Tim Engartner trägt einen Anzug und lächelt in die Kamera
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/ 24. Januar 2020

SchülerInnen sind für viele Unternehmen eine attraktive Zielgruppe. Um an sie heranzukommen, produzieren sie Unterrichtsmaterial wie Arbeitsblätter, Erklärvideos oder Online-Kurse. Tim Engartner forschte zu Lobbyismus an deutschen Schulen und fand heraus, dass 20 der 30 größten DAX-Unternehmen Unterrichtsmaterial zur Verfügung stellen. Im Gespräch mit MOMENT erklärt er, welche Interessen dahinter stehen und wie der Staat den Lobbyismus eindämmen kann.

Auch österreichische Unternehmen produzieren fleißig Material für Schulen. Hier liest du unsere Geschichte zum Lobbying von Raiffeisen, Humanic und CO.

 

MOMENT: Viele Unternehmen stellen Lernmaterial für den Unterricht zur Verfügung, die LehrerInnen gut gebrauchen können. Sie kritisieren das. Wieso?

Tim Engartner: Die Schule ist ein Raum, der Kinder und Jugendliche vor interessensgeleiteten Einflüssen zu schützen hat. Der Staat ist aufgrund der Schulpflicht verpflichtet, in besonderer Weise darauf zu achten, wer welche Inhalte mit welchen Interessen ins Klassenzimmer transportiert. Insbesondere tendenziöse oder manipulative Unterrichtsmaterialien sind dabei in den Blick zu nehmen. Werbung wirkt bei Kindern und Jugendlichen stärker als bei Erwachsenen. Daher macht es einen Unterschied, ob der Seminarraum an der Uni nach einer Bank benannt ist oder Arbeitsblätter mit Firmenlogos im Klassenzimmer verwendet werden.
 

Welches Interesse haben Unternehmen denn an den Schulen?

Dafür gibt es vier Gründe: Erstens wollen sie die Weltbilder von Kindern und Jugendlichen prägen, etwa ihre Grundhaltung in wirtschaftspolitischen Fragen. Zweitens wollen sie ihr Image aufbessern. Drittens platzieren sie mitunter Werbung für bestimmte Produkte und Dienstleistungen. Und viertens haben sie potenzielle MitarbeiterInnen im Blick, die sie in Zeiten des Fachkräftemangels anwerben wollen. Alle vier Dimensionen des schulischen Lobbyismus sind weit verbreitet. In meiner Studie habe ich herausgefunden, dass 20 der 30 DAX-Unternehmen Unterrichtsmaterial in der einen oder anderen Form anbieten.
 

Wer ist hier in die Pflicht zu nehmen? Die LehrerInnen könnten ja einfach aufhören, Arbeitsblätter zu verwenden.

Ich denke, dass der Staat dafür zu sorgen hat, dass Unternehmen diesen Einfluss auf die Schulen nicht haben. Das können wir nicht den LehrerInnen überlassen, die vielfach fachfremd unterrichten und teilweise mit veralteten Schulbüchern sowie begrenzten Kopierkontingenten zu kämpfen haben. Gemeinnützige Vereine haben zum Beispiel gar nicht die Kapazitäten, um Lobbyarbeit in demselben Umfang zu betreiben wie Unternehmen oder ihre Stiftungen. Diese geben Millionen dafür aus, Unterrichtsmaterialien zu entwickeln, Lehrkräfte fortzubilden, Schulen auszustatten und über Sponsoring Schulfeste zu finanzieren. Dagegen kommen die kleinen Akteure nicht an. So entsteht eine Übermacht eines bestimmten Weltbilds.
 

Wirtschaftsbildung scheint besonders anfällig zu sein, hier mischen viele Unternehmen mit und bieten Arbeitsblätter, Exkursionen und Lernvideos an. Welches Weltbild wird hier vermittelt?

In der Regel geht es darum, ein Weltbild zu transportieren, das an Unternehmertum orientiert ist. Obwohl neun von zehn SchülerInnen als ArbeitnehmerInnen berufstätig sein werden, geht es in diesem Lernmaterial um Unternehmensgründungen und "Unternehmergeist". Auch wenn der überwältigende Anteil der ÖsterreicherInnen und Deutschen keine Aktien besitzt, sollen Kinder lernen, was Devisen sind. Gegen eine wertneutrale Darstellung von Unternehmen und den internen Abläufen ist überhaupt nichts anzuwenden. Wie sich der Wirtschaftsunterricht entwickelt, erinnert aber mehr an eine miniaturisierte BWL. Während Wirtschaftssoziologie, -psychologie und -geschichte in der Forschung eine große Rolle spielen, finden sie keinen ausreichend Widerhall im Unterricht.
 

Dahinter steht der Glaube, dass wir unseren Kindern wichtige Sachen nicht beibringen, dass Wirtschaft zu kurz kommt und sie nicht lernen, mit Geld umzugehen.

Ich habe Wirtschaftswissenschaften studiert, hatte einmal eine Professur für ökonomische Bildung inne und bin fest davon überzeugt, dass SchülerInnen ein systematisches Verständnis von Wirtschaft entwickeln müssen. Damit meine ich aber weder Aktienkunde noch einen Steuererberaterkurs für EinsteigerInnen. Die Behauptung, dass wir bei der Finanzbildung zu große Defizite haben, ist nicht haltbar. Umfragen wie die der Ratingagentur Standard & Poor‘s sehen Deutschland und Österreich eher im Spitzenfeld.
 

Was soll der Staat machen, um Lobbyismus an Schulen einzudämmen?

Die beste Lösung bestünde in einem vollständigen Werbeverbot, das sich dann auch auf Unterrichtsmaterialien von privaten Anbietern erstreckt. Die zweitbeste Lösung besteht meines Erachtens in einer Zertifizierungstelle, die diese Unterrichtsmaterialien prüft.
 

Das muss man sich leisten wollen.

Bildung ist unsere kostbarste Ressource. Wir müssen für Bildung viel mehr Geld in die Hand nehmen. Es ist höchste Zeit, dass Schul-, Kultus- und Bildungsministerien die Möglichkeit eröffnet wird, Schulen so auszustatten, dass wir jeden Grund haben, Alpen- und Bundesrepublik als "Bildungsrepubliken" zu bezeichnen.
 


 

Tim Engartner ist Professor für Didaktik der Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt politische Bildung an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Seine Studie aus dem Jahr 2019 “Wie DAX-Unternehmen Schule machen” kannst du hier aufrufen.

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