Christian Hofmann ist Jugendgewerkschafter, er macht sich Sorgen um den Zustand der Lehre in Österreich
Christian Hofmann ist Jugendgewerkschafter, er macht sich Sorgen um den Zustand der Lehre in Österreich
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/ 30. April 2020

Die Corona-Krise bringt ganze Branchen zum Erliegen. Was passiert nun mit allen Jugendlichen, die bald ihre Lehre begonnen hätten? Durch die Corona-Krise werden bis zu 10.000 Stellen verloren gehen, fürchtet Christian Hofmann von der Jugendgewerkschaft. Mit MOMENT spricht er darüber, wie sich vergangene Krisen auf Lehrlinge ausgewirkt haben und was es mit jungen Menschen macht, wenn sie arbeitslos werden.


MOMENT: Melden sich in den vergangenen Wochen mehr Jugendliche bei euch, die durch die Corona-Krise Probleme bei der Lehre bekommen haben?

Christian Hofmann: Erste Anfragen zu den Auswirkungen gibt es schon. Viele Betriebe sind jetzt im Wartemodus und damit auch die Jugendlichen, die im September ihre Lehren beginnen wollen. Eine schriftliche Zusage bedeutet in vielen Fällen noch nicht viel, weil der Betrieb den Vertrag vor Beginn schon auflösen kann, wenn ein Probemonat vereinbart ist. Noch wissen wir nicht, wie viele Unternehmen ihre Zusagen zurückziehen werden.


Was bedeutet die Corona-Krise für Lehrlinge und alle, die eine Lehre machen wollen?

Infolge der Finanzkrise 2008 konnten wir beobachten, dass Lehrstellen in wirtschaftlich schlechten Zeiten weniger werden. Das ist ganz logisch. Kleine und mittlere Betriebe sind als Ausbilder enorm wichtig und gerade diese Unternehmen spüren die Folgen der Corona-Krise. Die Tourismus-Branche etwa. Hier ist unklar, wie es mit den Lehrlingen weitergeht. Aber auch Friseure kämpfen. Wir rechnen mit bis zu 10.000 Lehrstellen, die durch die Krise wegbrechen.


Was bedeutet es konkret für junge Menschen, wenn Tausende Lehrstellen wegfallen?

Vor allem in Bundesländern wie Vorarlberg, wo die Hälfte der 15-Jährigen eine Lehre machen, wird das spürbar. Untersuchungen zeigen, dass sich Arbeitslosigkeit auf die Psyche junger Menschen stark negativ auswirkt. Das schadet der Lebensqualität der Betroffenen und in weiterer Folge belastet das natürlich auch unser Gesundheitssystem.


Wenn die Lehrstellen wegfallen, heißt das doch nicht automatisch, dass die Jugendlichen arbeitslos werden.

Alternativen gibt es auf jeden Fall nicht sehr viele. Jugendliche, die eine Lehre machen wollen, haben oft keine andere Möglichkeit an einen guten Job zu kommen. Natürlich können sie jobben, zum Beispiel im Handel für 1.600 Euro brutto. Das ist mit 18 Jahren auch in Ordnung. Mit 30 wird das knapp. Und wo sollen sie unterkommen, wenn sie sonst keine Ausbildung haben? Der Arbeitsmarkt fordert immer mehr Abschlüsse und Qualifikationen ein. Ohne gibt es kaum langfristige Perspektiven. Wenn wir das gesamte Erwerbsleben mitbedenken, hat das gesamtwirtschaftliche Auswirkungen. Durch geringere Einkommen wird weniger konsumiert, der Staat bekommt weniger Steuern. Bei Arbeitslosigkeit springt wieder der Staat ein und wenn die Pension nicht zum Leben reicht, wird mit Mindestsicherung aufgestockt. Eine Studie vom Institut für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften hat 2011 gezeigt, dass Jugendliche ohne Arbeit und Perspektive den Staat jedes Jahr circa 3,2 Milliarden Euro kosten.


Wie können wir die Jugendlichen auffangen und Lehrstellen retten?

Einerseits geht es um die Unterstützung von KMUs während der Krise. Vor allem im ersten Lehrjahr muss der Betrieb viel in die Lehrlinge investieren, die noch nicht ganz mitarbeiten können. Andererseits kann der Staat die Ausbildungsplätze ausweiten, die er anbietet. Dasselbe gilt für alle Unternehmen, an denen staatliches Eigentum besteht. Dazu gehört etwa auch die OMV. Ein weiterer Hebel ist das Vergaberecht. Öffentliche Aufträge werden in Zukunft noch wichtiger, weil der Staat als einziges nach einer Krise großflächig investieren kann. Die Kriterien, nach denen der Staat Aufträge verteilt, könnten erweitert werden durch den Faktor, ob ein Unternehmen junge Menschen ausbildet. Möglich wäre außerdem eine Besteuerung von Betrieben, die Lehrlinge ausbilden könnten, es aber nicht tun und mit diesen Einnahmen jene zu fördern, die Lehrstellen anbieten. Die gute Nachricht ist: Wenn wir jetzt handeln, können wir das Schlimmste verhindern. Die schlechte: Das Thema Lehrlinge interessiert in Österreich keine Sau.


Wieso?

Gute Frage. Vielleicht weil die Menschen, die politische Entscheidungen treffen und darüber berichten, aus einer anderen Wirklichkeit kommen als jene, für die eine Lehre der beste Weg zu einem geregelten Erwerbsleben ist.

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