24-Stunden-Betreuerinnen bei Demonstration in Wien. Das Foto zeigt Pflegerinnen mit Schildern auf denen "Solidarität mit der 24 Stunden Personenbetreuung" und "Wir Migrantinnen schultern das österreichische Pflegesystem" zu lesen ist.

24-Stunden-Personenbetreuerinnen demonstrierten am 8. März in Wien. Foto: Ileana Ion

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/ 31. März 2020

Wegen der Coronavirus-Pandemie und geschlossener Grenzen sind die Pflegerinnen Mirela und Roxana gestrandet. Die eine in Österreich, die andere in Rumänien. Sie sind prekär beschäftigt, mies bezahlt und werden für ihre Arbeit kaum gewürdigt. Doch fehlen sie, kracht bei uns die Pflege. Der Notstand ist so groß, dass am Montag Hunderte Personenbetreuerinnen aus Rumänien und Bulgarien eingeflogen wurden. Bevor sie hier arbeiten, müssen sie für zwei Wochen in Quarantäne - ohne Gehalt versteht sich.


Mirela (54) lebt in der Großstadt Timișoara in Rumänien. Zur Arbeit fährt sie nach Österreich. Ihr Weg zum Job ist 550 Kilometer lang. In Laab im Walde nahe Wien betreut sie eine pflegebedürftige Frau: 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, vier Wochen am Stück. Es ist ein anstrengender Job, nicht nur körperlich: „Wir müssen teilweise wie Ärzte sein, wie Freunde, wie Psychologen, es ist sehr komplex“, sagt sie im Videochat mit MOMENT.

Immer nach einem Monat fährt sie im überfüllten Minibus mit sechs anderen Personenbetreuerinnen – es sind beinahe ausschließlich Frauen – zurück nach Rumänien. Vier Wochen später kommt sie wieder nach Österreich. Seit fünf Jahren ist das Mirelas Alltag. Es ist Alltag in Österreich. Die Pflege daheim wird hierzulande fast nur von Frauen aus den östlichen EU-Ländern geleistet. „Wir machen eine Arbeit, die kaum jemand machen möchte, und sind trotzdem sehr schlecht bezahlt“, sagt Mirela.

Ich hatte keine Wahl. Wir bekommen viel Druck, dass wir hier in Österreich bleiben.
Mirela, 24-Stunden-Personenbetreuerin

Doch die Coronavirus-Pandemie hat alles auf den Kopf gestellt. Anstatt nach Hause fahren zu können, um sich vom Job zu erholen, sitzt sie in Laab im Walde fest. Weil Ungarn und Rumänien ihre Grenzen geschlossen haben, kommt die Pflegerin, die sie ablösen sollte, nicht nach Österreich. Statt ihr arbeitet Mirela weiter als 24-Stunden-Betreuerin einer dementen Pensionistin, inzwischen in der siebten Woche in Folge.

Ihrer Patientin fühlt sie sich verbunden und verpflichtet, sagt sie. Aber: „Ich hatte keine Wahl. Wir bekommen viel Druck, dass wir hier in Österreich bleiben.“ Denn fehlt Mirela, fehlt es in der Pflege. Ist sie nicht hier und kommen ihre rund 60.000 Kolleginnen nicht mehr nach Österreich, dann kracht es in der Heimbetreuung. Dann “implodiert das System, das ist klar”, sagte vidaflex-Gewerkschafter Christoph Lipinski in der vergangenen Woche zu MOMENT.

Österreich startet Luftbrücke der Pflege

Roxana (51) ist eine weitere der Frauen, die hier „eine schwere Arbeit machen, die nicht gesehen wird von der Gesellschaft“, wie sie zu MOMENT sagt. Wegen der geschlossenen Grenzen kann sie derzeit nicht nach Österreich zu ihrer Arbeit. Wie Mirela sitzt sie fest, allerdings auf der rumänischen Seite: in ihrem Heimatdorf rund 20 Kilometer von Timișoara entfernt. Wir trafen sie am Donnerstag der vergangenen Woche zu einem Gespräch per Videochat.

„Die Pflegefirmen kommen schon mit den absurdesten Vorschlägen“, sagte Roxanna. „Vor kurzem hieß es sogar, wir sollten per Flugzeug nach Österreich gebracht werden.“ Am Freitag setzten Niederösterreichs Wirtschaftskammer, die Landesregierung und Österreichs Außenministerium diesen „absurden Vorschlag“ in die Tat um.

Timișoara: 24-Stunden-Betreuerinnen vor Abflug nach Wien. Foto: M. Dinculeasa.

Am Montagnachmittag hob ein Flugzeug in Timișoara ab und startete ein weiteres in Bulgariens Hauptstadt Sofia. An Bord der Maschinen waren insgesamt 281 Personenbetreuerinnen. Es ist eine Art Luftbrücke der Heimbetreuung. Nach der Landung müssen die Frauen jetzt aber zunächst in eine 14-tägige Quarantäne. Nahe des Flughafens Wien-Schwechat werden sie im Hotel „Das Reinisch“ untergebracht werden.

Zwei Wochen Quarantäne – unbezahlt

„Zu uns kommen 240 der Frauen“, sagt Doris Reinisch, Geschäftsführerin des Familienbetriebs zu MOMENT. In Doppelzimmern und Appartements des Hotels werden die BetreuerInnen wohnen und „dürfen diese während der Quarantäne im Normalfall nicht verlassen“, sagt Reinisch. Ein Caterer versorgt die Frauen mit dem Nötigen.

Bezahlt wird der unfreiwillige Hotelaufenthalt der Pflegerinnen von der Wirtschaftskammer Niederösterreich. Reinisch verdiene allerdings nichts dabei. Weit unter zehn Euro pro Person und Nacht erhalte sie dafür. „Es ist sehr wenig, es deckt die Kosten“, so Reinisch. „Wir sehen das als soziales Engagement“. Persönlich betroffen ist sie aber auch: „Meine Mutter wartet selbst auf ihre Pflegekraft.“

Gehalt für 24-Stunden-BetreuerInnen während der Quarantäne ist Vereinbarungssache.
Gesundheits- und Pflegeministerium

Für die Personenbetreuerinnen sieht es schlechter aus. Sie erhalten während der Quarantäne offenbar kein Geld. Keine der Frauen, mit denen MOMENT für diesen Artikel sprach, hat eine Zusage erhalten, dass sie in diesen zwei Wochen irgendeinen Lohn erhalten. Ob die Betreuerinnen während der aufgezwungenen Quarantäne bezahlt werden, beantwortete die Wirtschaftskammer auf MOMENT-Anfrage nicht.

Katharina Schinkinger, Sprecherin des Gesundheits- und Pflegeministerium schreibt auf Anfrage von MOMENT: „Bei 24-Stunden-BetreuerInnen ist das Vereinbarungssache zwischen den BetreuerInnen und ihren VertragspartnerInnen.“ Soll wohl heißen: Dem für die Personenbetreuung zuständigen Ministerium ist zwar sehr daran gelegen, die Frauen hier zu haben. Ob und wie gut sie dabei von ihren VertragspartnerInnen bezahlt werden, scheint aber weniger wichtig.

Die Frauen haben in Österreich eine sehr schwache Position.
Flavia Matei, Aktivistin für Heimbetreuerinnen

Eine solche Vertragspartnerin ist die “LebensWerte Seniorenbetreuung”. Sie rief über ihre Facebook-Seite auf, sich für den Flug nach Österreich zu melden. Genau beschrieben wird in der Anzeige, welche Dokumente die Personenbetreuerinnen beizubringen und wann sie sich wo zu melden haben. Was fehlt: Ein Wort darüber, wie die Frauen in dieser Zeit bezahlt werden. Eine Anfrage von MOMENT an LebensWerte blieb unbeantwortet.

„Ich gehe davon aus, dass es in der Anzeige stehen würde, wenn es bezahlt wäre“, sagt Flavia Matei zu MOMENT. Die gebürtige Rumänin lebt in Wien und kämpft für die Rechte der Personenbetreuerinnen aus ihrer Heimat. “Die Frauen haben in Österreich eine sehr schwache Position”, sagt sie.

Offiziell selbständig, praktisch völlig abhängig

Mirela und Roxana sind offiziell Selbständige. Praktisch sind sie völlig abhängig von den Auftrag gebenden Familien in Österreich und Pflegevermittlern. Diese Firmen werben die Frauen an und vermitteln sie an österreichische Haushalte. Dafür kassieren sie von den Pflegerinnen einen guten Teil ihres geringen Gehalts.

Betreuerin Mirela zahlt vor jeder Fahrt nach Österreich 400 Euro “Provision” an ihre Vermittlungsagentur. Und dass, obwohl sie immer im selben Haushalt arbeitet, also gar nicht mehr vermittelt werden muss. Am Ende bleiben Mirela für vier Wochen 24-Stunden-Betreuung gerade einmal 1.300 Euro. Das entspricht einem Stundenlohn von 1,75 Euro. Und: „Das Gehalt muss für zwei Monate reichen“, sagt Mirela. Denn während sie in Rumänien ist, verdient sie keinen Cent. Damit bleiben ihr monatlich rund 650 Euro.

Österreich will, dass wir die Arbeit machen, egal wie die Bedingungen sind.
Roxana, 24-Stunden-Personenbetreuerin

Fahren Mirela und Roxana zurück nach Rumänien, wissen sie nicht, ob sie vier Wochen später noch im Haushalt ihrer betagten Pflegebedürftigen gebraucht werden. Ihr Arbeitsvertrag gilt immer nur von einem Monat zum nächsten. “Wir sind das schwächste Glied in der Kette und alle schauen weg”, sagt Roxana. Den Vermittlerfirmen ginge es nur um ihren Profit und Österreich vor allem um eines, sagt sie: “Dass wir die Arbeit machen, egal wie die Bedingungen sind.”

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