Zu sehen ist eine Hebamme mit Mundschutz, die ein neugeborenen Baby hält. Im Artikel geht es um Hebammenmangel in Österreich.

In Österreich herrscht Hebammenmangel. Dabei wollen viele den Beruf erlernen. Wie kommt das?

/ 29. November 2021

Eine Hebamme, die fünf bis sechs Geburten gleichzeitig betreut: Im österreichischen Gesundheitssystem kann das durchaus vorkommen. Trotz sinkender Geburtenraten herrscht Hebammenmangel. Warum ist das so? Warum hören wir so selten etwas darüber? Und was können wir dagegen tun?

Als Stella mit Wehen ins Krankenhaus Hietzing eingeliefert wird, ist vor Ort schon viel los. Zwei junge Hebammen sind für fünf Kreißsäle zuständig. Sie wirken gestresst und überfordert. Wegen der Pandemie  muss Stella zuerst in einem Isolierzimmer auf ihr Testergebnis warten. Dass sich das Baby in der Zwischenzeit dreht, merkt niemand. Auch im Kreißsaal wird nur ab und an nach der werdenden Mutter geschaut. In der Nacht muss ein Notkaiserschnitt durchgeführt werden. Für Stella ist die Geburt mit viel Stress und Unsicherheit verbunden. Auch, weil es schlicht zu wenige Hebammen gab, um sie gut zu betreuen.

Stella ist kein Einzelfall. Österreich hat einen Hebammenmangel. Auf 1.000 Lebendgeburten kommen in Österreich nur 26 Hebammen. Das sind um einige weniger als in Ländern wie Schweden oder auch Polen. Österreich liegt deutlich unter dem EU-Schnitt.  Diese Situation dürfte sich durch eine Pensionierungswelle zusätzlich verschärfen.

Die Standesvertretung fordert genug Hebammen für eine 1:1 Betreuung. Allein für den Osten Österreichs bräuchte es dafür bis 2030 circa 1.900 zusätzliche Hebammen. Davon ist Österreich sehr weit entfernt.

Der Hebammenmangel  ist nichts Neues. „Ich bin seit 21 Jahren in der Standesvertretung“, erklärt Gerlinde Feichtlbauer, Präsidentin des Österreichischen Hebammengremiums. „Und seit 21 Jahren ist das Thema“. Die Versorgungslücke habe sich aber in den letzten 10 Jahren zugespitzt.

Hebammenmangel trotz großem Interesse

Wieso fehlen also so viele Hebammen? Allein die Bezahlung ist wie in vielen Pflegeberufen sehr niedrig. Das ist aber nicht der einzige oder wichtigste Grund. Es gibt schlicht zu wenig Ausbildungsplätze: Auf einen Studienplatz kommen in Österreich im Schnitt 10 Bewerber:innen.

An nur sieben Fachhochschulen kann man den Hebammenberuf erlernen, aber nicht jede davon nimmt jährlich neue Student:innen auf. Die FH Salzburg bildet beispielsweise nur alle drei Jahre neue Hebammen aus. Zwar wurden in den letzten drei Jahren Ausbildungsplätze ausgeweitet. Ab Herbst 2022 soll es beispielsweise einen neuen Studiengang an der FH Burgenland geben. Genug ist das aber noch lange nicht.

Praktika fehlen

Zu der kleinen Zahl an Studienplätzen kommen noch andere Probleme. Fachhochschulen verlangen Praktika. Aber auch davon gibt es nicht genug. Vierzig Geburten müssen von FH-Studierenden im Laufe ihrer Ausbildung eigenständig betreut werden: „Es ist für die Student:innen wirklich sehr schwer, die gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen“, sagt Vera Wokurek-Biebel, die an der FH Campus Wien unterrichtet.

Hebammen lernen in Wien an der FH Campus den Beruf. Doch das Studium ist hart.

Foto: Miriam Ressi

Die Studierenden müssen die Möglichkeit haben, Erfahrungen zu machen. Doch es ist eine Herausforderung, gleichzeitig eine Geburt und eine Praktikantin zu begleiten. Das ist einer der Gründe, wieso es zu wenige Praktikumsplätze für werdende Hebammen gibt.

An die eigenen Grenzen gehen: „Eine Hebamme muss belastbar sein“

Praktikum und Studium unter einen Hut zu bringen, ist für viele Studierenden an den Fachhochschulen eine große Herausforderung. Magdalena (Name von der Redaktion geändert), die an der FH Campus Wien eher am Ende ihres Studiums ist, erzählt: „Es ist ein riesiger Druck: Ich darf in der Praktikumszeit nicht krank werden, sonst schaffe ich es nicht, meine Praktikumsvorgaben zu erfüllen. Notfalls muss ich in den Weihnachtsferien Dienste machen. Ich arbeite sehr viel und sehr hart und werde für 50 Wochen Praktikum während des Studiums nicht bezahlt. Zwischendurch muss ich Prüfungen schreiben und irgendwann muss ich ja auch Geld verdienen, um mir das Studium leisten zu können.“ Probleme, die auch Studierende von sozialen Berufen nur zu gut kennen.

Unbezahlte Praktika, Studium und Job? Eine Studentin sagt, der Druck brennt sie aus.

Foto: Miriam Ressi

In ihrem dritten Semester hat Magdalena begonnen, in Psychotherapie zu gehen – wie viele ihrer Mitstudierenden. „Eine Work-Life Balance gibt es in diesem Studium quasi nicht. Wir haben oft das Gefühl, wir hören mit einem Burnout auf“. Dass die Ausbildung mit sehr viel Druck verbunden ist, sehen auch Wokurek-Biebel und Feichtlbauer. Mit vier anstelle von drei Jahren Ausbildungszeit würde schon sehr viel Stress genommen und man könne das Pensum besser aufteilen.

Vonseiten ihrer FH vermisst Magdalena Verständnis für die Studierenden. „Wenn wir das an die Studiengangsleitung oder Vortragenden rückmelden, heißt es oft, eine Hebamme müsse belastbar sein, wie wolle man das sonst im Job aushalten?“

Keine Zeit für die Toilette

Große Belastung hören mit dem Jobeinstieg nicht auf: „Es gibt Dienste, da hat man nicht einmal Zeit, auf die Toilette zu gehen. Oft kann man die Mittagspause nicht einhalten. Und ich kann mir an meinen freien Tagen fast sicher sein, dass ich einen Anruf bekomme, ob ich nicht einen Dienst übernehmen kann“, sagt Wokurek-Biebel.

Anders würde das System nicht mehr funktionieren. Langfristig hat das aber Konsequenzen: Burnout sei unter Hebammen ein großes Thema, berichtet Wokurek-Biebel. „Es kann schon passieren, dass man fünf bis sechs Frauen gleichzeitig zu betreuen hat. Auf Dauer macht das natürlich etwas mit dir. Neben Burnout ist da aber auch die Gefahr von Cool-out groß, indem man sich aus Selbstschutz nicht mehr so stark emotional auf die Arbeit einlässt. Besonders der Hebammenberuf lebt aber von einer emotionalen Beziehung mit der Frau. Wenn ich die durch zu großen Stress und Druck nicht mehr auf sie eingehen kann, dann nimmt natürlich auch die Qualität ab.“

„Wer sonst geht für uns auf die Straße?“

Viele junge Hebammen möchten unter diesen Bedingungen nicht mehr vierzig Stunden arbeiten. Ein Wunsch, den man sich erst einmal leisten können muss: Arbeitet man derzeit als Kassenhebamme, so käme man allein mit vierzig Stunden kaum über die Runden, sagt Feichtlbauer von der Standesvertretung.

Was es braucht? Für Studentin Magdalena ist klar: „Wir müssen auf die Straße gehen und mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen einfordern. Das sehen zwar Menschen, die in diesem Beruf arbeiten. Aber wer sonst geht für uns auf die Straße?“

Ohne die Solidarität von Frauen untereinander werde es nicht besser, so Wokurek-Biebel: „Frauen müssen ihr Recht auf eine Hebamme einfordern. Wenn das alle machen würden, würde sich auch etwas ändern.”

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