Man kann die Katastrophe schon lange kommen sehen
Man kann die Katastrophe schon lange kommen sehen - Foto: Nikolas Noonan/Unsplash  
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Michael Bonvalot

/ 30. Januar 2020

Hitze, Waldbrände und das Schmelzen der Polkappen – die Auswirkungen der Klimakrise sind Großkonzernen und Regierungen seit vielen Jahren bekannt. Doch aus Profitgründen wurden und werden dringend notwendige Maßnahmen blockiert.

Sobald die Klimaerwärmung ein Grad übersteigt, sei zu befürchten, dass die Auswirkungen "unumkehrbar" sind. Es bestehe die Gefahr, dass dann nur mehr "wenig getan" werden könne, "um die Situation zu korrigieren". Das schreibt M.B. Glaser, ein Manager des Ölkonzerns Exxon Mobile, in einem internen Memo an die Konzernspitze.

Das Datum des Briefes: Der 12. November 1982. Das Memo ist also fast 40 Jahre alt.

Insgesamt ist das interne Dokument des Ölmultis 46 Seiten stark. Und es zeigt drastisch, dass der Exxon-Konzern bereits vor vier Jahrzehnten genau wusste, dass seine Profite auf Kosten der Zukunft des Planeten gemacht werden. Die Auswirkungen der Klimakrise werden in diesem internen Bericht in vielen Bereichen sogar erstaunlich genau vorhergesagt.

Exakte Vorhersagen

So ging der Ölkonzern davon aus, dass die Temperatur bis 2019 um 0,9 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit ansteigen würde. Der CO2-Gehalt der Atmosphäre im Jahr 2019 würde bei knapp 420 Teilchen pro Million Teilchen Luft (ppm) liegen. 

Und die tatsächlichen Werte? Die 0,9 Grad Temperaturerwärmung, die Exxon für 2019 vorhergesagt hatte, waren 2017 erreicht. Der CO2-Gehalt der Atmosphäre liegt aktuell bei rund 415 ppm CO2. Die Prognosen von Exxon sind also fast auf den Punkt genau eingetroffen. Sogar ein mögliches "Schmelzen der Polareiskappen" findet sich wörtlich in diesem Geheimdokument.

Für die Öffentlichkeit hingegen hatte der Ölkonzern ganz andere Botschaften. So platzierte Exxon Mobile noch 1997 eine Anzeige in der "New York Times", wo behauptet wurde, dass "die Klimawissenschaft zu unsicher sei, um Aktionspläne zu erstellen". 

Propaganda statt Maßnahmen gegen die Klimakrise

Und dann der Höhepunkt des Inserats: "Wir wissen immer noch nicht, welche Rolle von Menschen verursachte Treibhausgase in der Erwärmung des Planeten spielen." Tatsächlich wusste der Konzern zu diesem Zeitpunkt offenbar bereits mindestens seit 15 Jahren sehr genau Bescheid. Auch hinter den Kulissen hat der globale Multi parallel die Fäden gezogen, um seine Geschäfte weiter fortführen zu können.

 

So hat sich Exxon laut der New York Times (NYT) in den späten 1990er Jahren mit anderen Konzernen zusammengetan, um die Beteiligung der USA am internationalen Klimavertrag Kyoto Protokoll zu torpedieren. Erfolgreich: Die USA haben das Abkommen nie unterzeichnet. 

Auch rechte KlimaleugnerInnen haben hohe Summen von Exxon erhalten. Ihr Ziel: Attacken auf die Klimawissenschaft zu organisieren und Zweifel an der Gefährlichkeit der Situation zu säen.

Ölkonzerne verdienen an der Klimakatastrophe

Warum der Konzern die Öffentlichkeit bewusst getäuscht hat, liegt auf der Hand: Exxon Mobile liegt global an der vierten Stelle aller Konzerne, was den Ausstoß von Kohlendioxid seit 1965 betrifft. Insgesamt sind die 20 weltweit größten Konzerne in diesem Zeitraum allein für ein Fünftel aller Emissionen verantwortlich. Das gesamte Geschäftsmodell dieser Konzerne beruht auf der Verschmutzung der Atmosphäre.

Große Verschmutzung bedeutet dabei fette Gewinne: Aktuell ist Exxon Mobile laut der Fortune-500-Liste der achtgrößte Konzern der Welt. Allein 2018 hat der Ölmulti einen Profit von 20,8 Milliarden Dollar gemacht – und im Juni 2019 zum bereits 37. Mal in Folge die Dividenden für die AktionärInnen angehoben. Die kurzfristige Profitgier der Konzerne steht also offensichtlich langfristigen Maßnahmen gegen die Klimakrise entgegen. 

Ob außer Exxon noch andere Konzerne geheime Untersuchungen angestellt haben? In welchem Ausmaß Regierungen bereits vor 40 Jahren genau Bescheid wussten? Das wissen wir nicht genau. Was wir aber wissen: Die grundsätzlichen Gefahren, die von der Klimakrise ausgehen, müssen den weltweiten Eliten bereits damals bekannt gewesen sein. Die Beweise dafür liegen auf dem Tisch:

Die erste Weltklimakonferenz

"Schneestürme, Überschwemmungen, Dürrekatastrophen – nicht nur das Wetter, sondern das gesamte Klima scheint in Unordnung geraten", sagt die Sprecherin des TV-Berichts. Auch der Grund für diese Veränderungen wird genannt: Der Anstieg des Kohlendioxidgehalts der Erdatmosphäre. Der sei die Folge des "wachsenden Verbrauchs von Erdöl, Erdgas und Kohle in Industrie und Haushalten". Das hätten "aufwendige Messungen" gezeigt.

Eine der zahlreichen aktuellen Dokus über die Klimakrise? Leider nicht. Es handelt sich um einen Bericht der deutschen "Tagesschau" über die erste Weltklimakonferenz in Genf – aus dem Jahr 1979!

Bereits in diesem TV-Bericht wird vor dem "völligen Verschwinden des arktischen Meereises" gewarnt. Die Folgen des Klimawandels für Wasserversorgung und Ernte wären "in der Tat unübersehbar". Auch bis heute topaktuelle Themen sind bereits 1979 öffentlich bekannt: "Vor allem das Abholzen tropischer Wälder – wie zurzeit in Brasilien – kann Auswirkungen auf das gesamte Weltklima haben." 

Im Jahr 1979 gab es also bereits eine erste internationale Tagung zum Weltklima. Spätestens zu diesem Zeitpunkt muss die Öffentlichkeit einen ersten Eindruck von den potenziellen Gefahren der Klimakrise bekommen haben. Und in den kommenden Jahren sollten immer neue Daten hinzukommen, die die ersten Befürchtungen bestätigten – und oft übertroffen – haben.

Die Gefahr australischer Buschfeuer - bekannt seit mindestens 2007

Mit neueren Prognosemodellen konnten auch immer mehr Auswirkungen der Klimakrise vorhergesagt werden. So werden in einer Studie über die Folgen des Klimawandels in Australien Daten aus dem Jahr 2007 zur Gefahr der Buschfeuer präsentiert: "Die Feuersaison wird früher starten und etwas später enden und generell intensiver sein. Der Effekt wird sich im Lauf der Zeit verstärken, aber sollte ab 2020 direkt sichtbar sein."

Studie über die Gefahren von Buschbränden durch den Klimawandel

"Ab 2020". Seit September 2019 herrschen nun tatsächlich verheerende Buschbrände in weiten Teilen Australiens. Mindestens 33 Menschen und Milliarden von Tieren sind daran gestorben. Es sei "ziemlich sicher, dass in großen Teilen dieser sehr ausgedehnten Brandgebiete der größte Teil der Tierwelt tot ist", so der Biologe Andrew Beattie von der Macquarie-Universität bei Sydney gegenüber der Zeit. "Die Flora und Fauna ist fort."

Dennoch verhindert der konservative australische Premierminister Scott Morrison seit Jahren Klimaschutzmaßnahmen und stellt sogar den Zusammenhang zwischen fossilen Energieträgern und dem Klimawandel infrage. Stattdessen ist er ein glühender Verteidiger der Kohleindustrie und überlegt, Proteste gegen die Bergbauindustrie schlicht verbieten zu lassen.

Und Österreich?

Um KlimaleugnerInnen zu finden, ist es allerdings gar nicht notwendig, bis nach Australien zu blicken. In Österreich ist es vor allem die FPÖ, die auch gegen das Pariser Klimaabkommen ist, und hier an vorderster Front steht. "Man weiß nicht, inwieweit der Mensch daran schuld ist", behauptete etwa der stellvertretende FPÖ-Bundesparteiobmann Manfred Haimbuchner zum Thema Klimawandel in einem ATV-Interview. Pikanter Hintergrund der lang anhaltenden FPÖ-Positionen in dieser Frage: Die Partei hat gute Beziehungen zur Auto- und Stahlindustrie

Und ganz im Sinne von Industrie und Wirtschaftskammer bremst auch die ÖVP mit Kanzler Sebastian Kurz radikale und notwendige Klimaschutzmaßnahmen ohnehin, wo sie nur kann. Öffentlich wird zwar gern Betroffenheit geheuchelt, doch wenn es um konkrete Maßnahmen geht, herrscht Stillstand. Teilweise werden bereits anerkannte Umweltschutzmaßnahmen sogar im Sinne der Industrie zurückgefahren. 

So geschehen etwa bei den Umweltverträglichkeitsprüfungen. Dort haben ÖVP und FPÖ ab 2019 eigene "Standortanwälte"  der Wirtschaftskammer mit Parteienstellung durchgesetzt. Auch hier ist eindeutig, worum es geht: Die Interessen von Wirtschaft und Industrie wiegen offenbar schwerer als jene der Bevölkerung. Die kapitalistische Logik will kurzfristige Profite, während die Klimakrise langfristige Maßnahmen erfordert.

Und das seit 40 Jahren. 

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