gesetz, auf dem das Prüfungsergebnis beruht, mittlerweile geändert worden. „Und gerade weil es hier um biologische Unterschiede geht, liegt eine unmittelbare Diskriminierung vor“, argumentiert sie.
Gewinnt sie vor Gericht, könnten andere ihr folgen
Nach etwa einer halben Stunde geht das Schlichtungsverfahren ohne Einigung zu Ende. Sie sei nicht überrascht, aber „ernüchtert“, sagt Melanie Gradik. Nicht nur Kabinen, sondern auch Pissoirs müssten doch gereinigt werden, und alle Argumente der Stadt änderten nichts am Grundproblem – daran, dass Männer gratis pinkeln dürften und Frauen vielerorts nicht.
Ob diese Regelung okay ist, ist einerseits eine rechtliche Frage – andererseits aber auch eine politische. Die Stadt könnte die Situation auch ungerecht finden und bereinigen, ohne dass eine Kommission oder ein Gericht sie als diskriminierend beurteilt. Doch auf dieser Ebene scheint die Stadt nicht darüber nachzudenken – zumindest nicht zufriedenstellend aus der Sicht vieler Frauen.
„Ich denke, die Stadt wartet auf eine Gerichtsentscheidung“, sagt Gradiks Anwältin. Eine solche will Gradik jetzt herbeiführen.
Gewinnt sie den Prozess, muss die Stadt ihr Schadensersatz für die erlittene Diskriminierung in Höhe von mindestens 1.000 Euro zahlen, erklärt die Anwältin – und dann könnte jede andere Frau, die auf einer öffentlichen Toilette in Wien 50 Cent zahlen musste, es ihr gleichtun. Darauf, so die unausgesprochene Hoffnung, würde die Stadt es wohl nicht ankommen lassen.











