Jungenarbeit in Österreich: So läuft sie ab
/ 16. Februar 2023

Wer den Begriff Jungenarbeit hört, denkt unweigerlich an Kinderarbeit. Dabei bezeichnet er genau das Gegenteil: Es geht um die gemeinsame Arbeit mit Buben, die ihre Rolle in der Gesellschaft hinterfragen und finden sollen. Wir haben zwei Workshops an Schulen begleitet, um zu sehen, wie das funktionieren kann.

Ein Jugendlicher legt gedankenverloren den Kopf auf die Brust des Sitznachbarn. Zwei ihrer Hände sind ineinander verschränkt, während sie dem Leiter des Workshops zuhören. Es ist das Bild von zärtlicher, platonischer Freundschaft. Ein Bild, das wir vor allem mit Weiblichkeit verbinden.

Freundschaften unter Mädchen dürfen körperlich sein. Bei Buben begrenzt sich das auf ein kräftiges Einschlagen hier, eine Gnackwatschn da. Wird der Kontakt weniger aggressiv oder gar zärtlich, wird nur allzu schnell der “Vorwurf” ausgepackt, ein Mädchen oder schwul zu sein.

In einem Sesselkreis im Klassenraum der 2C eines Wiener Gymnasiums sind es zwei Buben, die sich aneinander kuscheln. Insgesamt 12 Schüler im Alter von 11 und 12 Jahren nehmen hier an einem Workshop teil. Sie werden sich darin vor allem mit der Frage beschäftigen, was für sie eigentlich Männlichkeit ausmacht. Und erhalten gleichzeitig Antworten auf Fragen, die ihnen sonst vielleicht unangenehm wären. 
 

Jungenarbeit in Österreich

Was in der 2C passiert, nennt sich Jungenarbeit - in Österreich auch Burschen- oder Bubenarbeit. “‘Burschen’ ist bei uns im Osten wegen der Burschenschaften negativ besetzt, daher der Ausdruck Bubenarbeit”, erklärt Philipp Leeb bei einer selbstgedrehten Zigarette eine Stunde zuvor. Wir warten vor der Schule auf seine Kollegin vom Verein “poika”. Der kümmert sich seit 2008 um die Förderung gendersensibler Bubenarbeit in Wien und Umgebung, Leeb ist ihr pädagogischer Leiter. Es geht dabei, kurz gesagt, darum, mit Buben gemeinsam an ihren Vorstellungen von Männlichkeit zu arbeiten und festgefahrene Rollenbilder zu hinterfragen.

Der Verein ist nicht die einzige Organisation, die sich dem Thema annimmt. Im Dachverband für Männer-, Burschen- und Väterarbeit DMÖ gibt es 24 Mitgliedsverbände. Jedes Bundesland ist dort mittlerweile vertreten. Die Nachfrage nach den Workshops ist groß - und nimmt weiter zu. “Wir geben teilweise Anfragen an andere Organisationen weiter. Manchmal dreht es sich im Kreis und sie kommen wieder zu uns zurück, weil niemand die Kapazitäten hat”, so Leeb auf dem Weg in die Klasse. Er weiß, wo er hin muss. Die Schule bucht den Verein seit Jahren regelmäßig für Workshops.

poika bietet sie für Kinder ab 6 Jahren an. Die Workshops sehen, je nach Bedarf und Anspruch, sehr unterschiedlich aus. Ansätze und Methoden gebe es unzählige, so Leeb. Manche bräuchten etwa mehr Bewegung, dann finde man sich auch schonmal auf einem Spielplatz wieder. Konfrontation sei aber auch notwendig. “Es ist uns sehr wichtig, dass die Jugendlichen ihre Meinungen frei äußern können”, sagt Leeb.
 

Irgendwas mit Gender

An diesem Tag wird in der 2C vor allem im Sesselkreis diskutiert. Wissen die Buben eigentlich, warum heute drei Einheiten für den Workshop ausfallen? Ungefähr schon: “Wir machen etwas mit Gender!” Was genau das ist, dazu gibt es unterschiedliche Meinungen. Das Wort Gleichberechtigung fällt häufig. Dass die Mädchen in der Zwischenzeit einen anderen Workshop machen, finden die Buben übrigens gut. Denn: “Mit Mädchen gemeinsam wäre es sus”. Nichts gegen die Mädchen - aber so frei und offen könnten sie sonst nicht reden.

Nach einem Vorstellungsspiel legt Leeb ein altes Foto in die Mitte des Sesselkreises. Die Buben sehen darauf einen “typischen Mann. Wegen des Gesichts und der kurzen Haare. Außerdem hat er viele Muskeln!” Das Foto zeigt Leebs Großvater. Er erzählt über dessen Leben in Armut, seine Tätigkeit als Gewichtheber und seine Erfahrungen im Krieg. Er hat beide Weltkriege mitgemacht, aus dem 2. ist er nicht mehr zurückgekehrt. Der Großvater, ein Bild eines Mannes aus vergangenen Tagen, das teilweise immer noch gültig ist. Jetzt ist es an den Buben, auf Plakaten aufzuschreiben, was ihnen zu Männlichkeit einfällt.
 

Was es mit dem Mann-Sein auf sich hat, halten die Schüler auf Plakaten fest.

Warum sie das alles machen, hinterfragen die Jugendlichen erstmal nicht. “Wir sprechen über Rollenbilder, Gewaltverhältnisse und Lebensperspektiven, um langfristig eine gewaltfreiere Gesellschaft zu schaffen. Das sind Dinge, für die es sonst kaum Platz gibt”, erklärt Leeb später im Gespräch. Ein Blick in die Gewaltstatistik reiche, um zu wissen, dass mit den aktuellen Rollenbildern etwas nicht in Ordnung sei.

Tatsächlich zeigen Statistiken(PDF), dass Gewalt vor allem männlich bestimmt ist. Eine vor kurzem erschienene Erhebung der Statistik Austria zeigt, wie erschreckend normal Gewalt gegen Frauen in Österreich ist. Jede Dritte gab an, in ihrem Leben bereits körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlebt zu haben. 

“Natürlich muss man differenzieren: Nicht alle Männer sind gewalttätig. Und sehr viele erleben sie ja auch selbst”, so Leeb. Deswegen sei es auch so wichtig, Gewalterfahrungen anzusprechen. Denn wer Gewalt erlebt, gebe die oft weiter. “Man braucht Unterstützung dabei, sie zu verarbeiten, zu reflektieren und das Verhalten zu verändern.”

Dabei setze auch Jungenarbeit an. Im besten Fall würden Jugendliche dadurch Gleichberechtigung als selbstverständlich ansehen und auch in ihren Beziehungen leben. Hinterfragt wurde die Arbeit des Vereins bereits von anderer Seite. Die FPÖ hatte 2015 eine parlamentarische Anfrage wegen der öffentlichen Förderung des Vereins gestellt. “Kein Wunder, wir machen ja schließlich irgendwas mit Gender - und das auch noch an Schulen. Aber die Anfrage hat uns eher geholfen als geschadet”, sagt Leeb. Mittlerweile gebe es politisch kaum noch Kritik. 
 

Scheiße bauen, Sperma und schimpfen

Drei Einheiten hat er an diesem Vormittag mit den Buben, ein weiterer Workshop findet zwei Monaten später statt. Viel Zeit ist das nicht, um Rollenbilder grundlegend zu ändern. “Natürlich gehen wir realistisch hinein. Wir sind keine Weltveränderer”, sagt Leeb. 

Aber selbst bei sehr schwierigen Gruppen gebe es immer Jugendliche, die im Feedback angeben würden, etwas gelernt zu haben. Oder sich dankbar für den Raum gezeigt haben, den sie bekommen haben. Es seien kleine Prozesse, die Denkanstöße geben können. “Natürlich hadern wir trotzdem damit. Aber wenn ich nichts tue, passiert auch nichts. Wir hören manchmal den Vorwurf, dass wir nichts erreichen. Aber wir erreichen Tausende von Kindern und Jugendlichen im Jahr mit unserer Arbeit.”

Die Buben der 2C wird Leeb auf der Haben-Seite verbuchen können. Es geht ans Beschreiben der Plakate mit Assoziationen zu “Männlichkeit. Dabei kommt es in einer Gruppe zu einer kleinen Krise - es wird gezwickt, es wird zurückgeschlagen, Tränen fließen auf beiden Seiten -, die ist aber schnell beigelegt. Die Diskussion danach wird weniger gewalttätig, aber genauso lebendig. 

“Sport, Autos und Haargel” steht ganz groß auf einem geschrieben. Manche Klischees finden sich auf mehreren Plakaten: Männer machen lieber verrückte Dinge. Das bedeutet vor allem, dass sie “Scheiße bauen und illegale Dinge machen” - “Es muss aber nicht unbedingt illegal sein. Aber es ist halt lustig.” Leeb will von ihnen wissen, warum Frauen das seltener machen. Schulterzucken. “Vielleicht, weil sie einfach schlauer sind.” Zustimmendes Nicken. Die Mädchen sind schließlich auch in der Schule besser. Aber so einfach lässt Leeb sie nicht durchkommen. Sich selbst kleiner zu machen, ist für ihn eine billige Ausrede.

Vagina ≠ Staubsauger

So entwickeln sich Diskussionen über viele kleinere und größere Aspekte. Warum Männer länger am Klo sitzen und warum sie sich gegenseitig beschimpfen. Dass Frauen so selten wissen, was sie essen wollen. Es folgt eine Runde, in der alle ihre Lieblingsspeisen nennen. Es dauert eine Weile, Burger dominieren eindeutig.

Die Frage, ob eine Vagina denn wie ein Staubsauger funktioniere und so das Sperma aufnehme, veranlasst Leeb zu einer anatomischen Darstellung auf der Tafel. Was passiert eigentlich beim Sex? Leeb spricht nebenbei auch über Konsens und offene Kommunikation. Es sind nicht die angenehmsten Themen für Buben in dem Alter. Sie sind aber mehr interessiert als peinlich berührt. Und sie lernen, dass die Vagina keine staubsaugerähnlichen Fähigkeiten besitzt.

Der Workshop endet, bevor alle Plakate besprochen werden können. Es gab viel zu besprechen - und Leeb hat den Buben auch den Raum dazu gegeben. Das äußern sie auch bei der Abschlussrunde und in Gesprächen in den Pausen: “Man kann alles sagen und es gibt keine falschen Antworten!” 
 

Rebellion statt Wurstigkeit

Mit dem Blick auf die eigenen Erfahrungen als Jugendlicher stellt sich die Frage an Leeb: Ist vielen von den Buben so ein Workshop nicht komplett egal? “Wurstigkeit erlebe ich eigentlich kaum. Widerstand hingegen immer wieder.” Dieser Widerstand ist bei einem anderen Workshop deutlicher zu sehen. Diesmal geht es in eine 4. Klasse NMS in einer Gemeinde am Wiener Stadtrand. Der Anlass für den Besuch ist diesmal ein anderer.

poika wird nicht nur für allgemeine Workshops zu Männlichkeitsbildern angefragt. Sondern auch, wenn es um Konfliktlösung und Gewaltprävention geht. In dieser Klasse - Leeb beschreibt sie als “hochexplosiv” - gibt es einen schweren Mobbingfall. Die Leistungen sind generell schlecht, auch einige ukrainische Buben sind in der Klasse. Diesmal wird Leeb von einem Kollegen begleitet, es sind immerhin fast 20 Buben in der Gruppe. Darunter auch welche, die das Jahr wiederholen müssen.

Es ist nicht der erste Termin, den die beiden mit der Klasse haben. Man kennt sich bereits - was nur bedingt ein Vorteil ist: “Beim ersten Treffen ist noch mehr Respekt und Distanz da. Jetzt testen sie die Grenzen viel mehr aus.” Seine Prognose wird sich bewahrheiten. 
 

Sex, Waffen und Chaos: Männer unter sich

Vor Beginn beschließt einer der Buben, dass sein Name Chantal ist. Im Namensspiel zur Begrüßung hätte er gerne, dass er nur damit und mit “she/they”-Pronomen angesprochen wird. Der Workshop läuft inhaltlich ähnlich ab wie in der 2C - die Stimmung ist jedoch eine ganz andere. Momente der Stille sind die Ausnahme. Es wird gestichelt, gescherzt und sich gegenseitig aufgewiegelt. Durchaus so, wie man es von einer Gruppe 14-jähriger Buben eben erwartet. 

Manchmal fallen Kommentare, die die Grenze zwischen scherzhaft und verletzend deutlicher überschreiten. Sie richten sich speziell gegen einen Schüler. Das Mobbing schwingt mit. “Wir haben sichtbarer gemacht, was an Selbstverständlichkeit ohnehin schon da war”, so Leeb. Einfach seien solche Situationen natürlich nicht. Es brauche viel Konzentration und Wachsamkeit. Und nicht zuletzt das notwendige Rüstzeug, mit der eigenen Frustration umzugehen. 

Das ist auch für die nächste Übung notwendig. Die Schüler sollen aufmalen, wie sie sich eine Insel vorstellen, auf der nur Männer leben. Der Inhalt der Zeichnungen: Viel Sex, viele Waffen, viel Chaos. Das herrscht auch bei der Nachbesprechung. Zumindest für einen der Jugendlichen ist das ganz normal: “Männer machen halt Chaos. Das sagen zumindest Frauen.”

Und das passiert, wenn Männer alleine auf eine Insel kommen

 

 

Danach wird es zum ersten und letzten Mal richtig ruhig. Es geht um die Rollenverteilung von Männern in der Gesellschaft. Wie stellen sich die Buben eigentlich ihrer Zukunft vor? Bei denen, die sich melden, steht vor allem eines im Mittelpunkt: Geld. Einer möchte Pilot werden. Er sagt zu Leeb: “Mit 28 hab ich dann eine Villa und Sie chillen nur in einem Haus.” Dass nicht jeder in einer Villa wohnen will, wie Leeb erwidert, scheint ihn nicht zu beeindrucken.

Dass die Arbeit diesmal nicht so glattläuft, finden nicht alle gut. Zumindest einer der Buben, der sich in der Pause alleine am Rand des Schulhofs herumdrückt. Auf Fragen reagiert er einsilbig und schüchtern. Erst als es um den Workshop selbst geht, wird er lauter. “Das letzte Mal waren alle viel aufmerksamer. Ich finde es nicht okay, dass es so zugeht heute. Weil einige von uns interessiert das schon!” Es handelt sich um den gemobbten Schüler, für den poika ursprünglich in die Klasse geholt wurde.

Dieser Workshop mag von Chaos und Lärm durchzogen gewesen sein. Auch die Abschlussrunde ist nicht wahnsinnig ergiebig. Aber die Aussage des Buben zeigt, dass auch unter diesen Umständen Kinder und Jugendliche erreicht werden, die das Thema beschäftigt. Wie Leeb selbst auch betont hat: Mit ihrer Arbeit erreichen sie jedes Jahr tausende junge Menschen. Wenn bei manchen davon etwas hängenbleibt und sie ihr Denken in Bezug auf Gewalt und Männlichkeitsbilder etwas überdenken, dann hat man eigentlich schon viel erreicht.
 

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