Demonstration gegen Reform der Lehrerzuteilung in Wien.

Demonstration gegen Reform der Lehrerzuteilung in Wien. // Foto: Andreas Bachmann

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/ 30. Juni 2021

Durch Wiens Schulen geht ein Aufschrei: Im kommenden Schuljahr soll die Lehrerinnen- und Lehrerzuteilung nach einem neuen Schlüssel erfolgen. Schulen schlagen Alarm: Sie verlören durch die Reform massiv an Lehrstunden, Klassen müssten aufgelöst werden. Selbst Brennpunktschulen klagen, die eigentlich von der neuen Formel profitieren sollen. Hunderte gingen gegen die Reform auf die Straße. Wiens Bildungsstadtrat verteidigt die Reform, als "nachvollziehbar und gerecht". Nur seien die vorhandenen Mittel viel zu wenig, verantwortlich dafür: die Bundespolitik.
 

Mit Trillerpfeifen im Mund und Transparenten in der Hand gingen am Montagnachmittag in Wien Hunderte Lehrkräfte, Eltern sowie Schülerinnen und Schüler vom Rathaus über Universitäts- und Schottenring in Richtung Bildungsministerium. Sie machten Lärm gegen eine Reform der Mittelzuteilung, die aus ihrer Sicht vor allem ein Kahlschlag ist.

„Bei uns wird eine Klasse mit 17 Kindern aufgelöst und auf die Parallelklassen verteilt“, sagt eine Vertreterin der Offenen Volksschule Hietzinger Hauptstraße 166 zu MOMENT. „Das ist extrem heftig und ein schlimmer Schlusspunkt im Coronajahr“, sagt die Frau. Sie möchte ihren Namen nicht in den Medien sehen.

Reform der Lehrerzuteilung gefährde Integrationsklassen

Von der Atzgersdorfer Volksschule ist Gabriele Biberle zur Demo gekommen. „Bei uns werden mehrstufige Integrationsklassen gestrichen“, sagt sie zu MOMENT. In diesen Klassen werden jahrgangsübergreifend Kinder mit und ohne Sonderpädagogischen Förderbedarf unterrichtet. Dort stehen pro Klasse eine Volksschullehrerin und eine Sonderschullehrerin vor der Klasse. Dazu kommt eine Teamlehrerin, die für zwei Klassen zuständig ist. Sie falle jetzt weg, erklärt Biberle am Start der Demo im Rathauspark. „Das kann man nicht mehr stemmen, wir wissen nicht, was wir tun sollen.“  

Ein Aufschrei geht durch Wiens Schulen. Grund: Eine Reform der Lehrerstundenzuteilung. In Zukunft wird nicht mehr die Zahl der Klassen entscheidend dafür sein, wie viele Wochenunterrichtsstunden pro Schule verteilt werden. Entscheidend wird, wie viele Schülerinnen und Schüler insgesamt unterrichtet werden. Diese Zahl werde durch 25 geteilt, was der Klassenschülerhöchstzahl entspricht.

Neue Formel: Schulen mit großen Klassen sollen profitieren

Dabei kommt eine fiktive Zahl an Klassen heraus, die jeweils ein Basiskontingent von 20,5 Unterrichtsstunden erhält. Praktisch heißt das: Schulen, die kleine Klasse haben, erhalten weniger Stunden für die jeweilige Klasse. Schulen mit großen Klassen profitieren.

Dazu kommt ein Indexzuschlag, der zusätzliche Unterrichtseinheiten verteilt. Durch ihn sollen sogenannte Brennpunktschulen mehr Ressourcen erhalten – die allerdings anderswo weggenommen werden. Ein Minichancenindex soll Schulen mehr Lehrerinnen- und Lehrerstellen zuweisen, die viele Kinder mit erhöhtem Förderbedarf unterrichten. Darin fließt beispielsweise berufliche Status der Eltern ein, welche Erstsprache die Kinder sprechen und wie viele von ihnen Migrationshintergrund haben. Mehrstufige Integrationsklassen erhalten Mittel aus dem Sonderpädagogischen Förderbedarf.

Sie nehmen den Kindern etwas weg, die eh schon wenig haben.
Demisa Achleitner, Ganztagesvolksschule Atzgersdorf

Doch das reiche hinten und vorne nicht. „Sie nehmen den Kindern etwas weg, die eh schon wenig haben“, sagt Demisa Achleitner, die wie Biberle in der Ganztagesvolksschule Atzgersdorf beschäftigt ist. Auch aus anderen Schulen kommt Kritik: Andrew Sherwin, Elternvereinsobmann der Berufsbildenden Pflichtschule Zennergasse klagte: „Unsere Direktorin hat ein Kontingent von 500 Stunden pro Woche, das ist jetzt um ein Fünftel gekürzt worden.“ Konsequenz: Es gebe keinen Teamlehrer, keine Förderstunden, und keine Sonderpädagoginnen mehr. „Unsere Mehrstufenklassen müssen schließen.“

Anklage von Schulen, die eigentlich profitieren sollten

Aus Wien-Favoriten, wo sich zahlreiche Brennpunktschulen befinden, die eigentlich von der Reform profitieren sollten, kam ein „Offener Brief der Pflichtschuldirektor*innen Favoritens“. Darin heißt es, dass „alleine in Favoriten an die 1400 Stunden pro Woche weniger für den Unterricht der Schülerinnen und Schüler zugeteilt wurden“. Die meisten Schulen müssten ein bis sechs Lehrerinnen und Lehrer abgeben. „Unerklärlich und nicht nachvollziehbar“ nennen die Schulen das in dem anonym versandten Offenen Brief. Die Bildungsdirektion antwortete darauf, sie könne „die im Schreiben genannten Zahlen nicht bestätigen.“

Durch die Neuverteilung wird keine einzige Schule gezwungen, Klassen aufzulösen.
Christoph Wiederkehr, Bildungsstadtrat Wien (NEOS)

Was läuft schief, wenn möglicherweise sogar die Schulen verlieren, die eigentlich von der Reform profitieren sollen? Bildungsstadtrat Christoph Wiederkehr sagt zu MOMENT: „Wir stehen zu dieser Reform, weil sie notwendig ist. Weil sie die vorhandenen Mittel für alle Schulen nach einem gerechten und nachvollziehbaren Schlüssel verteilt.“ Er wolle zudem klarstellen: „Durch die Neuverteilung wird keine einzige Schule gezwungen, Klassen aufzulösen.“

Er spricht davon, dass es „zu Verunsicherung gekommen ist“. Man werde mit einzelnen Schulen reden, „um falsche oder irreführende Informationen im Zusammenhang mit der Planstellenverteilung aufzuklären“, so Wiederkehr. Zuvor sprach Wiederkehr davon, das neue Modell bevorzuge jene Schulen, „die größere Klassen und mehr Schüler haben“ und er sagte, dass es Gewinner und Verlierer der Reform geben werde.

Kritik: Reform der Lehrerzuteilung schnell durchgepeitscht

Wer die Gewinner sind, ist aber nicht klar. Zahlen darüber, welche Schulen wie viele Stunden mehr oder weniger fürs neue Schuljahr im Herbst zugeteilt bekommen hat „dürfen wir nicht öffentlich preisgeben“, sagt Wiederkehrs Sprecherin Julia Kernbichler zu MOMENT. „Es gibt viele Verlierer“, sagt Thomas Bulant, Vorsitzender des Sozialdemokratischen LehrerInnenvereins SLÖ. Die neue Zuteilungsformel „hat ans Tageslicht gebracht, was vorher jahrelang falsch lief: Nämlich, dass die Ressourcen immer knapper wurden“, sagt er zu MOMENT

Bulant, der selbst jahrzehntelang unterrichtete, könne „die Kritik selbstverständlich nachvollziehen. „Da steckt viel Herzblut drinnen. Vieles ist jetzt mit einem Schlag weg.“ Er kritisiert die Art, wie die Reform jetzt von Wiederkehr und dem SPÖ-Bildungsdirektor Heinrich Himmer durchgepeitscht wurde. „Sie hätten viel früher sagen müssen, was hier passieren wird. Jetzt wissen viele Lehrer nicht, wo sie zum Einsatz kommen.“ Immerhin gebe es das Versprechen Himmers, dass niemand gekündigt werden solle.

Bildungspolitik findet nur im Wahlkampf und in schönen Reden statt, sonst nicht.
Thomas Bulant, Sozialdemokratische Lehrergewerkschaft

Die neue Vergabeformel sei jedenfalls nicht allein Schuld an weniger Ressourcen. „Es ist ein immer geringer werdender Kuchen“, sagt er. Wien hat stark steigende Zahlen an Schülerinnen und Schüler. Was der Bund an Mitteln gebe, reiche einfach nicht mehr aus. Er sagt: „Ich weiß gar nicht, wie die Schulen die Stunden vorher zusammenbekommen haben, aber es ging sich irgendwie aus.“ Jetzt aber nicht mehr.

Alle, Lehrkräfte, Schulpersonal und Eltern sollten mehr Ressourcen einfordern, letztendlich vom Finanzminister. Denn der entschiede, wie viel vom Budget an die Schulen geht. „Bildungspolitik findet aber nur im Wahlkampf und in schönen Reden statt, sonst nicht“, sagt Bulant. Im Herbst soll es laut Bildungsdirektion über 100 Planstellen für Lehrerinnen und Lehrer geben. Bildungsstadtrat Wiederkehr fordert vom Bund allerdings 1.000 neue Stellen.

Schulen kritisieren Bildungsstadtrat und der kritisiert den Bund

Das Lehrpersonal, die Direktorinnen und Direktoren an Wiens Schulen, die Eltern: Sie alle kritisieren den Bildungsstadtrat für die Reform, die, so scheint es, vielen Nachteile bringt. Der Bildungsstadtrat wiederum sieht die Hände gebunden, weil der Bund zuwenig Ressourcen und Stellen für Lehrerinnen und Lehrer bereit stelle. Demisa Achleitner von der Volksschule in Atzgersdorf nennt das auf der Demo am Montag „Das ist eine Farce. Fairness und Transparenz? Die sehen wir nicht".

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