Symbolbild: Eine Favela von oben
Symbolbild: Eine Favela von oben - Foto: sergio souza/Unsplash
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/ 14. Juli 2020

Oft heißt es: Die extreme Armut ist in den letzten Jahrzehnten weltweit stark gesunken. Doch stimmt das? In einem neuen Bericht zur Lage der weltweiten Armut übt ein UN-Sonderberichterstatter Kritik an dieser Darstellung.

Um extreme Armut zu messen wird von vielen internationalen Organisationen wie UNO oder Weltbank die “Internationale Armutslinie” (IAL) verwendet. Die Linie klingt einfach und wurde in den 1990er-Jahren festgelegt: extrem arm ist, wer von weniger als 1 Dollar pro Tag leben muss. 

Seither damals wird die Grenze in größeren Abständen so angehoben, dass sie die Preissteigerungen und Inflation berücksichtigt. Zuletzt offiziell geändert wurde sie im Jahr 2015 (mit den Daten von 2011). Damals wurde sie auf 1.9 Dollar festgelegt. 

Außerdem wird die Grenze auf die Kaufkraft angepasst. Sie entspricht zum Beispiel nach den neuesten aktuellen Zahlen zu 1.41 Euro pro Tag in Portugal, 7.49 Yuan in China oder 50.83 Rubel in Russland.

Folgt man der Zahl, ist die Anzahl der Menschen in extremer Armut stark gesunken. im Jahr 1990 lebten noch 36% der Weltbevölkerung in extremer Armut, 2015 waren es noch etwa 10%.

Was ist die Kritik?

Die Armutslinie ist ein wichtiger Messwert für die Nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen. Sie soll den Rückgang der weltweiten Armut zu messen. Die extreme Armut soll weltweit bis 2030 auf null reduziert werden. Doch misst die Internationale Armutslinie wirklich die Grenze zu extremer Armut? Philip Alston, Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen, zählt in seinem abschließenden Bericht zur Lage der weltweiten Armut einige der vielen Schwachstellen der Armutslinie auf:
 

  1. Die Armutslinie ist viel zu niedrig und weit entfernt von einem Lebensstandard, der die wichtigsten Grundbedürfnisse erfüllt. In einer Studie wurden die notwendigen Essenskosten in den USA mit etwa 5 Dollar/Tag beziffert – ein Wert der weit über den 1.9 Dollar/Tag liegt, die angeblich ausreichen sollten, um der extremen Armut zu entkommen. Und in Portugal würde man demnach heute mit täglich 1.5 Euro nicht mehr in extremer Armut leben -  eine fragwürdige Grenzziehung, die weit von dem abweicht, was einzelne Staaten für sich selbst als arm festlegen.
     
  2. Die Armutslinie basiert auf der Situation von sehr armen, meist subtropischen Ländern. Sie ignoriert damit Unterschiede in der Lebenssituation von Menschen weltweit – etwa in den notwendigen Kosten für Heizung und Kleidung in kalten Ländern oder Kosten für Wohnen in reicheren Ländern.
     
  3. Die Armutslinie nimmt an, dass alle Mittel innerhalb eines Haushalts fair aufgeteilt werden. Die Forschung zeigt jedoch, dass sie sehr ungleich zwischen Männern und Frauen aufgeteilt werden. Im Jahr 2015 lebten 100 Millionen Menschen etwa 10 Dollar-Cent über der Armutslinie. Verschiebt sich das Gleichgewicht nur um wenige Cent, finden sich Millionen von Frauen unter der Armutsgrenze wieder – ohne dass dies in der Statistik aufscheint.
     
  4. Die Armutslinie ignoriert alle Menschen, die nicht in der Datenerhebung aufscheinen. Dazu gehören obdachlose und flüchtende Menschen sowie WanderarbeiterInnen. Alex Cobham gibt in seinem Buch “The Uncounted” etwa an, dass 350 Millionen Menschen weltweit von der offiziellen Datenerhebung ausgeschlossen sind.

Wie könnte eine Alternative aussehen?

Obwohl die Linie laut Alston viel zur Bewusstseinsschaffung beigetragen hat, verzerrt sie gleichzeitig die Wahrnehmung zur Lage der globalen Armut. Die Kritik an der Armutslinie wurde von der Weltbank vielfach akzeptiert. Ihren Fokus auf die IAL hat die Weltbank aber bis jetzt nicht geändert.

 

Unter der 1.9 Dollar-Grenze hat sich extreme Armut in den letzten Jahrzehnten auf mehr als die Hälfte reduziert. 

Doch zieht man eine realistischere Grenze von 5.5 “Internationalen Dollar” pro Tag heran, zeigt sich ein komplett anderes Bild. Die Zahl der Menschen unter diesem Einkommen ist nur von 3.5 Milliarden auf 3.4 Milliarden gesunken. Das bedeutet wegen der gewachsenen Weltbevölkerung, sie ist von 67 auf 46% der Menschen gesunken - das wäre weit weg von der Bemühung, extreme Armut zu beenden. 

Auch viele andere Armutsmaße von international renommierten Forscherinnen zeigen, dass die extreme Armut weitaus höher ist als man unter der “Internationalen Armutslinie” vermuten würde. Doch selbst unter die 1.9-Dollar-Linie fallen immer noch 736 Millionen Menschen. Zudem werden die derzeitige Pandemie und die Klimakrise die Situation der Ärmsten aller Voraussicht nach noch gravierend verschärfen.

Ein neuer Weg

Laut Alston braucht es einen grundlegenden Kurswechsel, um die Armut effektiver zu reduzieren. Dazu gehört ein Umdenken bei der Messung der Armut, ein Überdenken des Zusammenhangs von Wirtschaftswachstum und Armut, mehr Umverteilung, die Herstellung von Steuergerechtigkeit, die Entwicklung eines Sozialen Netzes für alle Menschen, eine andere Rolle des Staates, mehr Teilhabe an Entscheidungen durch die Bevölkerung. Auch die Anstrengungen gegen die Klimakrise müssen endlich intensiviert werden.

 

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