Demo-Schilder von der Initiative Sozial aber nicht blöd gestapelt auf einem Holzboden.

„Applaus ist nicht genug!“ - AktivistInnen der Initiative „Sozial, aber nicht blöd“ planen Demos und Streiks für mehr Personal, Gehalt und weniger Arbeitszeit. Foto: Sozial, aber nicht blöd

/
/ 19. Oktober 2020

Was haben Pflegekräfte, FlüchtlingsbetreuerInnen und SozialarbeiterInnen gemeinsam? In ihren Berufen gibt es zu wenig Personal, zu wenig Geld und zu lange Arbeitswochen. Die selbstorganisierte Initiative „Sozial, aber nicht blöd“ will das ändern. Sie kämpft für bessere Arbeitsbedingungen in sozialen Berufen.

Es ist ein sonniger Samstag im Oktober. Auf der Mariahilferstraße steht eine 24-Stunden-Betreuerin. Elena Popa kämpft seit Jahren für bessere Arbeitsbedingungen in ihrem Beruf, in dem sie oft allein mit ihren KlientInnen ist. Heute ist sie nicht allein. Sie hält eine Kampfrede vor Gleichgesinnten: „Vielen Dank für den Applaus. Aber wir können den Applaus nicht essen, wir können mit Applaus nicht unsere Kinder in die Schule schicken, sie nicht ernähren, sie nicht kleiden. Doch das meiste, was wir bekommen ist Applaus.“ Darauf klatschen die 100 anderen Menschen - und lachen auch ein bisschen über die Situation.

Es ist ein bunter Haufen, der sich Anfang Oktober zum gemeinsamen Protest versammelt hat und als Demonstrationszug durch die Wiener Innenstadt zieht. Organisiert wurde er von unterschiedlichen Bündnissen, Basis-Gewerkschaften und engagierten BetriebsrätInnen - und der Initiative “Sozial, aber nicht blöd”. Mit dabei sind Menschen aus der Sozialen Arbeit, Flüchtlingsbetreuung, Pflege und eben auch 24-Stunden-Betreuung. So unterschiedlich ihre Berufe auch sind, was sie eint, ist der Wunsch nach besseren Arbeitsbedingungen für die ganze Sozialwirtschaft. Sie alle fordern mehr Personal, weniger Arbeitszeit und mehr Gehalt.

„Sozial, aber nicht blöd“

Knapp zwei Wochen später geht ihr Kampf im Stillen weiter. Einige InitiatorInnen der Demo treffen einander in einem Hinterzimmer am Wiener Yppenplatz. Rund um einen kleinen Tisch sitzen vier Menschen. Sie alle tragen eine Maske. Sie sind momentan besonders vorsichtig. Denn sie alle arbeiten in Berufen, die von der Pandemie besonders betroffen sind. Sie sind Teil der sogenannten SystemerhalterInnen. Da ist  eine Betriebsrätin aus einem großen Krankenhaus, ein Mann, der aus Solidarität dabei ist und Selma Schacht und Michael Gehmacher von „Sozial aber nicht blöd“.

Das ist eine kämpferische Basisinitiative. Seit fast zehn Jahren gibt es die Gruppe. Michael Gehmacher ist von Anfang an dabei. Seit den 90er arbeitet er mit Pausen im Sozialbereich. Heute ist er Betriebsrat im Bereich Wohnen und Soziale Dienste beim Samariterbund. Ruhig und im breiten Wiener Dialekt erklärt er: Die Initiative habe sich 2011 gegründet, um „Druck für Verbesserungen zu machen“. Und das auch auf die eigenen Gewerkschaften. Er meint: „Wir wollten nicht den Lohn- und Gehaltsabschlüssen zustimmen, die die Armutsentwicklung fortschreiben.“ Schon im Vorfeld von Lohnverhandlungen versuchen sie deshalb für ihre Forderungen in den Betrieben zu mobilisieren. Sie sollen dann in die Forderungen der Gewerkschaften übernommen werden. Das sei bei der Gründung so gewesen und das ist auch heute noch so.

Streiks, Demo und Lohnabschluss im Frühling

Die Kerngruppe besteht aus rund 30 Leuten, die meisten davon aus Wien. Aber auch in den anderen Bundesländern gibt es befreundete Initiativen, die für ähnliche Ziele kämpfen. Mit dem Lohnabschluss im April für die Sozialwirtschaft sind sie nicht zufrieden.

Seit November 2019 haben die Sozialpartner um die neuen Kollektivverträge in Österreichs privatem Pflege-, Gesundheits- und Sozialbereich gestritten. Im Jänner kam es dann sogar zu Streiks und Demonstrationen. Sie wollten eine 35-Stunden-Woche. Das war die eine, große und wichtige Forderung. Im März unterbrach die Corona-Krise die Verhandlungen. Anfang April gab es dann eine plötzliche Einigung für die 125.000 Beschäftigten. Darin stand ein dreijähriger Plan: Neben moderaten Lohnsteigerungen reduziert sich die wöchentliche Arbeitszeit ab 2022 von 38 auf 37 Stunden. Mehr Lohn und weniger Arbeitszeit.

Das ist für Michael Gehmacher und seinen MitstreiterInnen nicht genug. Die Basisinitiative kritisiert auf ihrer Webseite: „Ein dreijähriger Abschluss nimmt jede Fahrt aus der entstandenen Bewegung und nimmt uns jede Chance, aus den schönen Worten und dem täglichen Applaus etwas zu machen und tatsächlich unsere Lebensbedingungen zu verbessern.“

Die eine Stunde Arbeitszeitverkürzung „kaufe man sich quasi selbst. Es ist ein Tausch gegen eine Gehaltserhöhung“, sagt Michael Gehmacher. Er fordert eine „echte“ Arbeitszeitverkürzung - bei vollen Lohn- und Personalausgleich. Nur mit diesen Maßnahmen könne man „den Weg raus aus der Armutsfalle finden“. Das Lohn- und Gehaltsniveau im Gesundheits- und Sozialbereich liege bis zu 20 Prozent unter dem österreichischen Durchschnittseinkommen, sagt er.

Die Verdienste im Gesundheits- und Sozialberufe sind sehr unterschiedlich und daher nicht ganz einfach zu erheben. Zusammengenommen gibt es bei Vollzeitangestellten laut Gewerkschaft im Schnitt etwa 3 Prozent Unterschied zwischen den Beschäftigten im Sozialwesen und österreichischen Durchschnittseinkommen. Der große Unterschied erklärt sich, weil ein großer Teil der Beschäftigten Teilzeit arbeitet.  Das aber eben wegen der körperlich und mental belastenden Arbeit auch notgedrungen - und weil die vielen Frauen in diesen Berufen viel unbezahlte Arbeit in der Gesellschaft leisten müssen.

Mehr Personal

Deshalb geht es auch "Sozial aber nicht blöd" nicht nur um die Entlohnung: In keiner Branche ist die Burn-Out-Gefährdung so hoch wie im Gesundheits- und Sozialbereich. „Viele Kolleginnen und Kollegen – hier vor allem bei den Pflegediensten – werden aufgrund der physisch und psychisch anstrengenden Arbeit berufs- oder gar arbeitsunfähig“. Es brauche eine Arbeitszeitverkürzung auf 35-Stunden und dazu 20 Prozent mehr Personal.

Das unterstützen auch Studien. Sie zeigen, dass Pflegende sowohl körperlich als auch psychisch schwer belastet sind. Die Arbeit ist hochanstrengend und auf zu wenige Schultern verteilt  In den kommenden 10 Jahren rund 76.000 Pflegekräfte in Österreich fehlen, 42.000 allein wegen Pensionierungen. Nachbesetzen wird nicht leicht: Pflegehelferinnen und Pflegehelfer verdienen nicht viel und leisten extreme körperliche Arbeit. Die Lösung vieler Angestellten in Teilzeit zu gehen, macht die Entlohnung nicht attraktiver. Zu wenig Menschen wollen den Beruf unter diesen Bedingungen machen.

„Sozial aber nicht blöd“ ist stolz auf die Solidarität zwischen den verschiedenen Berufsgruppen. Michael Gehmacher fordert: Damit sich „endlich was tut“, müsse auf kämpferische Maßnahmen zurückgegriffen werden.

Was das bedeuten soll, hat man Anfang Oktober gehört, als die kleine Demonstration durch die Stadt zog. Durch die Masken der SystermerhalterInnen war der Sprechchor klar zu hören: „Heute Demo - morgen Streik!“

Dir gefällt unsere Arbeit?

Das freut uns! Wir sind unabhängig von Parteien und Konzernen. Unterstütze unsere Arbeit mit deiner SPENDE. Jeder Beitrag, ist er noch so klein, ist wichtig!

Fünf wichtige Themen in nur drei knackigen Minuten. Hol dir deinen täglichen Morgenmoment per E‑Mail!

Ich bin einverstanden, einen regelmäßigen Newsletter zu erhalten. Mehr Informationen: Datenschutz.