Eine Kindergartenpädagogin beim Spiel mit Kindern im Laub

KindergartenpädagogInnen werden verzweifelt gesucht. Grundsätzlich gäbe es genügend - doch die Arbeitsbedingungen sind so schlecht, dass viele nicht mehr im Kindergarten arbeiten wollen. Credit: St. Niklolausstiftung/Stefan Knittel

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/ 22. Oktober 2020

Viele ElementarpädagogInnen wollen nicht im Kindergarten arbeiten oder schmeißen nach kurzer Zeit hin. Denn die Arbeitsbedingungen sind miserabel. Im EU-Vergleich ist Österreich Schlusslicht, was die Qualität und Rahmenbedingungen in Hort, Kindergarten und Krippe anbelangt. Das ist nicht nur schlecht für die oder den einzelneN KindergartenpädagogIn, sondern vor allem für die Kinder.

 

Eine Kindergartenpädagogin, die anonym bleiben möchte, beschreibt den Alltag, den sie mitunter erlebt hat: “Einmal habe ich drei Kindern zur Sprachförderung ein Buch vorgelesen, sie waren hoch konzentriert, alles war also in Ordnung. Da zupft mich plötzlich ein Bub am Arm - er musste dringend aufs Klo und bekam die Hose nicht auf.” Die Lesestunde wurde natürlich sofort unterbrochen, während sie mit dem Kind auf die Toilette gehen will, bemerkt sie eine Rangelei am anderen Ende des Raumes. Dort sollte eine kleine Gruppe von Kindern mit Bauklötzen spielen, schlägt sich aber stattdessen damit. Gleichzeitig betritt eine Mutter den Raum, die dringend mit der “Tante” den Menüplan besprechen will, der ihrer Meinung nach alles nur nicht kindgerecht ist. “Und dann kam auch noch eine Kollegin dazu, die mir Vorwürfe machte, weil ich mit meiner bürokratischen Arbeit im Verzug war und irgendeine Liste von mir wollte,” so die Pädagogin. An solchen Tagen denkt sie daran, den Job hinzuschmeißen.

 

Hauptproblem im Kindergarten: Zu viel Kinder, zu wenig KindergartenpädagogInnen 

Tatsächlich hören viele auf. Das kann Elmar Walter, Geschäftsführer der St. Nikolausstiftung bestätigen, die zur Erzdiözese Wien gehört rund 90 Kindergärten und Horte umfasst. „Seit Jahren weisen wir auf den Mangel hin. Die Krux ist, es gibt genug ausgebildete ElementarpädagogInnen, aber sie wollen nicht im Kindergarten arbeiten,” so Walter. Der Hauptgrund dafür ist weithin bekannt: Die Gruppen sind einfach zu groß. Auf eineN KindergartenpädagogIn in Wien kommen 25 Kinder. Laut Wiener Kindergartengesetz werden sie von einer Assistentin oder einem Assistenten im Ausmaß von zwanzig Wochenstunden unterstützt und übernehmen auch Reinigungstätigkeiten. In der Praxis führt das dann oft dazu, dass PädagogInnen ganz alleine mit der Gruppe sind.

 

Österreichs Elementarpädagogik ist im EU-Ländervergleich beschämend

Die Gruppengrößen sind in Österreich in jedem Bundesland anders rechtlich geregelt. Es gibt verschiedene internationale Richtlinien, wobei die anspruchsvollste maximal 20 Kinder pro Gruppe vorsieht. In Österreich hält sich nur das Bundesland Tirol daran. 

Zusätzlich zur Gruppengröße muss jedoch auch der Fachkraft-Kind-Schlüssel beachtet werden: Wie viele Fachkräfte kommen auf wie viele Kinder? In manchen Ländern Europas dürften nicht ausgebildete AssistentInnen nicht einmal in Horten oder Kindergärten arbeiten - anders als bei uns. Laut der bereits erwähnten strengsten, internationalen Richtlinie sollte auf 10 Kinder eineR KindergartenpädagogIn kommen. Daran halten sich in Europa nur Dänemark und Finnland. Das unterstützende Personal weggerechnet zählt Österreich mit Frankreich und Polen zu den europäischen Schlusslichtern, da eben eine Pädagogin bei uns in manchen Bundesländern wie Wien alleine auf 25 Kinder kommt. 

In der folgenden Grafik sind die Betreuungsverhältnisse verschiedenster EU-Länder dargestellt, aber inklusive der AssistentInnen. Für Kinderkrippen, also Kinder unter drei Jahren, gelten selbstverständlich andere Betreuungsschlüssel, in Wien etwa kommt einE PädagogIn auf 15 Kinder, sie wird von eineN Vollzeit-AssistentIn unterstützt. Auch hier ist der Bundesschnitt dargestellt.

ExpertInnen fordern Umsetzung wissenschaftlicher Empfehlungen seit Jahrzehnten

Michaela Hajszan ist Psychologin und wissenschaftliche Leiterin des Charlotte Bühler Instituts. Diese Forschungseinrichtung hat sich auf die Kleinkindforschung spezialisiert. “Wir setzen uns bereits seit Mitte der 90er-Jahre dafür ein, dass endlich die Rahmenbedingungen für die Elementarpädagogik in Österreich nach wissenschaftlich modernen Erkenntnissen erfolgen. Passiert ist seither viel zu wenig,” erklärt Hajszan. 

 

Laut den ForscherInnen des Institutes müsste sich einiges ändern:

 

  • Gruppengrößen und Betreuungsschlüssel: Hier müsste Österreich die Empfehlungen umsetzen. Ideal wären maximal 20 Kinder pro Gruppe bei den 3-6-jährigen und eine Elementarpädagogin pro 10 Kindern. Bei Krippen und Kleinkindgruppen sollten auf maximal 10-12 Kinder drei Fachpersonen kommen.

 

  • Ausbildung: Der Großteil der angehende ElementarpädagogInnen entscheidet sich mit 14 Jahren für die fünfjährige Ausbildung in einer Bildungsanstalt für Elementarpädagogik. Die wird mit der Matura abgeschlossen wird. ExpertInnen plädieren jedoch dafür, dass die Ausbildung erst nach der Matura erfolgen sollte, da dann die Entscheidung bewusster für diesen Beruf fällt. Vorstellung und Realität klaffen oft weit auseinander, weshalb viele nicht lange in dem Job bleiben. Viele bleiben nur so lange, bis sie die Anforderungen für ein Selbsterhalter-Stipendium erfüllen und steigen dann aus um zu studieren.

 

  • Aufwertung des Berufsbildes: Kindergärten und Horte werden oftmals als Betreuungseinrichtung angesehen. Dabei sind es Bildungseinrichtungen. Viele KindergartenpädagogInnen wollen nicht als “Kindergartentante” oder “Kindergartenonkel” bezeichnet werden. Das Einstiegsgehalt beträgt im Durchschnitt 1.526,49 Euro Brutto und damit sehr niedrig.

 

  • Kinderdienstfreie Zeiten: Die administrative Arbeit hat sich auch in Kindergärten und Horten erhöht. Immer mehr muss dokumentiert werden. Idealerweise sollte laut Experten 20 bis 25 Prozent der Arbeitszeit einer Vollzeit-Fachkraft für Vorbereitungen oder Bürotätigkeiten genutzt werden können. In Wien haben Vollzeit-KindergartenpädagogInnen 35 Kinderdienststunden und 5 Stunden Planungszeit. Nicht selten entfallen diese völlig, wenn KollegInnen krank werden oder in Urlaub sind.

 

Der Kindergarten wäre ein idealer Ort um Chancen-Ungleichheit zu bekämpfen

Raphaela Keller war bis vor kurzem Vorsitzende des österreichischen Berufsverbands der Kindergarten- und  HortpädagogInnen. Sie kämpft seit Jahren für bessere Arbeitsbedingungen und betont, dass ihr und vielen KollegInnen vor allem das Wohl der Kinder ein Anliegen ist: “Bildung passiert bei Kindern ab dem Zeitpunkt, wo sie auf die Welt kommen. Wir lernen in unserer Ausbildung alles über Entwicklungsschritte und wie toll wir Kinder fördern könnten. Doch in der Praxis können wir das alles nur schlecht oder gar nicht umsetzen.” 

Vor allem Kindern aus bildungsfernen Familien könnte so ein anregendes Umfeld geboten werden. Der Kindergarten ist eine Chance, den Anschluss zu Gleichaltrigen  zu halten. Im verpflichtenden Kindergartenjahr wird die Möglichkeit einer idealen Sprachförderung für Kinder mit Migrationshintergrund oft verspielt. ExpertInnen plädieren angesichts des großen Entwicklungspotentials von Kindern unter sechs Jahren für mehr verpflichtende Kindergartenjahre - doch nur wenn die Qualität passt.

Raphaela Keller versteht, warum viele KollegInnen des Berufs müde sind: “Vor allem in der Corona-Zeit haben wir wieder einmal gesehen, wie systemrelevant wir sind. Doch es bleibt seitens der Politik immer nur bei leeren Versprechungen.”

 

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