Konditor-Lehrling Celine und ihre KollegInnen

Konditor-Lehrlinge von Wien Work (Credit: Moment/Tina Goebel)

/ Tina Goebel
/ 6. November

Menschen mit Beeinträchtigungen oder Behinderungen haben es am Arbeitsmarkt immer schwerer. Unternehmen sehen sie als Last – dabei können sie eine Bereicherung sein.

 

Die 16-jährige Celine backt und kocht leidenschaftlich gerne. Flink huscht das zarte Mädchen an anderen Lehrlingen in der Patisserie vorbei, die sie um zwei Köpfe überragen. Sie holt schnell ein Backblech nach dem anderen aus dem Ofen, pudert Staubzucker über die frisch duftenden Kuchen und knetet dann wieder Teig.

Eine Lehre als Köchin oder Konditorin war immer Celines Traum. Doch in der Schule war sie stets schwach. “Es war ein blödes Gefühl. Es gab niemand anderen in der Klasse, der beim Lernen so langsam war wie ich”, rekapituliert sie ihre Schulzeit. Erst in diesem Sommer wurde bei Untersuchungen im Spital schließlich festgestellt, dass sie aufgrund einer Krankheit eine Wachstumsstörung, Gleichgewichtsprobleme und eben eine Lernschwäche hat.

Keine Chance auf regulären Lehrplatz

Bewerbungen für einen regulären Lehrplatz in einer Konditorei waren erfolglos. Zum Glück wurde Celine in der Schule auf “Wien Work” aufmerksam gemacht: Ein vom Fonds Soziales Wien und dem AMS gefördertes, gemeinnütziges Unternehmen, das unter anderem zehn integrative Lehrausbildungen anbietet. Jugendliche mit Behinderungen oder Beeinträchtigungen werden hier bestmöglich gefördert. Für Gehörlose übersetzt etwa die hauseigene Gebärden-Dolmetscherin.

Für Celine hätte dieses Angebot nicht besser passen können. Und auch ihre Ausbilderin Annemarie Bortoli ist mit dem motivierten Lehrling höchst zufrieden. Alle Jugendlichen hier sind ihr sichtlich ans Herz gewachsen, auch wenn sie besondere Aufmerksamkeit brauchen und sie Erklärungen oft wiederholen muss. “Neben Englisch tun sich viele in Mathematik schwer. Da werden aus 40 Gramm schnell einmal 400 Gramm. Aber wenn es um das Umrechnen von Rezepten geht, habe ich schon ganz andere scheitern gesehen”, meint Bortoli schmunzelnd.

 Ob ihre acht Sprösslinge trotz bestmöglicher Förderung eines Tages den Lehrabschluss schaffen, traut sich die Konditormeisterin noch nicht zu sagen. Die Anforderungen der Berufsschulen sind für viele schwer zu erfüllen.

Konditormeisterin Annemarie Bortoli und ihr Lehrling Celine (Credit: Moment/Tina Goebel)

Am Arbeitsmarkt immer schwerer vermittelbar

Doch trotz Lehrabschluss hätten es Menschen wie Celine am heimischen Arbeitsmarkt schwer. Und es wird immer härter, wie die Zahlen belegen. Seit 2007 ist die Arbeitslosenquote in der Gruppe von Menschen mit Behinderungen oder Beeinträchtigungen um fast 140% gestiegen - und sie steigt gegen den sonstigen Arbeitsmarkt-Trend weiter.

 Trotz zahlreicher Förderungen und sogar gesetzlicher Vorgaben wollen viele Unternehmen Menschen mit Beeinträchtigungen oder Behinderungen nicht anstellen. Die Kosten, den Arbeitsplatz barrierefrei umzubauen, oder der Kündigungsschutz schrecken ab. Da wird lieber eine Strafzahlung in Kauf genommen, als das Behinderteneinstellungsgesetz eingehalten. Eigentlich müssten Unternehmen auf je 25 MitarbeiterInnen einen begünstigten Behinderten einstellen. Begünstigt bedeutet, dass ein Behinderungsgrad von mindestens 50% vorliegt. 

Dazu gehört Celine gar nicht. Ein Behinderungsgrad von weniger als 50% bringt außerdem andere Probleme mit sich. Der neue, umstrittene Algorithmus des AMS teilt sie etwa automatisch in jene Gruppe der Arbeitslosen ein, für die es kaum Unterstützungsleistungen gibt, da diese Gruppe  quasi als unvermittelbar gibt. 

Behindertenverbände fordern Staatssekretariat für Inklusion

Der neue AMS-Algorithmus kommt allerdings erst ab 2020 zu tragen. Die österreichischen Behindertenverbände kritisieren aber schon seit Jahren die aktuellen Entwicklungen und fordern die Schaffung eines Staatssekretariats für Inklusionspolitik, Gleichbehandlung und Pflege. Sonst würde Österreich in diesem Bereich noch weiter zurückfallen, befürchten die Experten. 

Geändert werden müsste viel: Es braucht ein besseres Fördersystem, mehr Ausbildungs- und Arbeitsplätze. Hansjörg Nagelschmidt, Sprecher des ÖZIZ Bundesverbands für Menschen mit Behinderungen, sieht die größte Baustelle aber im Bereich Bildung: “Die inklusive Schule gibt es leider nicht wirklich. Oftmals bleibt es nur bei Schulversuchen. Und so lange Kinder mit und ohne Behinderung nicht zusammen in eine Klasse gehen, wird der Ausbildungsgrad nicht derselbe sein.” 

Es kommt gar nicht selten vor, dass ein Kind mit einer körperlichen Beeinträchtigung in einer Sonderschule mit geistig Behinderten landet – nur weil es in seiner Umgebung sonst keine barrierefreie Schule gibt. Statt einer bestmöglichen Förderung wird also der Karriereweg schon hier verbaut.

Übrigens haben es gerade Mädchen mit Behinderungen oder Beeinträchtigungen im Bildungsbereich besonders schwer. Marlene Mayrhofer, Ausbildungsleiterin bei Wien Work, erklärt: “Für Buben gibt es viel mehr Angebote. Mädchen werden nach der Schule oft zu Hause von den Eltern betreut. Stereotype Rollenbilder führen dazu, dass ihnen nicht zugetraut wird, jemals selbstständig zu sein. Und so wird gar nicht erst eine Ausbildung in Erwägung gezogen.”

Bei Wien Work ist man deshalb besonders stolz, dass die Hälfte der Lehrlinge in der neuen Konditor-Ausbildung weiblich ist.

Gregor Demblin hat die erste inklusive Job-Plattform myAbility.jobs gegründet (Credit: myAbility.jobs)

Kein Charity-Projekt

Barrieren niederreißen, vor allem in den Köpfen der Menschen und Unternehmen – diesem Motto hat sich auch Gregor Demblin verschrieben. Nach einem Badeunfall sitzt er selbst im Rollstuhl und hat mit myAbility.jobs die erste und größte inklusive Jobplattform in Österreich aufgebaut. Er selbst hat erlebt, dass er als Rollstuhlfahrer plötzlich von allen Seiten bemitleidet wurde. “Plötzlich konnte niemand mehr normal mit mir umgehen. Mir wurde nichts mehr zugetraut. Ich bekam plötzlich Lob für die banalsten Dinge”, so Demblin. Noch heute erlebt er, dass Fremde ihn über die Straße schieben wollen – obwohl er die Seite gar nicht wechseln will.

Nach einigen niederschmetternden Bewerbungsgesprächen riss ihm der Geduldsfaden und er gründete die Jobbörse. Mittlerweile berät er sogar große Unternehmen. Demblin geht es aber um mehr als nur Feigenblätter: “Der Vorzeigebehinderte in der Portierloge ist zu wenig. Wir wollen Normalität in der Gesellschaft schaffen.”

ArbeitgeberInnen sei es oft nicht bewusst, dass Menschen mit Behinderungen auch besondere Fähigkeiten entwickeln, die sich als Vorteil in ihrem Arbeitsfeld entpuppen können. So werden Gehörlose gerne in der Sicherheitsbranche zur Observierung von Überwachungskamera-Material eingesetzt: Sie können Körpersprache oft besser lesen. Verhält sich jemand auffällig, fällt ihnen das schnell auf. Den Taschendieb im Einkaufszentrum ertappen sie leicht.  

Ein anderes Beispiel: Blinde entwickeln einen ausgeprägteren Tatsinn. Sie sind deshalb nicht nur als Masseure gefragt, sondern auch in der Brustkrebs-Voruntersuchung. Dort erkennen sie mitunter Tumore und erkranktes Gewebe schneller. Für Unternehmen kann die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung oder Beeinträchtigung also durchaus mehr als ein “Charity-Projekt” sein.

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