Ken Loach vor dem Filmset

Foto: Joss Barratt

/ Lisa Wölfl
/ 31. Januar

Der britische Regisseur Ken Loach, bekannt für seine gesellschaftskritischen Filme wie “Ich, Daniel Blake”, hat einen neuen Film gedreht, der über die Grenzen von Großbritannien hinaus schmerzlich relevant ist. “Sorry We Missed You”, der am 28.2. Premiere in Österreich feiert, handelt von der Gig Economy, neue Selbstständige, Arbeit auf Abruf und die tiefen Risse, die prekäre Arbeit in Familien reißt.

Zum Film: Ricky und Abby Turner haben in der Weltwirtschaftskrise ihr Haus verloren. Familienvater Ricky wird Paketauslieferer, muss sich dafür erst einen Transporter anschaffen und dann pausenlos arbeiten. Abby hat einen Null-Stunden-Vertrag als Heimpflegerin und fährt dem Bus von Haus zu Haus. Sie wird nur für jene Stunden bezahlt, die sie Pflegearbeit verrichtet, die Fahrtzeiten gelten als “Pause”. Während die Eltern sich kaputt arbeiten, kommen ihre zwei Kinder selbst in die Krise, bis die Familie langsam zerbricht.

Mit MOMENT spricht Loach über Gewerkschaften, die Bedürfnisse von ArbeiterInnen und wie Filme die Welt verändern können - oder eben nicht.


MOMENT: Während des Films habe ich auf einen Funken Hoffnung gewartet, doch alles wurde immer schlimmer für die Familie Turner. Wieso keinen positiven Ausblick geben?

Ken Loach: Ricky hat als formal Selbstständige keine Sicherheit, Abby weiß nicht, wie viel Arbeit sie bekommt. Selbstständigen wurde versprochen, dass sie frei und flexibel sein können. In Wahrheit vermissen sie alle Vorteile, die ein fixer Job mit sich bringt. Sie verdienen wenig, haben keinen Anspruch auf Urlaub, bezahlten Krankenstand oder andere Vorteile, welche die Gewerkschaft über Jahre erkämpft hat. Viele von ihnen haben Schulden, weil sie erst investieren mussten, um den Job überhaupt zu bekommen. Einen einfachen Ausweg zu zeigen, das wäre einfach falsch gewesen, weil es nicht der Lebensrealität der Menschen entspricht.


In Österreich ist zumindest die Arbeit auf Abruf (= Null-Stunden-Vertrag) verboten. Wieso ist die Situation gerade Großbritannien verschärft?

Vielleicht sind wir einfach nur weiter in der Entwicklung. Margaret Thatcher war die erste Premierministerin in Europa, die Neoliberalismus gefördert hat. Aber alle anderen Länder sind nachgezogen. Das ist das Problem. Wenn wir das System nicht ändern, sehe ich keine Möglichkeit, diese Entwicklung aufzuhalten. Und die Realität ist hart.

Konzerne wetteifern um den niedrigsten Preis. Das Unternehmen, das den billigsten Preis bietet, bekommt die Aufträge. Ein Weg, um den Preis niedrig zu halten, ist, den Preis für Arbeit zu drücken. So entstehen Arbeitsverhältnisse, bei denen sich die UnternehmerInnen zu nichts verpflichten müssen. Das Risiko tragen alleine die ArbeiterInnen. Sobald ein Unternehmen das macht, müssen alle nachziehen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Das ist die Konsequenz der freien Marktwirtschaft. Und damit meine ich nicht, dass der Markt versagt, sondern dass es die logische Konsequenz ist. Das ständige Drücken von Löhnen und das Aushebeln von Rechten der ArbeiterInnen - das alles ist eine unausweichliche Entwicklung des Kapitalismus.


Die Anzahl der Menschen in unsicheren Jobs steigt, besonders in Großbritannien explodiert die Zahl. Dennoch habe ich den Eindruck, dass es wenig Vernetzung gibt, die Menschen scheinen sich nicht zu wehren und nehmen weiter solche Jobs an.

Es bewegt sich schon etwas. Die Gewerkschaft IWGB (International Workers of Great Britain) organisiert FahrerInnen. Sie ist aber noch nicht so groß, deswegen wäre es unrealistisch gewesen, sie im Film zu inkludieren.


Der Film zeigt, dass diese Art von Arbeit nicht kompatibel mit einem guten Familienleben ist. Abby ruft die Kinder in den Pausen an, Ricky hat nicht einmal Zeit, eine Toilette zu benutzen.

Abby erzieht ihre Kinder im Grunde per Telefon. Ich glaube, das betrifft viele Mütter. Frauen machen ja immer noch den größten Teil der Betreuungsarbeit.

Alle reden von einem flexiblen Arbeitsmarkt, der angeblich gut ist. Und ja, er ist auch gut - für die Unternehmen. Für die ArbeiterInnen ist er schlecht. Wir haben hier zumindest zwei Klassen, die andere Interessen haben. ArbeiterInnen wollen ein stabiles, angemessenes Einkommen, ein starkes Sozialwesen, ein Zuhause, Essen auf dem Tisch, Bildung. Die Unternehmen wollen so wenig wie möglich bezahlen. Ich glaube, wir beachten diesen essentiellen Konflikt nicht genügend.


Was müsste sich ändern, damit Menschen wie die in “Sorry We Missed You” ein Happy End haben können?

Wir brauchen politische Veränderung. Ich denke, alle ArbeiterInnen sollten dieselben Rechte haben: Dass sie nicht gekündigt werden können ohne guten Grund, alle sollten bezahlten Urlaub und Krankenstand haben. Alle haben Anspruch auf Arbeit und einen guten Lohn. Der Mindestlohn muss höher werden. Alle sollten das Recht darauf haben, von einer Gewerkschaft vertreten zu werden.

Öffentliche Dienstleister sollten nicht an private Unternehmen auslagern, weil das die Gig Economy stärkt. Früher war die Post ein staatliches Unternehmen und alle, die Pakete ausgetragen haben, waren angestellt. Wenn wir das wieder so regeln, hätten wir das Problem der PaketauslieferInnen schonmal gelöst. Alle FahrerInnen hätten geregelte Stunden und einen ordentlichen Vertrag.


Auch in Österreich beschäftigt die Post Subunternehmen, die wiederum Aufträge an einzelne “Selbstständige” vergeben, welche die Jacke der Post inklusive Logo mieten müssen.

Das Subunternehmertum muss aufhören.


Sie haben schon einmal etwas verändert mit einem Film. In “Cathy Come Home” ging es um die Obdachlosigkeit. Wie war das damals?

Ja, ich den 60ern habe ich einen Fernsehfilm über Obdachlosigkeit gedreht. Dort wurde die Familie getrennt, weil die Unterkünfte damals nicht verpflichtet waren, auch die Männer aufzunehmen. Das Gesetz wurde nach dem Film geändert. Wobei die Obdachlosigkeit mittlerweile viel schlimmer ist als damals.


Kann ein Film auch heute noch die Welt verändern?

(lacht) Nein. Wir brauchen eine politische Bewegung, Filme sind nur Teil der öffentlichen Diskussion.

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