"Es gibt keine Jobs auf einem toten Planeten"
"Es gibt keine Jobs auf einem toten Planeten" - Foto: Markus Spiske/Unsplash
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/ 6. Juli 2020

Alle seriösen WissenschafterInnen sind sich einig, dass die Klimakrise menschengemacht ist. Und auch die Politik leistet seit Jahren Lippenbekenntnisse, die Katastrophe verhindern zu wollen. Warum tut sich dann aber trotzdem so wenig? Wie werden Maßnahmen gegen die Klimakrise ausgebremst? KlimaforscherInnen haben vier Arten von Vorwänden in Politik und Medien entdeckt, die den Fortschritt behindern.

Die 4 Ausreden zur Klimapolitik

Die 4 Ausreden zur Klimapolitik laut einer Studie

#1 Verantwortung abschieben

Die Verantwortung dafür, die Klimakrise zu lösen, haben andere. So wird nichts gegen die Klimakrise getan, bis es etwa nicht jeder einzelne Mensch tue. Und weil die Veränderung jedem einzelnen Menschen aufgebrummt wird, redet man am besten auch gar nicht erst über systemische Veränderungen (die Studie nennt diese Unterkategorie "Individualisierung"). Oft werden Handlungen auch auf die lange Bank geschoben, weil andere angeblich noch viel schlimmere Umweltverschmutzer seien. Europa tut dann nichts, weil die USA schlimmer sind. Die USA tun nichts, weil angeblich China ein schlimmerer Verschmutzer sei. Und China tut nichts, weil westliche Länder viel wohlhabender sind und ja auch nichts täten. Das Ergebnis: Niemand tut genug, weil niemand etwas tue und schuld sind immer die anderen ("Whataboutism"). Das ist verwandt mit einem dritten Muster dieser Art: Maßnahmen werden als unfair dargestellt, wenn sie anderen nützen, die sich daran aber gar nicht beteiligen ("Trittbrettfahrer-Ausrede").

Die Studien-AutorInnen sagen: "Diese Diskurse beschäftigen sich mit der tatsächlichen Herausforderung, faire und flächendeckende Lösungen zu finden. Aber zu oft werden unrealistische Bedingungen aufgebaut, um etwas zu tun. Und es wird anderen abverlangt, die Führung zu übernehmen."

 

#2 Hoffnungslosigkeit

Wer in dieser Kategorie diskutiert, hat die Hoffnung auf eine positive Veränderung schon aufgegeben und verlangt das auch von allen anderen. Entweder seien die notwendigen Schritte in unserer Gesellschaft total unmöglich zu erreichen ("Veränderung ist unmöglich") oder es sei sowieso schon viel zu spät, um noch etwas zu tun und man solle sich besser auf die bevorstehende Katastrophe einstellen ("Untergangsdenken").

Die Studien-AutorInnen sagen: "Diese Kategorie scheut sich vor der schwierigen Arbeit, Klimaengagement aufzubauen und effektive Lösungen abzuwägen."

 

#3 Zu klein denken

Verantwortliche stellen infrage, ob ein grundlegender Wandel denn wirklich nötig sei. Oft werden dann "Lösungen" angepriesen, die bestehende Systeme nicht anfassen und bei weitem nicht ausreichen, um die Klimakrise zu lösen und die drohende Klimakatastrophe zu verhindern. ("Lösungen mit endlichen Energieträgern") Darunter fallen auch Verantwortliche, die sich zwar Show-reif zu "VorreiterInnen" erklären, aber dann wenig dafür tun ("Viel reden, wenig handeln"). Oder solche, die hart daran glauben, dass sich schon rechtzeitig irgendeine technische Lösung für alle Probleme finden lässt ("Tech-Optimismus") Eine eher der neoliberalen Ideologie entspringende Haltung ist die "Nur Zuckerbrot, keine Peitsche"-Methode, wo zwar Angebote ausgebaut werden sollen, Steuern, Strafen und andere negative Konsequenzen von schädlichem Verhaltenaber abgelehnt werden.

Die Studien-AutorInnen sagen: "Der Hang zu kleinen Schritten hilft, das zu vermeiden, was bestehende Machtstrukturen am stärksten gefährden würde."

 

#4 Die Nachteile überbetonen

Die Klimakatastrophe zu verhindern kostet Geld und Ressourcen, das steht außer Frage. BremserInnen betonen diese Nachteile aber oft zu sehr. Sie stellen die Kosten als Bedrohung für den Lebensstandard, den Arbeitsmarkt oder das Wirtschaftswachstum dar. ("Appell an den Wohlstand") Ein besonderer Ausdruck rückt die Kosten für ärmere Menschen in den Vordergrund. ("Appell an die soziale Gerechtigkeit") Beide führen zu einer sehr übervorsichtigen Politik, die erst dann agiert, wenn wirklich alle an Bord und mitbedacht sind ("Politischer Perfektionismus"). Oft kommen diese Argumente von Leuten, die nicht den nötigen Aufwand investieren, um Menschen miteinzubeziehen und Chancen auf gemeinsame Lösungen zu nutzen.

Die Studien-AutorInnen sagen: "Die Nachteile von Klimamaßnahmen überzubetonen, lenkt die Aufmerksamkeit von den Schäden ab, die sie verhindern. Und es ignoriert oder bestreitet die Möglichkeit, eine einbeziehende Politik zu machen, die soziale Vorteile hat und breite akzeptiert wird."

"Unser Leben ist in euren Händen" (Foto: Paddy O'Sullivan/Unsplash)

Menschen, die die Klimakrise einfach nur entgegen aller Belege leugnen, werden in der Studie übrigens nicht betrachtet. Es geht um BremserInnen. Allerdings sind sie sich im Ansatz ähnlich, so die ForscherInnen. Wenn man diese unterschiedlichen Muster in der Debatte erkenne, dann könne man ihnen womöglich maßgeschneiderte und bessere Antworten entgegnen. Das könne zu einer besseren öffentlichen Debatte führen.

Die Studie betont im Text auch, es gehe nicht darum, Motive zu bewerten: "Die Äußerungen werden oft auch mit guter Absicht vorgebracht." Einige der Äußerungen würden durchaus auch teilweise wahres beinhalten, schreiben die ForscherInnen. Aber gerade dadurch bestehe die Gefahr, dass diese Muster und Strategien die Öffentlichkeit verwirren und notwendige Verbesserungen ausbremsen.

Natürlich ist zum Beispiel nicht zu bestreiten, dass Maßnahmen bewusst so gestaltet werden müssen, dass sie sozial gerecht sein können. Aber das sind Probleme, die man mit dem nötigen Willen lösen könnte. 

Denn die sozial ungerechteste, teuerste und hoffnungsloseste Klimapolitik ist die, gar nichts zu tun. 

Die auf Englisch verfasste Studie erschien im renommierten Cambridge University Press Verlag.

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