Öl-Schock droht alles teurer zu machen: Wie jetzt nicht wieder alle Preise explodieren
Wenn im Iran Bomben fallen, dann wirkt das in Österreich im ersten Moment weit weg. Bis man an die Zapfsäule fährt. Oder einkaufen geht. Oder die nächste Stromrechnung bekommt. Denn Kriege bleiben nicht dort, wo sie begonnen haben. Sie reisen. Über Schifffahrtsrouten. Über Rohstoffmärkte. Über Lieferketten. Und am Ende landen sie in unserem Alltag.
Gerade jetzt sehen wir das wieder in Echtzeit. Der Krieg rund um Iran hat den Ölpreis nach oben getrieben. Der Rohölpreis erreicht Höhen wie seit vielen Jahren nicht mehr. Durch die Straße von Hormus läuft normalerweise rund ein Fünftel des weltweiten Öl- und LNG-Handels. Wenn dort die Versorgung wackelt, dann zieht es die Preise weltweit nach oben.
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Auch wenn du kein Auto hast, kann dir das nicht egal sein. Öl und Gas stecken eben nicht nur im Tank und in der Heizung. Sie sind ein Grundstoff der gesamten Wirtschaft. Sie stecken im Transport, in der Landwirtschaft, in der Verarbeitung von Lebensmitteln, in Verpackungen, in Chemieprodukten, in der Logistik, in Lieferdiensten, in der Produktion. Wer kein Auto hat, kauft trotzdem Brot, Medikamente, Kleidung, fährt Bus, wohnt in einer beheizten Wohnung und lebt in einer Wirtschaft, in der Energie an sehr vielen Stellen Kosten bestimmt.
Energiepreise als soziale Gefahr
Das ist auch der Grund, warum steigende Energiepreise sozial so gefährlich sind. In Österreich fließt mehr als ein Viertel der Haushaltsausgaben in Wohnen und Energie. Laut Statistik Austria lag die Inflation im Februar bei 2,2 Prozent, endlich haben wir die Teuerung wieder herunterbekommen. Auch die Energie dämpfte die Teuerung noch, aber speziell Treibstoffe wirkten zuletzt schon weniger preisdämpfend. Und selbst bevor der neue Ölpreisschock in den Daten voll angekommen ist, war klar: Diese Bremse wird gerade schwächer. Anders gesagt: Wenn Energie jetzt wieder nach oben dreht, dann fällt uns ein wichtiger Inflationsdämpfer weg.
Und jetzt kommt der Teil, über den viel zu wenig geredet wird: Es ist nicht nur der Preisanstieg beim Rohöl.
Eine Momentum-Auswertung von dieser Woche zeigt:s seit Beginn der Kampfhandlungen ist der Rohölpreis gegenüber der Vorwoche um rund 7 Cent pro Liter gestiegen. Der Aufschlag bei den Endpreisen war aber höher: bei Benzin plus 9 Cent, bei Diesel sogar plus 21 Cent. Das Problem ist also nicht bloß der Weltmarkt. Das Problem ist auch, was Raffinerien und Tankstellen in Krisen ordentlich auf den Endpreis aufschlagen. Der Markt regelt in solchen Momenten nicht fair, er regelt sich vor allem die Gewinnemarge nach oben.
Und genau deshalb ist diese ganze, leider sehr österreichische, Marktgläubigkeit so unerquicklich. In jeder Krise heißt es erst: Da kann man nichts machen. Und ein paar Tage später machen Konzerne sehr wohl etwas; sie drehen nämlich die Preise rauf.
Die Ökonomin Isabella Weber beschreibt genau dieses Problem sehr treffend. Energie gehört zu den systemisch signifikanten Preisen. Das sind Preise, die nicht bloß ein einzelnes Produkt verteuern, sondern sich wie ein Stoß durch die ganze Produktionskette bewegen. Wenn dort ein Schock einschlägt, dann bleibt er nicht dort. Er wandert weiter.
Das passiert in einer Art Dreischritt: Erst bei der Energie die Preise. Dann geben Unternehmen diese Kosten weiter. Und da Konsument:innen in dieser Situation ohnehin mit steigenden Preisen rechnen, nutzen viele Unternehmen die Gelegenheit. Sie legen noch ein bisserl drauf, erhöhen die Preise sogar stärker als es die teurere Energie nötig machen würde.
2022 soll sich nicht wiederholen
Genau das war in vielen Branchen 2022 zu beobachten - nach dem Energiepreisschock ausgelöst durch den Ukraine-Krieg. Die Preise stiegen deutlich schneller als die tatsächlichen Kosten in manchen Bereichen. Wenn Energiepreise steigen und Unternehmen gleichzeitig ihre Margen ausweiten, wird aus einem externen Schock eine deutlich größere Inflationswelle.
Für Haushalte bedeuten die steigenden Preise jedenfalls: Sie können sich mit dem gleichen Einkommen weniger leisten. Die Kaufkraft sinkt. Darum versuchen die Arbeitnehmer:innen im dritten Schritt diese Verluste über höhere Löhne auszugleichen. Das ist völlig nachvollziehbar, niemand will jedes Jahr für weniger Geld arbeiten gehen. Unternehmen wiederum rechnen die höheren Löhne in ihre Preise ein. Und so dreht sich die Preisspirale weiter.
Deshalb ist der Zeitpunkt entscheidend. Wenn man einen Energieschock früh abfedert, verhindert man, dass diese Kettenreaktion überhaupt in Gang kommt. Wartet man hingegen ab, bis die höheren Energiepreise schon durch Transport, Lebensmittel, Dienstleistungen und Löhne gewandert sind, dann ist die Inflation bereits im ganzen System angekommen und sie wieder einzufangen wird viel schwieriger und viel teurer. Wer Energiepreise einfach „laufen lässt“, verteidigt nicht den Markt, er verteidigt das Durchrauschen eines Schocks.
Was kann man also tun?
Mit einem Energiekrisenmechanismus frühzeitig in die Preise eingreifen. Denn Preisdeckel und Preisbremsen sind ein wichtiger Teil des Werkzeugkastens, wenn Schocks systemisch wichtige Sektoren treffen. Weil es in solchen Krisen eben nicht um einen normalen Markt mit ruhigen Erwartungen geht, sondern um Unsicherheit, Überreaktionen und es enorme wirtschaftliche und politische Kosten hat, wenn man gar nichts tut. Preisregelungen sind ein sinnvolles Notfall-Instrument.
Der Staat setzt deshalb nicht ab morgen alle Preise fest. Nein, ein brauchbarer Mechanismus heißt: bei einem externen Energieschock greift automatisch eine befristete Regel. Die schütztden Grundbedarf, dämpft die Inflation und begrenzt mögliche Krisengewinne. Andere Länder haben das längst gemacht.
Was andere gemacht haben
Frankreich hat ein “Schutzschild” über die Energiepreise für Haushalte gespannt, um sie abzufedern. . Laut Banque de France hat das die Inflation gedrückt - über 2022 und 2023 kumuliert um 2,2 Prozentpunkte. Frankreich hat dafür aber keine Planwirtschaft ausgerufen. Es hatte nur begriffen, dass explodierende Energiepreise kein Charaktertest für Haushalte sind, sondern ein makroökonomisches Problem. Etwas, das man politisch in den Griff kriegen muss.
Deutschland hat den Grundverbrauch beim Gas gedeckelt und den Rest zum Marktpreis verrechnet. Das war ökonomisch klüger als die reine Gießkanne: geschützt wurde der notwendige Verbrauch, der Sparanreiz blieb aber erhalten, weil alles darüber hinaus teurer blieb.
Portugal wiederum zeigt, wie ein Sozialtarif vernünftig funktionieren kann. Er wird automatisch zugewiesen, ohne bürokratischen Hindernislauf. Der portugiesische Sozialtarif bringt im Schnitt deutliche Rabatte auf Strom- und Gasrechnungen und wird automatisch vergeben. So muss Hilfe nicht erst beantragt, erbettelt und bewiesen werden.
Die Lehre aus diesen Beispielen ist simpel: Staaten können eingreifen. Sie tun es bereits. Die Frage ist nur, ob sie es rechtzeitig, zielgenau und sozial gerecht tun.
Und was tut Österreich gegen den Energiepreis-Schock?
Und damit zu Österreich.
Hier wird ein solcher Mechanismus gerade offiziell verhandelt. Von Regierungsseite wurde bereits ein 10-Cent-Strompreisdeckel als geplanter Energiepreis-Krisenmechanismus angekündigt. Parallel dazu berichten ORF und andere Medien über sinkende oder angekündigt sinkende Tarife bei einzelnen Versorgern, auch weil politischer und öffentlicher Druck gestiegen ist. Das zeigt: Spielraum ist vorhanden.
Die progressive Antwort darauf ist ziemlich klar: Der Strom-Arbeitspreis für Haushalte gehört in der Krise gedeckelt - auf 10 Cent pro Kilowattstunde vor Steuern, inklusive Grundpauschale. Österreich hatte mit der Stromkostenbremse bereits ein ähnliches Prinzip nach dem Motto: Grundbedarf schützen, Überverbrauch nicht mitfinanzieren.
Wenn der neue Energiekrisenmechanismus sofort kommen würde, dann sinken die Strompreise für viele Haushalte sogar direkt. Ein typischer Haushalt spart je nach Anbieter, zwischen 24 und 285 Euro pro Jahr.
Und ja: Strom hat im Warenkorb nicht das Gewicht von Mieten oder Lebensmitteln. Aber ganz klein ist der Hebel auch nicht. Senkt man dort die Preise deutlich, dann senkt man messbar auch die Inflation.
Was also müsste Österreich konkret tun?
- Den Mechanismus sofort aktivieren statt wieder wochenlang zu beobachten.
- Das Prinzip Grundbedarf deckeln, Luxusverbrauch nicht subventionieren.
- Automatische Sozialtarife für einkommensschwache Haushalte, damit Hilfe ohne Antragsfolter ankommt.
- Preisaufschläge und Übergewinne ins Visier nehmen, statt so zu tun, als seien alle Preissteigerungen bloß Naturereignisse.
- Mittelfristig das Stromsystem so umbauen, dass erneuerbarer Strom weniger an fossile Schocks gekettet ist.
Mit anderen Worten: Kurzfristig braucht es den Deckel und den Sozialtarif. Langfristig brauchen wir ein Stromsystem, das nicht jedes Mal nervös wird, wenn irgendwo ein Öltanker schief schaut.
Wer jetzt sagt, wir sollen einfach abwarten, ob sich das schon wieder beruhigt, der verwechselt Gelassenheit mit Unterlassung. Wir wissen, wie Energieschocks funktionieren. Wir wissen, dass sie alle treffen, Menschen mit wenig Geld am härtesten. Wir wissen, dass der Markt in Krisen nicht neutral ist. Und wir wissen, dass andere Länder längst Instrumente gebaut haben, um genau solche Schocks abzufedern. Die eigentliche Frage ist also nicht, ob Österreich etwas tun kann. Die Frage ist, ob wir wieder solang abwarten, dass die Teuerung dann schon durchgerauscht ist.
Andere Länder machen das längst: Frankreich hat Energiepreise gedeckelt und damit die Inflation messbar gedrückt. Deutschland hat den Grundverbrauch beim Gas gedeckelt. Portugal vergibt automatisch Sozialtarife für Haushalte mit wenig Einkommen. Die Lehre ist simpel: Staaten können eingreifen.
Auch in Österreich wird gerade über einen Energie-Krisenmechanismus diskutiert. Zum Beispiel ein gedeckelter Strompreis für den Grundbedarf von Haushalten.
Kurz gesagt: Energieschocks sind kein Naturereignis. Die Frage ist nicht, ob der Staat handeln kann. Die Frage ist nur, ob er rechtzeitig handelt – oder wieder erst, wenn die Teuerung schon durchgerauscht ist.
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