Man sieht Natascha Strobl links im Bild. Sie spricht über die ewige Neiddebatte und wieso Kritik kein Neid ist. Rechts sieht man ein Schild mit dem Wort "Kritik" durchgestrichen.

Die ewige Neiddebatte: Wieso Kritik kein Neid ist?

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Natascha Strobl
/ 19. Januar 2022

Die ewige Neiddebatte: Es gibt einen interessanten Reflex, der bei jeder Form von ökonomischen Debatten über Gerechtigkeit kommt: Man soll doch bitte keine Neiddebatte anfangen. Das kommt dir bekannt vor? Politologin Natascha Strobl erklärt in einer neuen Ausgabe #NatsAnalyse, was dahinter steckt und wieso Kritik kein Neid ist.

Kritik an Corona-Hilfen

Ein Beispiel für diesen Spin finden wir derzeit auch bei den notwendigen Diskussionen, wer wie von den Corona-Hilfen eigentlich profitiert hat. Das Momentum Institut hat hier eine faktenbasierte Studie vorgelegt: Dabei kommt heraus, dass Unternehmen und Landwirtschaft überproportional profitieren, während die Einnahmen für die Hilfen überproportional von Arbeitnehmer:innen und Konsument:innen stammen. Das ist nicht die Umverteilung, die man sich wünscht: Das wäre, von reichen Gesellschaftsteilen umzuverteilen zu denen, die es mehr brauchen.

Aber es ist auch eine Form der staatlichen Umverteilung. Hin zu Konzernen wie Media Markt, die trotz Corona-Hilfen, Dividenden an Aktionärinnen und Aktionäre auszahlen oder Starbucks, die viel mehr Hilfe bekommen als Steuern zahlen.

Die ewige Neiddebatte

Eine Debatte darüber soll unmöglich gemacht werden, indem sie als „Neiddebatte“ abgestempelt wird. Dieses Framing soll vor allem klarmachen, dass die Kritik unlauter ist und aus einer reinen negativen Emotion heraus entspringt. Das Problem wird also von der Sache zu denen verschoben, die die Sache kritisieren.

Ihre Kritik wird sogar als Charakterschwäche und Missgunst dargestellt. Das bedeutet auch: Die Kritik selbst ist nicht valide. Es soll so aussehen, als gäbe es nichts Sachliches oder Politisches zu kritisieren.

Dieser Frame macht aus denen, die beneidet werden, Opfer. Media Markt, Starbucks und Co sind arme Opfer von missgünstigen und aus einer Laune heraus agierenden Neider:innen. Das verdreht die Tatsachen. Nicht mehr die Unternehmen, die eine so hohe finanzielle Unterstützung von der Allgemeinheit bekommen haben, haben Erklärungsbedarf, sondern die, die es wagen, das zu kritisieren oder genauer hinzuschauen. „Neid“ ist ja nicht ohne Grund eine der sieben Todsünden. Kritik an Umverteilung nach oben ist also schon beinahe ein religiöses Vergehen.

Kritik ist kein Neid

Solche Frames immunisieren die oben vor jeder Kritik, da jedes Hinterfragen finanzieller Zuwendungen nach oben als Charakterschwäche abgestempelt werden. Egal ob das immer wieder bei der Forderung von Erbschaftssteuern oder Vermögenssteuern kommt, oder bei Hilfen, die vielmehr denen helfen, die es am wenigsten brauchen.

Das verhält sich umgekehrt zu staatlichen Leistungen für “unten”. Die werden diskutiert unter extremer Abwertung für die, die sie erhalten. Die Groß-Unternehmen, die mit Staatshilfen mehr Gewinn als vor der Pandemie machen und Reiche werden in Schutz genommen, Arme müssen sich für jeden Cent rechtfertigen. Gerechtigkeit ist in diesem Spin kein Ziel mehr, dass es zu erstreben gilt, sondern wird als Todsünde umgedeutet. Fallen wir nicht darauf rein.

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