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Ungleichheit

“Lebensmittelhilfe ist viel mehr als Sattwerden” – Wie die Tafel Österreich zum gesellschaftlichen Mehrwert beiträgt

Armut und Ernährungssicherheit sind nicht zuletzt wegen Karl Nehammers “Burger-Video” Gesprächsthemen in Österreich. Die Tafel Österreich beschäftigt sich damit täglich. Geschäftsführerin Alexandra Gruber spricht im Interview mit MOMENT.at über aktuelle Zahlen und dass beim Essen nicht nur der Hunger gestillt werden muss.

Kanzler Karl Nehammer hat für Menschen mit wenig Geld wenig mehr übrig als gut gemeinte Ratschläge. Sollen Eltern mit ihren Kindern doch zu McDonalds gehen: Diese Aussage machte in den vergangenen Wochen die Runde. Und lenkte gleichzeitig mediale Aufmerksamkeit auf das Thema Ernährungsarmut. Zum einen, weil die Politik das Thema nicht ernst nimmt. Aber vor allem, weil es durch die Teuerung immer mehr Menschen in Österreich betrifft. 

Nehammer steht weiterhin zu seinen Aussagen. Unter dem Motto “Frag den Kanzler” hat er am 13. Oktober Kritiker:innen, Betroffene sowie Menschen, die in ihrer Arbeit gegen Ernährungsarmut kämpfen, zur Diskussion eingeladen. Kurz davor stellt die Tafel Österreich Studienergebnisse zur Lebensmittelhilfe vor und zeigt den Wert der Sozialarbeit im Rahmen der Teuerungsdiskussion. Wir haben mit Geschäftsführerin Alexandra Gruber darüber gesprochen.  

MOMENT.at: Sie retten seit 25 Jahren Lebensmittel und andere Güter des täglichen Bedarfs vor dem Müll. Was hat sich im vergangenen Jahr verändert? 

Alexandra Gruber: Im Jahr 2022 konnten wir insgesamt 800.000 Kilogramm an genusstauglichen Lebensmitteln retten und über soziale Einrichtungen kostenfrei an armutsbetroffene Menschen verteilen. So wurden im vergangenen Jahr mehr als 28.000 Personen mit 1,7 Millionen Mahlzeiten versorgt. Darunter fallen Mutter-Kind-Häuser, Einrichtungen für Wohnungslose, Unterkünfte für Geflüchtete, Frauenhäuser sowie Tagesberatungsstellen. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Nachfrage nach unserer kostenfreien Lebensmittelhilfe um 40 Prozent gestiegen. Das ist schon einiges.

MOMENT.at: Woran liegt die gestiegene Nachfrage? 

Gruber: Vor allem Inflation und Teuerungen haben die Zahlen der Betroffenen dieses Jahr deutlich steigen lassen. Über 200.000 Menschen in Österreich können sich grundlegende Güter oder Aspekte wie Heizen, Freizeitaktivitäten oder ausreichende und ausgewogene Ernährung nicht leisten. Fast jede:r Achte in Österreich kann nur jeden zweiten Tag eine Hauptmahlzeit essen. 

Mehr als 1,5 Millionen Menschen in Österreich sind von Armut, Ernährungsunsicherheit oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Das heißt, ihr Einkommen liegt unter der definierten Armutsschwelle von 60% des Median-Einkommens. Konkret sind das 1392€ pro Monat. 

Aber es sind oft mehr als nur Lebensmittel, die fehlen. Essen hat einen verbindenden Charakter. Hat man kein Geld dafür, wird man ausgeschlossen. 

MOMENT.at: Was heißt das für Betroffene?

Gruber: Gesellschaftliche Teilhabe ist fast immer mit Kosten für Essen und Trinken verbunden. Ist dafür kein Geld da, wirkt sich das über einen längeren Zeitraum massiv auf das Sozialleben der armutsbetroffenen Menschen aus: Sie können keine Freund:innen zum Essen einladen. Sie können sich keinen Besuch im Restaurant leisten. Weil Wohn- und Energiekosten schwer beeinflussbar sind, verzichtet man eher darauf, als die Gefahr einzugehen, die eigene Wohnung zu verlieren. 

MOMENT.at: Ernährungsarmut setzt sich also aus materiellen und sozialen Komponenten zusammen. Welche Rolle spielen frische Lebensmittel dabei konkret?

Gruber: Durch die Tafel erhalten Armutsbetroffene Zugang zu Lebensmitteln, warmen Mahlzeiten beziehungsweise zu einem größeren und vielfältigen Angebot an Obst und Gemüse. Das ist gesund und gleichzeitig sparen sie sich damit Geld, das sie für andere notwendige Dinge brauchen.

Es geht aber längst nicht nur um Sattwerden. Sind Grundbedürfnisse wie Essen nicht gestillt, sind Menschen nicht in der Lage, weitere Themen wie Konfliktbewältigung, Wohnungs- und Arbeitssuche oder Sucht zu bearbeiten. Lebensmittelhilfe bedeutet oft eine Sorge weniger und erhöht gleichzeitig die Bereitschaft, zusätzliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. 

MOMENT.at: Ziel der Zusammenarbeit ist also nicht nur die Versorgung mit Lebensmitteln, sondern auch, dass armutsbetroffene Menschen Wege aus der Armut finden? 

Gruber: Genau. Wie die Lebensmittelhilfe wirkt und welchen gesellschaftlichen Mehrwert – nicht nur für die materiellen, sondern auch für die sozialen Aspekte von Armut – sie bietet, hat jetzt die WU Wien analysiert. Sozialeinrichtungen und Armutsbetroffene wurden dabei empirisch untersucht. Mit dem Ziel herauszufinden, ob und welchen Mehrwert wir leisten. 

Dass unser Beitrag über die konkrete Lebensmittelhilfe hinausgeht und die Armutsbekämpfung unterstützt, haben wir zwar immer wieder von sozialen Einrichtungen vermittelt bekommen, jetzt liegen aber erstmals Ergebnisse auf wissenschaftlicher Basis vor. Und genau die bestärken uns in unserem Tun und wir wollen sie nützen, um armutsbetroffene Menschen noch besser unterstützen zu können. Da appelliere ich auch an die öffentliche Hand: denn es geht nicht nur darum, allein den Hunger von Betroffenen zu stillen. 

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