Ungleichheit

Männer gegen Männergewalt: “Jeder Femizid hat mit uns zu tun, weil wir das System mittragen”

“Die Scham muss die Seite wechseln”, hat Gisèle Pelicot während des Prozesses gegen ihre Vergewaltiger verlangt. Aber wie können wir das schaffen? In Wien wollen Männer am 7. August mit einem “Walk of Shame” gegen Männergewalt den ersten Schritt machen.

Der “Walk of Shame”, organisiert von “StoP” findet am 7. August um 9:30 Uhr auf der Kärntner Straße statt. Weitere Informationen findest du hier. Die Organisator:innen freuen sich über zusätzliche Beteiligung, vor allem von Männern.

15 Frauenleben haben Männer 2026 in Österreich bereits ausgelöscht. Diese Femizide sind aber nur die Spitze eines Gewaltberges, der viel tiefer greift. Dazu gehört etwa auch, dass sich tausende Männer in Chatgruppen darüber unterhalten, wie sie ihre Partnerinnen betäuben und vergewaltigen können, ohne dass jemand davon erfährt. Und es dann umsetzen. Ebenfalls Teil dieses Eisbergs, den die Extremfälle nicht überdecken sollen, ist die alltägliche Gewalt: Jede dritte Frau über 15 Jahren erfährt körperliche und/oder sexualisierte Gewalt am eigenen Leib.

Die Täter sind meist keine “Monster”. Es sind Ehemänner, Nachbarn, Brüder, Freunde, Arbeitskollegen. Die Täter haben demographisch vor allem eines gemeinsam: Sie sind Männer.

Gisèle Pelicot hat in dem Prozess gegen ihre Vergewaltiger gefordert, dass die Scham die Seiten wechseln muss. Nicht die Frauen müssten sich dafür schämen, sexualisierter, psychischer oder finanzieller Gewalt ausgesetzt zu sein, sondern die Täter - und die Männer, die Täter schützen, sei es auch nur durch Schweigen.


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Nur: Dazu braucht es auch Männer. Der Verein “StoP - Stadteile ohne Partnergewalt” appelliert deswegen am 7. August mit einer Kunstperformance, Demo und einer Pressekonferenz an Männer. Wir haben mit Theatermacher Stefan Ebner über die Hintergründe der Aktion gesprochen.

MOMENT: Was können wir uns unter dem “Walk of Shame” vorstellen?

Stefan Ebner: Es ist eine Art Trauermarsch im öffentlichen Raum, aber als Kunstaktion. Sie verbindet Elemente einer Demo, einer Intervention und einer Prozession. Die Menschen auf der Straße sollen sich die Frage stellen: ‘Was passiert hier eigentlich und warum findet das statt?’

Es ist eine Performance, die für uns anstrengend sein muss. Es soll auch sichtbar werden, dass es harte Arbeit ist, Verantwortung, Demut und Scham zu übernehmen.

Wir haben in Villach bereits zweimal so eine Prozession gemacht. Die Reaktionen waren spannend: Frauen haben sehr positiv reagiert und sich bedankt, dass wir das zum Thema machen. Bei den Männern waren die, die es positiv gefunden haben, deutlich in der Unterzahl. Zwar hat es niemand ganz scheiße gefunden, sehr viele haben aber gefragt, ob das notwendig sei.

MOMENT: Warum ist so eine Aktion denn notwendig? Was willst du damit zeigen?

Ebner: Ich glaube, die breite Masse an Menschen hat schon das Bewusstsein, dass etwa Gleichberechtigung wichtig ist - aber diese Menschen werden nicht aktiv. Für Gleichberechtigung zu sein, ist ja auch einfach. Aber wie viel tragen wir dazu bei, dass sich was ändert?

Vielleicht müssen wir uns als männlich sozialisierte Menschen einfach mal schämen für das, was wir gemacht haben. Wir müssen uns darauf besinnen, was eigentlich passiert. Jeder Femizid hat mit uns zu tun, weil wir das System mittragen. Natürlich bin ich nicht schuld daran. Aber tue ich etwas, damit diese Gewaltspirale endet?

Das Bewusstsein, von diesem System zu profitieren, haben viele Männer nicht. Aber ich bin eben in einer privilegierten Position aufgewachsen, wenn ich männlich gelesen wurde. Vielleicht müssen wir erst eine kollektive männliche Scham dafür aufbauen.

MOMENT: Aber führt Scham zu Veränderung? Oder führt das Gefühl nicht auch oft zu einer Abwehrhaltung?

Ebner: Im besten Fall schafft Scham ein Bewusstsein. Solche Emotionen regen ja auch den Kopf an. Nach der Scham folgt dann hoffentlich Aktion. Ich will ja etwas tun, damit ich mich nicht mehr schämen muss. Es fühlt sich ja niemand wohl damit.

Aber klar, einen gewissen Teil der Männer werden wir nie erreichen. Ich denke aber schon, dass man bei vielen anderen Bewusstsein schaffen kann für Veränderung.

MOMENT: Du warst früher Förster. Welche Konzepte von Männlichkeiten hast du dabei erlebt?

Ebner: Der Beruf ist extrem männlich geprägt. Das fängt schon bei der Ausbildung an. Bei uns waren damals in der Schule 95 Prozent Burschen. Der Zugang zur Forstwirtschaft war extrem konservativ, Traditionen wurden stark hochgehalten. Ich ging zum Beispiel in Bruck an der Mur zur Schule, wo die Kärntner Schüler am 10. Oktober, dem Landesfeiertag, die Landeshymne von Kärnten gesungen haben - auch die berüchtigte vierte Strophe (in der Strophe geht es um die “blutige” Grenzziehung des Landes, sie wurde in den 1930er-Jahren ergänzt und v.a. bei der FPÖ beliebt, Anm. d. Redaktion).

Wir hatten noch Lehrer, die etwa meinten: Wenn sie einen Luchs sehen, dann ist der Sender ganz schnell in Slowenien. Was nichts anderes heißt, als dass er ihn abschießt und den Sender in einem Bach runterfließen lässt.

Die Mädchen wurden belächelt, besonders im praktischen Unterricht. Da haben natürlich traditionelle Rollenbilder mitgespielt. Frauen sollten halt grundsätzlich Hausfrauen sein.

Naturschutz war damals verpönt. Und in der Arbeit war das natürlich auch so ähnlich. Es war eine sehr rohe Form der Männlichkeit, das sieht man an manchen Begriffen auch sehr schön. “Kahlschlag” ist für mich etwa so ein unglaublich männlich besetztes Wort. Es ist extrem roh und zerstörerisch.

MOMENT: Wo siehst du denn positive Formen von Männlichkeit? Welche braucht es?

Ebner: Ich habe aus meinem Zugang zur Natur eines mitgenommen: Diese extrem männlich geprägte Form von Wettbewerb gibt es dort nicht. Es gibt vor allem Koexisten, Symbiosen. Es gibt einfach nur ein miteinander Leben und die Frage, wie man durchkommt. Auch bei neuen Männlichkeiten sollte diese Frage im Zentrum stehen: Wie kommen wir gemeinsam durch, wie können wir uns unterstützen, wie können wir gut miteinander existieren?

Ich habe drei Söhne und versuche, ihnen das zu vermitteln. Ich bin nicht hart zu ihnen, so wie es in meiner Sozialisation etwa ganz normal war. Da hast du tausendmal gehört: “Was dich nicht umbringt, macht dich nur härter”. Man war hart zu Söhnen, um sie stärker zu machen.

Unter genau diesen Konzepten von Männlichkeit, die aktuell dominieren, leiden ja auch wir Männer. Es geht auch darum, diese Mechanismen, diese Spiralen zu durchbrechen.

MOMENT: Du willst das mit Kunstaktionen machen. Wie gehst du mit dem Vorwurf um, dass das zu abgehoben und performativ ist?

Ebner: Ich glaube, dass es auf einer anderen Ebene Diskussionen anregen kann. Demos sind super, aber oft sehr passiv. Wenn du in der Straße gebückte Menschen durch die Gegend gehen siehst, stellst du dir zumindest Fragen.

Es ist auch etwas anderes, wenn ich unvermittelt auf Kunst treffe oder ins Theater, Museum oder Kino gehe. Dort schalte ich einen Kippschalter im Kopf um, weil ich weiß, was mich erwartet. Im öffentlichen Raum fällt das weg, weil ich nicht damit rechne. Die Reaktion und die Konfrontation sind roher, natürlicher und unbeeinflusster. Im besten Fall sind die Menschen zugänglicher für eine andere Art von Reflexion.

Ich höre in meiner Performance die Menschen um mich herum. Ganz oft kommt auch bei ihnen die Frage: “Ah, das ist Kunst?” mit einer negativen Konnotation. Aber ich glaube, die Fragestellung macht schon etwas auf. Besser als bei einer Demo, die ich sofort abhaken kann. Dann muss ich mich zumindest damit auseinandersetzen.


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