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Ungleichheit

Was doch alle Männer mit dem Femizid von Marchtrenk zu tun haben

Was doch alle Männer mit dem Femizid von Marchtrenk zu tun haben
Was in launigen Männerrunden geredet wird, ist Teil des Problems. (Foto: Cottonbro/Pexels)
In Marchtrenk haben Männer eine Frau getötet, wieder ist es schlimmer als befürchtet. “Das sind doch Monster!” rufen Männer voller Empörung mit. Die Wahrheit ist, dass wir Männer jeden Tag unseren Teil zu diesen Taten beitragen. Das wird sich nicht ändern, solange wir Frauenverachtung als gemeinsame Basis haben.

"Naja, ist das nicht eh eine Frauenkrankheit, dass sie nur hören möchten, was sie wollen?" Zwinkern, lachen, ein Schluck Bier. Meine Frau regt sich auf. Darüber, dass der Typ sowas auf der Familienfeier gesagt hat. Darüber, dass sie nicht mehr dagegen gesagt hat. Ich sollte mich auch mehr aufregen. Aber der Satz ist keine Überraschung mehr, er ist eingeübt, wurde oft genug wiederholt in unterschiedlichen Varianten, ich habe sie, wie andere Männer, in meinem Leben oft genug gehört und selbst von mir gegeben.

Die Journalistin Corinna Milborn hat in einem kurzen Beitrag sehr gut zusammengefasst, was so ernüchternd am Femizid in Marchtrenk und der Gewalt dabei ist: dass sie so unfassbar banal sind. Ein entscheidender Punkt für mich: Viele Männer sind empört darüber. Dass sie selbst ihren Teil dazu beitragen, werden sie nicht akzeptieren können. 

Frauenhass ist überall

Ich habe Sätze wie den oben gehört von Vorbildern, den coolen Buben, charismatischen Trainern, lässigen Freunden, Studienkollegen, Mitspielern, Lehrern. Man will ihre Gunst haben, dazu gehören, wer ist man denn sonst, wenn einen andere Männer abschätzig anschauen, weil man nicht mitlacht. Also habe ich eben auch mitgelacht und die Sätze selbst in jeder Variation wiederholt, immer wieder, weil ich eben auch ein Mann war oder sein wollte. Und wenn die so etwas sagen, muss ich das auch wiederholen. Irgendwann findet man sie lustig, die harmlosen Witze. Einer meiner Favoriten: “Warum haben Männer keine Cellulite? Weil sie schirch ist!” Einen Moment darüber nachzudenken hätte mir neben der Unlustigkeit auch zu denken geben können, dass ich Männer demnach so viel attraktiver als Frauen finde, aber dieser Schritt wäre einer zu viel gewesen. 

Solche Witze und Sätze sind, und das ist vielleicht der wichtigste Punkt, nichts Anrüchiges für uns Männer. Im Gegenteil! Sie bedeuten Zugehörigkeit, Spaß, Lust. Von Frauen will man Sex, von Männern will man Liebe und Gemeinschaft. 

Es ist schwer, Frauen klarzumachen, was wir Männer so von uns geben, wenn wir unter Männern sind. "Boah schau wie schoaf de oide is!" "De Schnoin würd i a gern amoi herhauen!" Jede Form der Sexualisierung, die man sich vorstellen kann. Frauen sind vor allem Objekte, mal mehr, mal weniger. So ganz Mensch sind sie auf jeden Fall nie. Zumindest nicht so, wie wir Männer.

Nicht alle Männer

Natürlich, nicht in allen Männerpartien geht es immer so derb zu. Nein, unter progressiven Männern sicher nicht. Wir sind ja Feministen, Allies, gehören zu den Guten, wir haben sogar Lieblingsmusikerinnen! Wir würden sowas nie sagen. Könnten wir ja nicht, weil wir besser sind als andere Männer. Aber wir sagen und denken es anders und teilen die Abwertung subtiler. Wenn wir unseren “Feminismus” nutzen, um Punkte zu sammeln oder ihn vortäuschen, um Frauen von uns zu überzeugen. Wer besser ist, hat schließlich verdient, dass man mit ihm ins Bett geht. Das macht das ganze noch unsympathischer. Seien wir doch zumindest ehrlich.

Und doch schreibe ich hier, zum ersten Mal und völlig ernst gemeint: Nicht alle Männer sind so. Ich habe Männer in einer progressiven und weniger progressiven Umgebung erlebt, die sich solchen Situationen gestellt haben. Die nicht gelacht, sondern etwas gesagt haben. Damals, als ich einen sexistischen “Witz” im Gruppenchat gemacht habe, der mir selbst nicht eine Sekunde als sexistisch aufgefallen wäre. Das Flugzeug beim Heimflug einer Freundin wurde von einer Pilotin gelenkt, “da musst du aber schon aufpassen, dass du gut heimkommst, hihi”. Kein hihi als Antwort, sondern verbale Watschn. Wenig hat mich so sehr geprägt wie diese Reaktion. Ich wurde für meinen Sexismus nicht von einem anderen Mann belohnt, wie ich es gewohnt war, sondern bestraft. Dafür bin ich heute noch dankbar. 

Jeder Mann, der hier aufgewachsen ist, kennt so abwertende Sätze in irgendeiner Form. Es gibt auch keinen, behaupte ich, der sie nicht selbst irgendwann gesagt hat. Und sich dabei gut gefühlt hat.

Vom Witz zur Vergewaltigung

Bis zu diesem Punkt habe ich möglicherweise noch nicht alle Männer verloren. Beim nächsten vielleicht schon. Denn wir Männer wissen genau, was wir machen. Aber wir sehen es nicht als Problem. In keiner unserer Vorstellungen könnte so ein Witz oder ein blöder Spruch etwas mit Vergewaltigung oder Femizid zu tun haben. Solange wir uns nicht damit auseinandersetzen, was dahintersteckt.Denn es gibt sehr wohl auch sogar messbare, direkte Zusammenhänge zwischen sexistischen Witzen und der Neigung zu Vergewaltigung. 

Aber andere Zusammenhänge zwischen alltäglichen Sexismus und Gewalt gegen Frauen sind indirekter und wirken langfristig. "Warum sollte es ein Problem sein, wenn ich über einen sexistischen Witz lache, der nur unter Männern fällt", habe ich von einem mir nahestehenden Mann gehört. Einen, den ich sehr liebe, der mir nahesteht. Der tatsächlich einer Frau physisch nie etwas antun würde. In seiner Frage lag völliges Unverständnis. Wir machen doch nur Witze. Ist ja alles nicht ernst gemeint. Sei doch nicht so humorlos bitte.

Der heilige Bund der Männer

Na eh. Aber vielleicht, nur vielleicht bleibt beim 2765. Witz darüber, dass Frauen deppert sind, doch auch bei dir etwas hängen. Vielleicht, nur vielleicht tragen die Männer in diesem Raum die kleine Sicherheit in sich, dass sie besser sind. Ein bisschen zumindest. Dass sie, wenn es drauf ankommt, zusammenhalten können. Dass sie Verbündete gefunden haben. Dass sie von diesem Netzwerk profitieren können. Und vielleicht, nur vielleicht, tragen sie das in die Welt nach außen. Geben anderen Männern dieselbe Sicherheit. Bringen es ihren Söhnen bei. Und dabei auch ihren Töchtern.

Es sind keine schlechten Menschen, natürlich nicht. Es sind geliebte Menschen, hilfsbereite, verkuschelte und aufgeschlossene Männer. Teilweise zumindest. Deswegen können sie ja auch nicht glauben, dass sie Teil des Problems sind. Was bitte sollen sie mit Vergewaltigung und Mord zu tun haben?? Sie machen doch nur Witze, wenn überhaupt. Es müssen "nicht alle Männer" sein, es können auf jeden Fall "nicht alle Männer sein". Nicht sie, sie würden nie im Leben einer Frau etwas antun. Sie lieben doch Frauen! Bitte nicht über das Ziel hinaus schießen, dieser Feminismus geht eh schon zu weit. "Alle Männer" zu sagen, das ist Männerhass in Reinform. Pfui.

Und dann morden ihre Geschlechtsgenossen, bieten “ihre” Frauen zur Vergewaltigung an. Schlagen die Frauen, alle wissen es im Ort, aber was will man machen, er ist eben so, das geht uns nichts an. Setzen sie unter Druck, demütigen sie, halten sie in Abhängigkeit. Aber haha hast gesehen wie der Huber Lois unterm Schlapfen steht? Wenn der nicht spurt, kriegt er eine aufm Deckel, der hats nicht leicht der Lois. Aber eh selbst schuld, wenn er sich so eine sucht.

Doch alle Männer

Es sind alle Männer, und ich bin auch einer davon. Ich kann und will mich nicht über andere stellen, denn so eine Prägung und dieses Selbstverständnis bringt man nicht einfach aus dem Kopf. Aber mir wurde zumindest klar, welchen Teil ich beitrage und wo ich ansetzen kann. Und das ist es, woran wir Männer arbeiten müssen, wenn wir tatsächlich Gewalt gegen Frauen ablehnen: Wir müssen der absoluten Banalität der sexualisierten Gewalt ins Auge sehen. Und uns klar machen, dass wir Teil davon sind. Unsere Witzchen, unser Augen verdrehen, unser gegenseitiges in die Rippen stoßen, wenn wir eine Frau sexualisieren. 

Und gleichzeitig weiß ich, wie schwer das ist. Denn die gemeinsame Erniedrigung verbindet, schweißt uns zusammen und bildet einen Teil unserer Identität als Männer in diesem Land. 

Wer sind wir, ohne unseren Sexismus? Es ist schwierige Arbeit, ihn abzulegen. Schließlich profitieren wir auch davon. Deswegen müssen wir ihn beschützen und kleinreden. Und so können wir uns als Männer auch ganz einfach abgrenzen von den furchtbaren Taten, über die wir uns mittlerweile im wöchentlichen Rhythmus empören und sogleich wieder vergessen. Und uns dann die polternden Bäuche beim nächsten Frauenwitz halten. 

Statt sich den Bauch und den Mund zu halten, ist das Gegenteil notwendig. Auch wenn man als “humorlos” angesehen wird. Aber ich weiß auch, dass wir das können. Ich sehe nämlich an vielen Beispielen, wie es anders funktionieren kann. Und gleichzeitig, wie schwierig es ist und wie häufig wir wegsehen. Etwa, wenn einem bei einer Familienfeier jemand nach so einem Satz zuzwinkert, lacht und einen weiteren Schluck vom Bier nimmt.

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