Sexuelle Bildung für Menschen mit Behinderungen: "Die Leute glauben, dass etwas mit ihnen nicht stimmt"

Egal ob es um Bildung, soziale Teilhabe, oder ein selbstbestimmtes Leben geht - Menschen mit Behinderungen sind in vielen Bereichen des Lebens benachteiligt. Bildungs- und Beratungsmöglichkeiten sind auch beim Thema Sexualität und Aufklärung begrenzt. Michaela Moser-Steigerwald ist Sexualpädagogin und Mitarbeiterin der Stelle .hautnah. Dort können Menschen mit Behinderungen Fragen zum Thema Sexualität stellen. Sie erzählt, warum nach wie vor nicht gern über Behinderungen und Sexualität gesprochen wird und welche Probleme das Tabu mit sich bringt.
MOMENT.at: Sie beraten Menschen mit Behinderungen, wenn sie Fragen zum Thema Sexualität haben. Was beschäftigt Ihre Klient:innen?
Michaela Moser-Steigerwald: Was die meisten beschäftigt, sind Fragen wie: Wo kann man jemanden kennenlernen? Welche Beziehungsformen gibt es? Wie geht Sexualität leben? Was ist Sex eigentlich? Auch Verhütung, Selbstbefriedigung und andere klassische Aufklärungsfragen, bei denen es um den Körper geht, sind Thema. Und natürlich auch sexualisierte Übergriffe und sexualisierte Gewalt.
Unser Klientel ruft aber meistens nicht selbst bei uns an. Oft machen das Personen aus dem Umfeld, die meistens ganz andere Interessen haben als die tatsächlich Betroffenen.
Es ist zum Beispiel einmal vorgekommen, dass die Person, die bei uns angerufen hat, ein Beratungsgespräch über Verhütung wollte. Als die betroffene Person dann in die Beratung gekommen ist - natürlich passiert das auf freiwilliger Basis - ist es schlussendlich darum gegangen, dass sie ihren Freund loswerden wollte. Wenn so etwas vorkommt, richtet sich die Beratung auf einen anderen Fokus als ursprünglich erwartet. Viele Themen kommen erst währenddessen ans Licht, auch was Übergriffe betrifft.
MOMENT.at: Der Österreichische Behindertenrat fordert mehr Beratungsmöglichkeiten in allen Lebensbereichen. Gibt es genug bei Fragen über die Sexualität?
Moser-Steigerwald: Nein. Es gibt zu wenig Angebote. Es gibt uns in der Steiermark und in Oberösterreich gibt es die Einrichtung Senia. In Wien gibt es Beratungsstellen. Familienberatungsstellen sind in ganz Österreich verankert, dort sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aber oft nicht auf den Behindertenbereich geschult.
MOMENT.at: Wie inklusiv ist das Thema Sexualität und sexuelle Bildung insgesamt?
Moser-Steigerwald: Gar nicht. Es gibt wenige Angebote für Menschen mit Behinderung. Das fängt schon in jungen Jahren im Schulbereich an. Es fehlt die alters- und entwicklungsgerechte Bildung. Schüler:innen, die lernbeeinträchtigt sind, werden in der Regelschule zum Teil von den Angeboten ausgeklammert. Man glaubt, dass die Themen nicht verstanden werden oder das Setting zu stark gestört wird. Es ist aber ein wichtiges Thema. Bei der Sexualität geht es nicht nur um Geschlechtsverkehr, sondern auch ganz stark um Identitäts- und Persönlichkeitsentwicklung.
MOMENT.at: Kann man auch Fortschritte sehen?
Moser-Steigerwald: Es hat sich schon ein bisschen was getan. Wir müssen nicht mehr „missionieren", dass Menschen ein Recht auf Sexualität haben. Das ist in der Gesellschaft angekommen. Aber es geht um die Umsetzung, egal ob im Schul- oder im Erwachsenenbereich. Das Thema insgesamt ist stark tabuisiert. Behinderung an sich und Sexualität auch. Sexualität ist mit vielen Idealvorstellungen, mit einer großen Erwartungshaltung und mit Vorurteilen verbunden. Letztendlich geht es in unserer Gesellschaft oft ums Performen. Und Behinderung hat in unserer Gesellschaft sowieso wenig Platz, weil wir eine Leistungsgesellschaft sind.
MOMENT.at: Welche Probleme bringt das Tabu für Menschen mit Behinderungen mit sich?
Moser-Steigerwald: Es fehlen die sexuellen Grundinformationen. Wenn ich in einer Beziehung leben will, muss ich wissen: Welche Arten von Beziehung gibt es eigentlich? Was kann für mich passend sein? Dazu brauche ich natürlich auch die Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln. Wenn es dazu keine Möglichkeit gibt und es keine Sprache dazu gibt, fehlt etwas. Der Schlüssel zur sexuellen Selbstbestimmung ist außerdem ein guter Bezug zum eigenen Körper. Dadurch kann ich mich besser schützen und abgrenzen. Ich erlebe in der Arbeit, dass viele Personen von sexuellen Übergriffen betroffen sind und ihre Unwissenheit vom Umfeld ausgenutzt wird.
MOMENT.at: Welche Personengruppen betrifft das besonders?
Moser-Steigerwald: Das geht durch die Bank. Es gibt eine Studie zum Thema Gewalt an Menschen mit Behinderung in Österreich. 35 Prozent der Frauen hätten sexuelle Übergriffe oder Gewalt erlebt. Im Vergleich: bei Menschen ohne Behinderung sind es 30 Prozent, was auch hoch ist. Bei Männern ist der Unterschied noch signifikanter: 9 Prozent der Männer ohne Behinderung und 18 Prozent der Männer mit Behinderung sind davon betroffen.**
Oft wissen die Personen nicht, dass sie von Übergriffen betroffen sind. Für manche ist es normal, weil sie das schon in der Kindheit erlebt haben. Es fehlt der Austausch und es fehlen die Informationen. In der Beratung brechen solche Themen oft auf. Der Beratungsprozess dauert dann oft länger, weil man natürlich sensibel damit umgehen muss. Und die Person soll dafür auch sensibilisiert werden. Gewalt ist ein umfangreiches Thema, bei dem es oft andere Stellen braucht.
MOMENT.at: Was wünschen Sie sich für Ihre Klient:innen?
Moser-Steigerwald: Wenn ich jetzt von der Studie ausgehe: 50 Prozent der befragten Personen geben an, dass sie keine sexuelle Aufklärung gehabt haben in jungen Jahren. Das sehe ich in der Praxis. Eine über 40-jährige Person hat mir erzählt, dass sie ganz lange nicht gewusst hat, dass die Regelblutung etwas Positives ist. Sie hat gedacht, sie sei krank. Es hat Jahre gedauert, bis mit ihr jemand darüber gesprochen hat. Dann kam die große Erleichterung.
Oder wenn ein Mann glaubt, er habe Krebs, weil Sperma aus seinem Penis rauskommt - Das sind fatale Sachen. Leute machen sich ganz viele Gedanken und glauben, dass etwas mit ihnen nicht stimmt. Dabei ist alles in Ordnung.
Deshalb wünsche ich mir, dass in unserer Gesellschaft unaufgeregt über das Thema gesprochen wird. Dass sexuelle Bildung barrierefrei zugänglich und alters- und entwicklungsgerecht vermittelt wird. Dass sexuelle Rechte ernst genommen werden, dass das Umfeld geschulter wird. Dann kann die Situation verbessert werden.
**In der Studie werden psychische, physische und sexuelle Gewalt getrennt betrachtet. Im Vergleich mit Ergebnissen aus Studien zu Gewalt an Menschen ohne Behinderungen zeigt sich, dass Menschen mit Behinderungen stärker von psychischer, physischer, sowie auch sexueller Gewalt betroffen sind. Bei Männern mit Behinderungen ist die Betroffenheit von sexueller Gewalt signifikant höher als bei Männern ohne Behinderungen.
- Infos in leichter Sprache: Gewalt an Menschen mit Behinderung Broschüre









