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Arbeitswelt

Alljährliches Jammern der Industrie vor der Herbstlohnrunde: der Trick gegen höhere Löhne

Es ist jedes Jahr das gleiche Spiel: Kaum nahen mit der sogenannten Herbstlohnrunde die Verhandlungen um die Kollektivverträge, setzt auf der Arbeitgeberseite das große Jammern ein. Der metalltechnischen Industrie gehe es gar nicht gut. Die Lohnforderungen der Arbeitnehmer:innen seien "unvernünftig und überzogen". Ein Blick auf die vergangenen Jahre und die glänzenden Zahlen der Branche zeigt: Das stimmt nicht – das Alarmgeschrei der Industrie hat dennoch allzuoft Erfolg.

Christian Knill, Chef des Fachverbandes der Metalltechnischen Industrie, probiert es in diesem Jahr damit: Die trüben Konjunktur-Prognosen von Wirtschaftsforscher:innen “sind ein Alarmsignal und eine Bestätigung für die geforderte Zurückhaltung bei den KV-Verhandlungen”. Und: “Die Aufträge sind eingebrochen und die gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen weisen in Richtung Rezession.”

Er beklagt einen Rückgang der Produktivität. “Es ist nichts mehr zu verteilen”, behauptet Knill. Wirklich? Wir schauen einmal nach: Droht eine Rezession? Laut Wifo-Prognose dürfte das reale BIP in diesem Jahr zwar um 0,8 Prozent schrumpfen. Aber: Für 2024 erwartet das Institut wieder ein Wachstum von 1,2 Prozent. Anders als Knill behauptet, stehen die Zeichen also nicht auf Rezession, sondern auf Erholung im kommenden Jahr. Was danach passiert, kann seriös niemand beantworten.

Die Arbeitgeber:innen versuchen einen Taschenspielertrick – weil es ihnen in den Kram passt

Es sollte in den Verhandlungen auch überhaupt keine Rolle spielen. Denn Knill vergisst offenbar: Die Forderungen der Arbeitnehmer:innen orientieren sich überhaupt nicht an irgendwelchen möglichen Szenarien in der Zukunft, sondern immer an der Vergangenheit. Nämlich an der hohen Inflation des abgelaufenen Jahres. An Preisen, die bereits gestiegen sind. Die von den Arbeitnehmer:innen geforderten 11,6 Prozent mehr Lohn sollen lediglich das ausgleichen, was sie an Kaufkraft schon jetzt eingebüßt haben – und im Geldbörsel und am Konto spüren.

Die Seite der Arbeitgeber:innen versucht hier einen Taschenspielertrick – weil es ihnen angesichts der Zahlen des Wifo in den Kram passt. Ebenfalls mit Vorsicht zu genießen sind die Aussagen zu den Aufträgen, die eingebrochen sind. Was stimmt: Im ersten Halbjahr 2023 gingen in der metalltechnischen Industrie rund 19 Prozent weniger Aufträge ein. Dabei unterschlägt Knill allerdings, dass 2022 ein herausragendes Jahr in seiner Branche war – wie auch schon 2021. Der Aufschwung nach der Unsicherheit der Corona-Pandemie ließ die Aufträge explodieren.

Zwischen 2019 und 2022 stieg das Volumen der Aufträge in der metalltechnischen Industrie um mehr als 44 Prozent. Und rechnet man die Zahlen des ersten Halbjahres 2023 auf das Gesamtjahr hoch, ergibt das im Vergleich zu 2019 noch immer ein Plus von knapp 31,5 Prozent. Auch da schlug Knill immer wieder die Alarmglocke. 2019 rief er die Vertreter:innen der Beschäftigten zu „Besonnenheit und Zurückhaltung“ auf. Die tatsächlich erzielten Wachstumszahlen seitdem haben sich in den Lohnabschlüssen der vergangenen Jahre kaum bemerkbar gemacht.

Abschlüsse der Herbstlohnrunde zeigen: Die Jammerei hat funktioniert

Im Jahr 2019 lautete das Ergebnis: 2,7 Prozent höhere Löhne und Gehälter. 2020 und ungewöhnlich in der Branche einigten sich angesichts der Corona-Krise beide Seiten bereits in der ersten Verhandlungsrunde salomonisch und exakt auf der Inflationsrate der 12 Monate davor. Lediglich 1,45 Prozent mehr bekamen die Beschäftigten in der metalltechnischen Industrie. Im Jahr 2021 stieg der KV-Lohn um 3 Prozent und im vergangenen Jahr – da zog die Teuerung schon massiv an – stand am Ende ein Plus von 7 Prozent bei den KV-Löhnen.

Die Jammerei von Arbeitgeber-Vertreter Knill hatte Erfolg. Im Jahr 2021 gab Knill zwar zu, dass die Auftragsbücher gut gefüllt seien. Aber leider, leider: „Wir kriegen die Ware nicht raus.“ Anders als heute bemühte er diesmal die Vergangenheit, um höhere Löhne zu verhindern. Er sehe „nach dem größten Einbruch der Produktion seit Jahrzehnten keinen Grund für unvernünftig hohe Forderungen und Erwartungen“.

Im vergangenen Jahr nannte er die Lohnforderungen der Gewerkschaften „unvernünftig und überzogen“. Denn man dürfe nicht vergessen, dass ein Drittel der Betriebe keine Gewinne mache. Ja, das mag sein. Aber in welcher Branche machen schon alle Betriebe Gewinne? Und: Laut Branchenreport Metallindustrie der Arbeiterkammer explodierten die Gewinne der Unternehmen in den vergangenen Jahren förmlich: Im Jahr 2021 machten die 135 untersuchten Unternehmen insgesamt 2,85 Milliarden Euro an operativen Gewinnen – 90 Prozent mehr als 2020 und über 45 Prozent mehr als im Vorkrisenjahr 2019.

Wer mehr im Börserl hat, kauft auch mehr. Und wer profitiert davon? Die Unternehmen.

Diese Zahlen lässt die Seite der Arbeitgeber:innen pünktlich zu den Lohnverhandlungen gerne unter den Tisch fallen. Mitte des Jahres beklagte Knill in einer Aussendung noch einen Arbeitskräftemangel in der Branche. Was könnte gegen Arbeitskräftemangel helfen? Neben vielen anderen Dingen – etwa Ausbildung und qualifizierte Zuwanderung – vor allem: höhere Löhne.

Und wie schreibt das Wifo in seiner Konjunkturprognose für das kommende Jahr: Die Wirtschaft werde wieder wachsen, vor allem wegen „kräftiger Realeinkommenszuwächse“. Denn das ist Basiswissen Wirtschaft: Wer mehr im Börserl hat, kauft auch mehr. Und wer profitiert davon? Die Unternehmen.

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