Manfred Tauchner gestikuliert mit einem Flipchart Marker in der Hand im Rahmen eines Workshops.
Manfred Tauchner bei einer Veranstaltung der Paul Watzlawick Gesellschaft in Warmbad-Villach. (Bild mit freundlicher Genehmigung der (C) Paul Watzlawick Gesellschaft)
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/ 29. September 2020

Manfred Tauchner ist Studiengangsleiter für „Soziale Arbeit“ an der Fachhochschule Burgenland und ehrenamtlicher Bewährungshelfer. Im Interview mit MOMENT erzählt er über die Herausforderungen, mit denen KlientInnen und BewährungshelferInnen während der Corona-Pandemie und der darauffolgenden Wirtschaftskrise konfrontiert waren und sind.


MOMENT: Eine Folge der Corona-Pandemie ist die große starke wirtschaftliche Krise. Wie hat sich die soziale Lage der KlientInnen der Sozialen Arbeit verändert?

Manfred Tauchner: Wir wissen noch nicht, was die zweite Welle an Arbeitslosigkeit bewirken wird – wir sehen das in der Sozialen Arbeit zeitversetzt. Viele Menschen sind auf Kurzarbeit umgestellt worden oder konnten gar nicht die Jobs aufnehmen, die sie normalerweise im Frühjahr beginnen. AdressatInnen der Sozialen Arbeit hatten und haben es am Arbeitsmarkt ohnehin schon schwer. Jetzt werden sie noch stärker abgedrängt, und ersetzt durch eine Kohorte von 300.000 bis 400.000 Arbeitslosen. Die Konkurrenz im Heer der Arbeitslosen wird noch stärker, und das wird viele soziale Verwerfungen mit sich bringen.

"Es ist auch davon auszugehen, dass sich der Konsum von illegalen Substanzen verstärkt hat."


MOMENT: Sie arbeiten selbst etwa in der Hilfe für Straffällige. Was hat Corona dort bedeutet?

Tauchner: Wir konnten drei Monate keinen direkten Kontakt mit den KlientInnen haben - später dann mit Gesichtsschild. Viele Kontakte fanden über Telefonat, Skype oder Whatsapp statt. Manche KlientInnen waren sogar über Videoanrufe besser zu erreichen. Trotzdem ist diese Arbeit limitiert. BewährungshelferInnen können nicht direkt in der Lebenswelt der Klienten sein - darunter leidet die Kommunikation. Das gemeinsame Aufsuchen von Behörden mit den KlientInnen etwa war nicht möglich. Viele der sozialarbeiterischen Angebote wurden auf Kriseninterventionen reduziert. Die Situation am Arbeitsmarkt hat die berufliche (Wieder-)Eingliederung erschwert. Es gibt aber auch Ausnahmen: Ein Klient von mir, der lange arbeitslos war, hat während der Krise eine Anstellung im Einzelhandelsbereich gefunden. Es ist für viele unserer KlientInnen wichtig, dass jetzt wieder Termine vor Ort stattfinden können, und so eine kontinuierliche Beziehungsarbeit gewährleistet ist.


MOMENT: Wie hat sich der Lockdown generell auf Kriminalität in der Gesellschaft ausgewirkt?

Tauchner: Es besteht leider die Gefahr, dass durch Kündigungen und Einsparungen durch UnternehmerInnen und Konzerne die soziale Situation noch mehr verschärft wird, und es so zu einem Anstieg von Kriminalität kommen könnte. Veränderungen hier kommen aber mit zwei bis drei Monaten verspätet bei den Institutionen der Sozialen Arbeit an. Eine Veränderung von Kriminalität muss zuerst den Weg durch die Mühlen der Justiz gehen.


MOMENT: In welchen Bereichen befürchten sie einen Anstieg an verübten Straftaten?

Tauchner: Durch den Lockdown sind einige Formen der Kriminalität zurückgegangen oder wurden nicht wahrgenommen, etwa klassische Eigentumskriminalität wie Diebstähle und Einbrüche. Im Bereich der Suchtmittelthematik könnte es für die Betroffenen verstärkt Schwierigkeiten gegeben haben, da sich die Situation in der Isolation für viele Abhängige verschärft hat. Wir wissen, dass der Bierkonsum gestiegen ist. Es ist auch davon auszugehen, dass sich der Konsum von illegalen Substanzen verstärkt hat.


MOMENT: Soziale Arbeit ist oft auch Unterstützung für Familien und Kinder. Welche besonderen Herausforderungen gibt und gab es für sie?

Tauchner: Eine Studentin meiner Fachhochschule hat ihr Praktikum während des ersten Lockdowns in einem Krisenzentrum absolviert. Sie hat mir von vermehrten Anrufen überforderter Familien erzählt. Viele Familien waren im Lockdown überfordert mit der Situation, Home-Schooling, Kinderbetreuung und Beruf unter einen Hut zu bringen.

"Hier ist ein Bruch passiert."


MOMENT: Wie wirkt sich die Krise auf Jugendliche und junge Erwachsene aus, die noch in Ausbildung sind oder am Anfang ihres Erwerbslebens stehen?

Tauchner: Wir haben vor Corona eine Studie zu Jugendlichen im Burgenland gemacht, die nicht in Ausbildung, Arbeit oder Schulung sind. Mit der gesetzlichen Ausbildungspflicht bis 18 wird viel abgefangen. Es gab eine gute Entwicklung. Mittlerweile haben uns die Stimmen aus der Praxis jedoch darauf hingewiesen, dass durch Corona viele Schul- und Ausbildungsabbrüche passiert sind. Viele haben den Anschluss an die neuen, digitalen Systeme verloren und sind nicht gut erreichbar. Vor allem die ökonomisch schwächer Gestellten hatten oft keinen Zugang zu den Plattformen, zu dem technischen Equipment etc. Hier ist ein Bruch passiert.


MOMENT: Ändert sich der Wert der Sozialen Arbeit in der Gesellschaft jetzt?

Tauchner: Da vermehrt Probleme auftreten, sieht man auch verstärkt die Notwendigkeit von professioneller Sozialer Arbeit. Die Frage ist aber, ob die öffentliche Hand dazu bereit ist, einen Ausbau auch zu finanzieren. Ein Staat, der jetzt in die Tasche greifen muss, um das Wirtschaftssystem am Laufen zu halten, Unternehmen zu retten – da ist die Frage, wo die Soziale Arbeit und der Sozialstaat bleibt. Auch das, was bisher erreicht wurde, muss gesichert werden. Darauf muss man schauen. Häufig werden soziale Dienste wie offene Jugendarbeit oder Schulsozialarbeit über die Zahl der Kontakte mit SchülerInnen oder Jugendlichen finanziert. Diese offiziellen Zahlen sind während des Lockdowns eingebrochen. Hier braucht es Weitsicht von der öffentlichen Hand – den Ländern, den Kommunen, dem Bund – nicht Strukturen auszudünnen. Vielmehr geht es darum, mehr in die Hand zu nehmen und Leute flächendeckend mit Sozialer Arbeit und sozialen Diensten zu erreichen. Die hohe Arbeitslosigkeit ist ein soziales Pulverfass.


MOMENT: Was bedeutet es, wenn es keine ausreichende Finanzierung der Sozialen Arbeit gibt?

Tauchner: Eine Gesellschaft ohne die Dienstleistungen der Sozialen Arbeit würde eine Zeit lang gut gehen – aber ein Kaputtsparen des Sozialbereichs würde zu massiven Verwerfungen und Spaltungen der Gesellschaft führen. Sozialer Friede ist für den Wirtschaftsstandort Österreich ein großes Asset. Wenn es einen Bruch gibt, weil abgehängte Menschen nicht mehr unterstützt werden, würde dies auch der Wirtschaft langfristig auf den Kopf fallen. Mein Appell ist es daher, hier mit Augenmaß und Weitsicht zu denken. Die Corona-Krise hat schon vor der Krise bestehende Probleme, wie die Unterfinanzierung des Sozialbereichs, nochmal verschärft und diese stärker sichtbar gemacht. Da ist ganz deutlich geworden, hier gibt es Baustellen. Die Soziale Arbeit muss gestärkt werden.

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