Aisha Akbar trägt einen traditionellen Schleier. Sie sitzt in ihrer Wohnung in London.

Aisha Akbar lebt seit einigen Monaten in London. In ihrer Heimat Belutschistan ist es für sie nicht mehr sicher. Darüber reden kann sie nicht.

Foto: Aisha Akbar (privat)

/ 20. April 2022

“Wenn ich mich nicht zu Wort gemeldet hätte, wüssten die Menschen nichts von der Klimakrise in Belutschistan”, erzählt die 23-jährige Studentin und Klimaaktivistin Aisha Akbar. Auf der Weltklimakonferenz COP26 im vergangenen Jahr meldete sie sich dann zu Wort. Seither lebt sie in London, denn in ihrer Heimat in Pakistan fühlt sie sich nicht mehr sicher. Mehr über die Gründe könne sie aber nicht sagen. Von London aus versucht sie weiter, über die vielen Krisen der politisch umkämpften Region aufzuklären. In unserer Serie “Was ich wirklich denke”, erzählt sie von vermissten Studierenden, gewolltem Analphabetismus und warum ihr in ihrer Heimat das Atmen schwerfiel.

Ich bin in der Nähe von Dasht aufgewachsen. Das ist ein großes, ländliches Gebiet im pakistanischen Teil von Belutschistan. Es gibt dort keine richtige Ausbildung. Die Oberstufe ist nur für Jungs. Einige Mädchen, wie auch ich, wurden aber manchmal Abends unterrichtet. Viele andere konnten gar nicht zur Schule gehen. Als Mädchen muss man außerdem das Haus putzen. Morgens ist es staubig, dann putzt du und Abends kommt schon wieder der Staub. Das ist so ekelhaft. Frauen und Mädchen sind permanent der Luftverschmutzung ausgesetzt. Viele leiden an Atemwegserkrankungen.

Vergangenes Jahr war es besonders schlimm. Meine Gegend wurde von einem Staubsturm getroffen. Viele Bäume sind umgestürzt und viele Häuser und Solaranlagen wurden beschädigt. Das war ein Schock für mich. So viel Luftverschmutzung auf einmal habe ich noch nie erlebt. Wir leben in einer sehr gefährlichen Gegend, aber die Stürme werden durch die Klimakrise immer schlimmer. Es regnet kaum mehr, daher der viele Staub.

Wir sollen Analphabeten bleiben

Leider wissen das mit der Klimakrise aber nur wenige. Vor allem unter den Mädchen sind viele Analphabet:innen und die Regierung will, dass das so bleibt. Wir sollen damit beschäftigt bleiben, Essen für unser tägliches Überleben zu suchen. Wir sollen nicht darüber nachdenken, was die wahre Geschichte dahinter ist. Die Mächtigen wollen, dass wir ihnen gehorchen. Belutschistan müsste nicht arm sein. Es hat viele Bodenschätze wie Gold und Kupfer. Aber andere beuten unsere Region aus. Projekte wie der chinesisch-pakistanische Wirtschaftskorridor (Anm. d. Red.: damit soll Pakistan an Chinas “Neue Seidenstraße” angeschlossen werden) zerstören unser Land und verschmutzen unsere Umwelt. 

Darüber sprechen können wir nicht. Wenn jemand etwas dagegen sagt, wird er gefoltert, in eine Zelle gesperrt, ermordet oder seine Familie bedroht. Es ist sehr gefährlich. Viele belutschische Jugendliche und Studierende werden seit Jahren vermisst, weil sie sich zu Belutschistan geäußert haben oder weil sie Aktivist:innen sind. Das ist die Geschichte eines jeden Tages in Belutschistan.

In der Region Belutschistan gibt es immer wieder heftige Staubstürme. Diese werden durch die Klimakrise häufiger und intensiver, weil der Boden immer trockener wird.

Foto: Aisha Akbar (privat)

Ich konnte nicht atmen

Die Klimakrise verschlimmert viele unserer Probleme. Wir leben in einem der trockensten und heißesten Gebiete der Welt und es gibt immer wieder Naturkatastrophen. Ich habe in meiner Heimat sehr darunter gelitten. Wenn ich nach draußen ging, konnte ich wegen des Staubs nicht atmen. Drinnen in meinem Zimmer konnte ich nicht sitzen, weil es zu heiß war. Die meisten haben keinen Stromanschluss oder Geld für eine Klimaanlage. Wir konnten uns eine leisten, weil meine Familie zur Mittelschicht gehört. Aber auch das reicht bei den hohen Temperaturen nicht aus. 

Es wird von Tag zu Tag heißer. Ich weiß, dass das an der Klimakrise liegt. Sie macht mich krank. Nicht nur physisch, sondern auch seelisch. Wir haben kein gesundes Leben und wir werden kein gesundes Leben haben. Wir haben verunreinigtes Wasser, verunreinigtes Essen, verunreinigten Sauerstoff. Alles ist verunreinigt. Unser Leben ist verunreinigt. Das ist nicht normal.
 

Wenn wir uns nicht zu Wort melden, sterben wir

Aber wenn es kein Bewusstsein gibt, wird sich niemand zu Wort melden - vor allem nicht zur Klimakrise. Bevor ich nach Großbritannien gekommen bin, habe ich an der Universität von Turbat Natur- und Grundwissenschaften studiert. In einem der Kurse habe ich von der Klimakrise erfahren. So wurde mir bewusst, was das ist. Wir sind jetzt in dieser Krise, aber viele Belutsch:innen wissen es nicht. Es gibt nur ein paar Leute, die wie ich studieren können. Ohne Bildung, was können wir da erwarten?

Die Regierung und die politischen Entscheidungsträger:innen interessiert die Klimakrise nicht. Sie verfolgen andere Interessen. Klimastreiks werden nicht gerne gesehen. Wir können über Fridays for Future Belutschistan meist nur online auf die Klimakrise aufmerksam machen. Aber auch die internationalen Organisationen beachten uns kaum. Wenn ich mich nicht zu Wort gemeldet hätte, wüssten die Menschen heute nichts von der Klimakrise in Belutschistan. 

Auf der Weltklimakonferenz in Glasgow habe ich mir dann gedacht, ich muss die internationale Bühne nützen und über mein Volk sprechen. Wir verdienen Gerechtigkeit. Ich wünsche mir, dass mehr Jugendliche, aus dem Schatten treten und über unser Volk, unsere Schreie und unsere Zukunft sprechen. Denn wenn wir uns nicht zu Wort melden, sterben wir.

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