Ein alter Mann im Krankenbett, eine Pflegerin hält seine Hand

PraktikantInnen in Pflegeberufen und im sozialen Bereich müssen oft arbeiten wie angestellte MitarbeiterInnen. Das Praktikum ist Pflicht aber oft unbezahlt - und das stürzt viele in finanzielle Not.

Pexels/truthseeker08

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/ 2. April 2021

Vor allem im Sozial-Bereich oder der Pflege muss im Rahmen des Studiums oft ein verpflichtendes Praktikum gemacht werden. Aber von wegen sozial! Viele Studierende werden dabei als vollwertige Arbeitskräfte eingesetzt - arbeiten aber unbezahlt. Leokadia Grolmus studiert Soziale Arbeit, ist selbst betroffen und hat die Petition #ZukunftPraktikum ins Leben gerufen. Sie fordert die Politik auf, diesen Missstand endlich zu bekämpfen. MOMENT erzählt sie, wie StudentInnen in unbezahlte Pflichtpraktika ausgebeutet werden und wie manche in finanzielle Nöte geraten.

Leokadia Grolmus studiert Soziale Arbeit und hat eine Petition gestartet, damit ein verpflichtendes Praktikum nicht unbezahlt bleibt.

Leokadia Grolmus studiert Soziale Arbeit und hat eine Petition gestartet, damit ein verpflichtendes Praktikum nicht unbezahlt bleibt.

Leokadia Grolmus

MOMENT: Du studierst Soziale Arbeit und arbeitest daneben. Wie schaffst du es da überhaupt noch ein Praktikum nebenbei zu machen?

Leokadia Grolmus: Ich bin jetzt 22 und mache das Bachelorstudium berufsbegleitend. Meine Vorlesungen sind oft am Abend. Nebenbei arbeite ich als Betreuerin in der Wohnungslosenhilfe, ungefähr 22 bis 35 Wochenstunden. Mir wurden deshalb bereits einige Wochen als Praktikum angerechnet, aber im gesamten Studium der Sozialen Arbeit sind 16 bis 20 Wochen Pflichtpraktikum vorgeschrieben. Das geht sich bei mir nur aus, wenn ich dafür meinen gesamten Urlaub aufbrauche - um unbezahlt zu arbeiten. Ich habe also seit drei Jahren keine Ferien gehabt oder länger frei.

 

MOMENT: Wie geht es anderen Studentinnen mit diesen unbezahlten Pflichtpraktika?

Grolmus: Es geht vielen nicht gut damit, manche geraten deshalb tatsächlich in finanzielle Not. In der Pflege ist es besonders schlimm, da wird wirklich viel Praktikum verlangt. Das gesamte fünfte Semester muss eigentlich nur noch praktisch gearbeitet werden. In der Pflege ist es oft so, dass PraktikantInnen von Montag bis Samstag zu unterschiedlichsten Uhrzeiten zur Verfügung stehen müssen und den Dienstplan teilweise nur sehr kurzfristig bekommen. Vor allem das Arbeiten in Praktika am Samstag stellt viele Auszubildende vor ein Problem, da zahlreiche eigentlich am Samstag arbeiten, um sich das Studium zu finanzieren.

 

MOMENT: Das heißt, dass viele sogar ihre Nebenjobs wegen eines Praktikums verlieren? 

Grolmus: Das passiert. Wenn das Praktikum länger läuft, können sich viele eben nicht so lange freinehmen. Die meisten arbeiten ohnehin nur geringfügig oder als freie Dienstnehmer und verlieren diese Jobs dann ganz. Schlimm ist es vor allem für KollegInnen, die keine Studienbeihilfe mehr bekommen, so wie eine Freundin von mir, die einfach zu oft das Studium gewechselt hat.

Richtig heftig hat es eine Studentin aus einem Drittstaat erwischt. Diese Gruppe hat ohnehin nur sehr eingeschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt. Sie hätte zwei Monate lang ein unbezahltes Pflichtpraktikum machen und auch an Samstagen arbeiten sollen. Deshalb hätte sie ihren Samstagsjobs verloren, den sie aber dringend gebraucht hat, um sich das Leben hier irgendwie leisten zu können - ihre Familie konnte sie nicht unterstützen. Sie war vollkommen verzweifelt und hatte wirklich gar kein Geld mehr am Konto. Ich bin auch in der Studierendenvertretung tätig und wir konnten ihr damals helfen, sie hat dann sogar ein bezahltes Praktikum bekommen.

 

MOMENT: Im sozialen Bereich ist oft von Unterfinanzierung und Personalnot zu hören. Ohne PraktikantInnen wäre der Betrieb teilweise gar nicht aufrechtzuerhalten. Hast du das auch schon erlebt?

Grolmus: Ja, da passiert schnell Ausbeutung. PraktikantInnen im Sozialbereich und der Pflege leisteten im Prinzip dasselbe wie die angestellten MitarbeiterInnen. Sie müssen auch oft Nacht- und Wochenenddienste erledigen und sind da oft auf sich alleine gestellt.

Ich habe nicht Pflege studiert, aber eine Pflegeausbildung vor meinem jetzigen Studium gemacht und habe das auch bei der Altenpflege bemerkt: Die Pflegekräfte hätten ohne PraktikantInnen einfach nicht alle Zimmer bei der Morgenroutine versorgen können, obwohl sie in Ausbildung sind, mussten sie die Körperpflege und die Versorgung mit Nahrung komplett alleine erledigen. PraktikantInnen sind fix eingeplant. Mit ihnen werden oft die Löcher im Dienstplan gestopft.

 

MOMENT: Was sind nun also deine Forderungen an die Politik?

Grolmus: Einen Mindestlohn von 950 Euro. Das ist das, was laut Kollektivvertrag in der Sozialwirtschaft Lehrlinge im zweiten Lehrjahr bekommen. Ich finde das nicht allzu übertrieben. 

 

MOMENT: Die Forderung, Pflichtpraktika zu bezahlen gibt es ja schon länger …

Grolmus: Ja, ich glaube vor mir haben das schon mindestens fünf andere Menschen versucht. Die Gewerkschaft fordert auch, dass Pflichtpraktika bezahlt werden. Ich durfte einmal das Anliegen während der Kollektivvertrags-Verhandlungen vortragen. Die großen Unternehmen meinten: ja, das sei alles cool und wichtig, aber sie hätten zu wenig Budget. Sie würden eh gerne die PraktikantInnen bezahlen, aber woher sollten sie das Geld den nehmen? Ich gehe nun einen neuen Weg und möchte ein öffentliches Ärgernis über diese Zustände hervorrufen. Ich wende mich auch an jene, die für die Vergabe von öffentlichen Mitteln zuständig sind, an Bund und Länder und an den Sozialminister. Sie müssen dafür sorgen, dass aus den Geldern, die sie zur Verfügung stellen, auch die Auszubildenden bezahlt werden können. 

In anderen Bereichen ist das ja auch möglich. Bei mir hat sich mal ein Architektur-Student beschwert, dass er nur 1.000 Euro für ein Vollzeitpraktikum bekommt. In der Baubranche ist das schon wenig. Und wir in der Pflege und im sozialen Bereich bekommen oft gar nichts.



MOMENT: Glaubst du, dass die Corona-Krise genau diese Probleme sichtbarer macht und es ein Umdenken geben wird?

Grolmus: Nein. In meinem Job als Betreuerin in der Wohnungslosenhilfe war aufgrund der Corona-Situation mehr los, denn je. Wir hatten Corona-Cluster, es gab mehr Polizei-Einsätze. Wir mussten mehr Menschen aufnehmen, aber zusätzliches Personal gab es nicht. Der Trakt, den wir dazu bekommen haben, der war nicht an unser Büro angeschlossen. Wir mussten da bei Minusgraden in die Kälte hinaus gehen. Es war also ein enormer Stress für uns. Wir hatten viel mehr Menschen zu betreuen, viele Krankenstände und für unseren Einsatz haben wir nicht einmal einen Billa-Gutschein oder irgendein minimales Zeichen der Wertschätzung bekommen. Wir haben mit einem Warnstreik gedroht, wenn nichts passiert. Da wurde uns dann gesagt, dass wir eh ur-wichtig seien und alle dankbar für unseren Einsatz und unsere Arbeit.

 

MOMENT: Also müssen SystemerhalterInnen froh sein, wenn sie überhaupt beklatscht werden?

Grolmus: Ich habe wirklich ein Problem mit dem Wort SystemerhalterInnen. Ich und viele andere, die in diesen Bereich gehen, wollen ja nicht dieses System erhalten, sondern etwas darüber hinaus tun - es verbessern. Doch unter den derzeitigen Arbeitsbedingungen ist es oft gerade einmal möglich, im Altenbereich alle mit Essen zu versorgen und sauber zu kriegen - mehr ist nicht drin. Im Sozialbereich kannst du dann oft nur noch Feuerwehr spielen. Aber wir würden gerne die Qualität im Leben der Menschen verbessern, derer wir uns annehmen. Und genau das ist kaum möglich. Da darf sich niemand wundern, wenn viele nur ein paar Jahre in diesen Jobs bleiben. Es müsste sich wirklich dringend etwas ändern, damit sich die Arbeitsbedingungen verbessern und uns die Arbeitsmotivation zurückgegeben wird - und wir das tun können, weshalb wir ursprünglich in diesen Bereich gegangen sind.

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