Daniela Brodesser und ihre neue Kolumne: Armutprobe. Das Cover zeigt Brodessers skizziertes Porträt.
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Daniela Brodesser

/ 23. September 2020

Kommentare von Menschen, die selbst von Armut betroffen waren, treffen mich noch mehr als andere. “Ich war ja selbst ganz unten. Aber aus eigener Kraft und durch harte Arbeit habe ich es alleine wieder rausgeschafft”, schreiben mir diese Menschen. Ich frage mich dann immer, an welchen Punkt auf dem Weg nach oben sie ihre Empathie verloren haben.

Wenn sogar andere Menschen es mit angeblich purer Willenskraft aus der Armut geschafft haben, war das für mich der endgültige Beweis dafür, dass ich eine Versagerin bin. Ich war lange gefangen in dem Glauben, ich müsste es nur mehr wollen, härter arbeiten. Erst als ich mich Armut auf gesellschaftlicher Ebene auseinandergesetzt habe, wurde mir klar, dass die Hoffnung und der Wille zwar wichtig sind, die größten Hürden aber politisch gelöst werden müssen. Erst dann konnte ich damit aufhören, mich selbst abzuwerten.

Es ist ein schwerer Fehler zu vergessen, wie viel Glück heute dazugehört, den Weg aus der Armut zu schaffen. Ohne diesen entscheidenden Funken Glück hilft auch das Zähne zusammenbeißen nicht.

Ohne Glück erfährst du nicht von dem Job, der nie ausgeschrieben wurde, sondern deine Bewerbung wandert nach ganz unten im Stapel. Oder du bekommst sogar die Arbeit, aber niemand kann deine Kinder betreuen, während du im Büro sitzt. Oder deine Gesundheit spielt nicht mit, und du kannst einen Vollzeitjob vergessen. Da hilft es nicht, es nur wirklich zu wollen.

Ich freue mich über jede einzelne Person, die es aus der Armut schafft. Ich weiß, dass das unheimlich schwierig ist. Aber für manche ist es unter diesen Umständen sogar unmöglich. Das dürfen wir nicht vergessen.

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