Was ich wirklich denke

/ Anika Suck
/ 8. Januar

Eine Frau erzählt, wie es ist, mit 15 Jahren ungeplant Mutter zu werden. Was für manche der Stoff einer Reality-TV Serie ist, ist für sie das Leben, von dem sie keine Sekunde lang bereut, es gewählt zu haben.

Ich habe schon gespürt, wie der Schwangerschaftstest ausgeht, bevor ich ihn gemacht habe. Auch, dass ich das Kind auf jeden Fall bekomme, wusste ich zu dem Zeitpunkt schon. Mit 15 Jahren denkt man nicht großartig darüber nach, was eine Schwangerschaft bedeutet. Für mich war nur interessant, was sich für mich richtig anfühlt. Bevor ich es jemandem erzählt habe, bin ich alleine ins Krankenhaus gegangen, gleich nach der Schule. Die Angestellten dort haben mich nicht ernst genommen und gesagt, ich könne mir ja bei der Familienplanung einen Termin ausmachen. Aber wozu? Ich hatte mich ja schon dazu entschieden, das Kind zu bekommen.

Respekt für (junge) Mütter fehlt

Dass man nicht ernst genommen wird, passiert ständig - auch heute noch, wo meine Tochter schon elf Jahre alt ist. Den Respekt und das Vertrauen von Anderen habe ich mir verdienen müssen, das hört nie auf. Niemand traut einem zu, ein Kind erziehen zu können, wenn man so jung ist. Als junge Mutter mit einem Kind unterwegs zu sein, bedeutet, immer von Fremden angestarrt zu werden. Blöde Kommentare habe ich damals ständig bekommen, das passiert heute nicht mehr so oft. Aber Frauen, die ich als Hebamme betreue, erzählen dasselbe.

Ich wollte schon immer so schnell es geht auf eigenen Beinen stehen. Meine Tochter war meine Motivation dazu. Man kann bis zu zwei Jahre Auszeit von der Schule nehmen, ohne die Familienbeihilfe zu verlieren, also habe ich für die Schwangerschaft ein Jahr Pause gemacht. Ich wollte in der Schule nicht allzu laut sagen, dass ich schwanger bin, aber im Endeffekt sind mir die Reaktionen der MitschülerInnen nicht so schlimm in Erinnerung geblieben.

Meiner Mutter habe ich im selben Atemzug gesagt, dass ich schwanger bin und das Kind auf keinen Fall abtreiben kann. Sie hat nur gesagt: “Das musst du nicht.” Mein Vater hat gemeint, dass er schon gewusst hat, dass ich schwanger bin, bevor ich es ihm gesagt habe. Er hat an mir dieselben Anzeichen wie bei meiner Mutter entdeckt, die nach mir noch drei Kinder bekommen hat. 

Unterstützung von den Eltern

Meine Eltern haben mich bei allem unterstützt. Bis vor vier Jahren habe ich noch bei ihnen gelebt. So konnte ich gleich nach der Matura mit dem Studium beginnen und nebenbei als Kellnerin jobben. Heute bin ich 27 Jahre alt. Ich habe das gesamte Geld gespart, dadurch konnte ich vor zwei Jahren mit meiner Tochter in eine Eigentumswohnung ziehen. Das Hebammen-Studium ist wirklich Hardcore, die Arbeit auch. Ich arbeite in einer Klinik, dort bin ich stellvertretende Leiterin eines Kreißsaals, das bringt wahnsinnig viel Verantwortung und lange Arbeitszeiten mit sich. Zum Glück unterstützen mich vor allem meine Mutter und auch der Vater meiner Tochter mit der Betreuung. Trotzdem gibt es niemanden, der dieselbe Verantwortung trägt, wie ich. Wann immer ich nicht arbeite, habe ich mein Kind bei mir. Wirklich Freizeit habe ich also nicht oft. 

Dass ich so jung Mutter geworden und auch in meinem Job jetzt schon so weit bin, ist typisch für mich. Ich komme immer in Situationen, für die ich eigentlich noch zu jung bin. Vor einem Jahr habe ich auch noch ein Buch rausgebracht, da habe ich so viel gearbeitet, ich wäre fast kollabiert.

Der Vater war 17, als ich schwanger wurde. Er wollte nicht, dass ich das Kind bekomme. Es gab viele Konflikte zwischen uns. Mittlerweile reden wir zumindest gemeinsam über die Kinderbetreuung, aber nicht über Privates. Den Unterhalt haben anfangs seine Eltern gezahlt, denn wenn der Kindsvater kein Einkommen hat, sind seine Eltern zahlungspflichtig. Der Vater studiert zwar heute noch, kann sich aber mittlerweile selbst leisten, mir Unterhalt zu zahlen. Zu Beginn kam er nur ab und zu vorbei, jetzt sehen er und seine Tochter sich ein Mal pro Woche.

“Das war aber nicht gewollt, oder?”

Meine Tochter ist heute elf Jahre alt. Sie ist mein ungeplantes Wunschkind. Auch wenn ich nicht absichtlich schwanger geworden bin, kann ich mir jetzt nicht vorstellen, sie nicht bekommen zu haben. Doch für die meisten Menschen ist das heute noch eine Sensation. Wenn ich in Gesprächen meine Tochter erwähne, muss ich jedes Mal dieselben blöden Fragen beantworten, bevor ich zu Ende erzählen kann. “Das war aber nicht gewollt, oder? Bist du noch mit dem Vater zusammen?” Wenn ich dann erzähle, wie glücklich ich jetzt bin, kommt immer dieser Kommentar, dass “eh alles gut ausgegangen” ist. Das hat für mich einen bitteren Beigeschmack, weil ich schon immer wusste, dass ich das schaffe. Ich muss nur jeden Tag andere davon überzeugen.

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