NatsAnalyse
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Natascha Strobl

/ 10. Mai 2020

Wien ist so furchtbar. Wien ist so undiszipliniert. Wien macht das falsch, Wien macht jenes falsch. Innenminister Nehammer sorgt sich öffentlich demonstrativ um Wien, obwohl das Innenministerium selbst keinen Grund zur Sorge sieht. Gleichzeitig ist eine dubiose Person im Kanzleramt offenbar dezidiert in einer Art Think Tank für Angriffe auf Wien zuständig. Das mag man als Wahlkampfkalkül auf Staatskosten abtun, was an sich schon mehr als grenzwertig ist. Immerhin sind im Herbst Wien-Wahlen und die ÖVP spekuliert darauf, mit Hilfe der Neos und der Grünen die verhasste SPÖ aus dem Bürgermeisteramt zu heben.

Neos und Grüne streiten im Übrigen beide mehr oder weniger vehement ab, sich an so einem Coup beteiligen zu wollen. Das hält die ÖVP aber bestimmt nicht davon ab, es zu versuchen. Der Hass auf Wien hat aber nicht nur machttaktische Gründe. Ein Verlust der Bundeshauptstadt käme einem Todesstoß für die ohnehin arg angeschlagenen Sozialdemokratie gleich. Als überlegen stärkste Partei mit Tricks aus dem Bürgermeisteramt gehievt zu werden wäre wohl ein Trauma, das kaum zu verarbeiten wäre. Neben dieser machttaktischen Eben gibt es aber auch die ideologische Ebene.

Anti-Urbanismus als Scharnier-Ideologie

Eines der treibenden ideologischen Versatzstücke des Konservativismus ist der Anti-Urbanismus, der Hass auf die Stadt. Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurden Städte zum Sinnbild der durchbrechenden Moderne. Dementsprechend wurden sie schon als multikultureller Sündenpfuhl dargestellt und mit einer heilen Idealvorstellung des Landlebens kontrastiert. (Siehe dazu etwa Jannek Wassermann - Black Vienna über die konservativen Intellektuellen im roten Wien oder die Ausstellung „Kampf um die Stadt“ des Wien Museums samt Ausstellungskatalog).

Die Stadt ist im konservativen Denken voll von überintellektualisierten, kränklichen Gestalten, die abgehoben sind und nichts vom echten Leben verstehen. Gleichzeitig ist die Stadt der Hort des Proletariats. Die Stadt als Feindbild steht also gleichzeitig für den Hass auf oben und unten. Hass auf eine (universitäre) Elite und Hass auf eine immer größer werdende ArbeiterInnenklasse.

Während die Eliten als kränklich und blass dargestellt werden, so ist das Proletariat schmutzig und dumm. Beides Zuschreibungen, denen ein gesunder, kräftiger Körper der Landbevölkerung entgegengestellt wird. Ein kaum zu verhehlender Antisemitismus ist darin enthalten. Gerade in konservativ-intellektuellen Kreisen war Antisemitismus eines der wichtigsten Ideologeme. Er bildete eine Brücke zu den völkischen Ideologien. Neben dem Hass auf die Stadt als Hort von Juden und Jüdinnen und der ArbeiterInnenklasse, wurde die Stadt auch mit Homosexualität, Travestie, Frauenemanzipation, Multikulturalität usw. assoziiert. 

Ordnung gegen Vermischung

Während die Stadt zu einer „Mischung“ beiträgt und in ihr Chaos und Undiszipliniertheit herrschen, so ist am Land das Leben noch „in Ordnung“. Es gibt klar definierte Rollen und Gruppen. Starre Geschlechter- und Klassenverhältnisse und kein Versuch, diese Grenzen zu durchbrechen. Der Wunsch und das Versprechen nach Ordnung sind zentral im sich radikalisierenden Konservativismus wie auch im Faschismus. Es ist ein interessanter Gedanke von Jannek Wassermann, dass diese beiden Spektren in Österreich bis Ende der 20er Jahre intellektuell eigentlich ein einziges (ausdifferenziertes) waren. 

Der Hass auf die Stadt ist also nicht nur bloßes Machtkalkül, sondern lang erprobte Praxis und intellektuelle Basis konservativen Denkens und Politik. Der Wunsch nach klaren Definitionen und Herstellung einer (repressiven) Ordnung zu Ungunsten der Unterdrückten ist dabei das oberste Ziel. Als Kontrast wird das unschuldige, schöne und berührte Landleben hergenommen.

Es ist dabei wichtig festzuhalten, dass nicht nur das Bild der Stadt der Realität nicht standhält, sondern auch das verklärte Bild des Landlebens die tatsächlichen Bedürfnisse und Problemlagen der Landbevölkerung nicht abbildet. Weder 1920 noch 2020. 

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