Die Geschichte vom wahren "Herr der Fliegen" und warum du sie kennen solltest
Nur hat das mit der Realität nicht immer etwas zu tun. Auch wenn es ein oft und lange erzähltes Vorurteil über das Wesen des Menschen ist, ist es nicht unbedingt wahr. Was Autor William Golding im 1954 erschienenen Buch erzählt, entsprang seinem Kopf. Was man über den späteren Literatur-Nobelpreisträger oft nicht weiß: Er hatte offenbar ein gutes Gespür für eine spannende Geschichte - aber auch seine Probleme und ein sehr negatives Bild vom Menschen. Golding war laut einer Biographie ein „Alkoholiker. Ein Mann, der seine Kinder schlug. Und ein Lehrer, der kranke Experimente mit Kindern anstellte und versuchte, sie gegeneinander aufzuhetzen".
"Herr der Fliegen": Nur eine Geschichte
Mit diesen Worten fasst Autor Rutger Bregman das Wesen Goldings zusammen. Bregman hat in einem lesenswerten Text für den englischen Guardian recherchiert, was 1965 passiert ist, als eine Gruppe von Kindern wirklich für 15 Monate alleine auf einer Insel überleben musste.
Falls dir der Text zu lange ist oder dir Englisch nicht so liegt, hier eine kurze Zusammenfassung der wahren Geschichte: Sechs gelangweilte Buben zwischen 13 und 16 Jahren aus Tonga hatten eines Tages keine Lust auf Schule. Sie stahlen unbemerkt ein kleines Segelboot von einem Fischer, schliefen darauf auf hoher See ein und verunglückten in einem Sturm. Da die Suche nach Ihnen erfolglos war, wurden sie schließlich für tot erklärt. Sie strandeten in Wirklichkeit aber acht Tage später auf einer Insel namens "Ata". Das war ein ziemlich karger Felsen.
Erst 15 Monate später fand ein anderer Fischer die Kinder zufällig, als er an "Ata" vorbeifuhr und einen splitternackten Jungen ins Wasser springen sah.
Was war dazwischen geschehen? Die Kinder hatten keinesfalls angefangen, sich gegenseitig zu massakrieren. Das würden viele solchen unglücklichen Schulschwänzern und Ausreißern wohl nicht zutrauen, aber stattdessen arbeiteten sie zusammen und entwickelten einen Arbeitsplan. Sie bauten sich einen kleinen Garten an, hielten sich Hühner, speicherten Wasser in ausgehöhlten Baumstämmen, schufen sich ein kleines Fitnessstudio und einen Badmintonplatz und hielten ein entfachtes Feuer über ein Jahr lang durch abwechselnde Verantwortung am Brennen. Um Streitigkeiten nicht zu arg werden zu lassen, entwickelten sie ein System zur Konfliktlösung: Man ging einfach einige Zeit auf die andere Seite der Insel. Die Situation war schwierig, fast aussichtslos und bestimmt stressig. Manchmal regnete es dann auch noch über Monate wenig und der Durst wurde groß. Aber die sechs Kinder blieben die ganze Zeit über Freunde.
"Erzählen wir doch auch diese Geschichte"
Der Historiker Bregman weiß: "Das ist nur eine einzelne Geschichte und kein wissenschaftliches Experiment. Aber wenn Millionen SchülerInnen immer noch das erfundene 'Herr der Fliegen' lesen müssen, dann erzählen wir Ihnen doch auch diese wahre Geschichte."
Tatsächlich dürfte bisher fast niemand die Geschichte von den sechs Jugendlichen aus Tonga kennen. Goldings "Herr der Fliegen" ist hingegen ziemlich beliebt. In der englischsprachigen Welt gehört es oft sogar zur Pflichtlektüre für SchülerInnen und viele einflussreiche Menschen sollen von seinem negativen Menschenbild inspiriert gewesen sein.
Welche Geschichten wir hören und glauben, das beeinflusst, ob wir die Natur des Menschen für grundsätzlich freundlich, unfreundlich oder auch irgendetwas dazwischen halten. Das wiederum ist nicht egal, denn diese Haltung prägt unser Denken, unser Handeln und unsere Politik und damit unser Zusammenleben.
Bregman hat die Geschichte dieser wahren Begebenheit ursprünglich für sein Buch "Im Grunde gut" recherchiert. Dort versucht er - als Historiker - genau deshalb, die wahre Geschichte der Menschheit auf eine Weise zu erzählen, die weniger negativ ist, als wir das gewohnt sind.
Anmerkung: Dieser Artikel ist ursprünglich im Februar 2020 erschienen und wurde am 24. Feburar 2026 aktualisiert.
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