Satellitenbild: Flughafen Wien

Satellitenbild: Flughafen Wien

Foto: Google Earth Pro

/ 4. November 2021

Der Boden in Österreich ist ein wertvolles Gut und wichtig für Mensch und Natur. Aber er wird schlecht behandelt. Pro Jahrzehnt verbauen wir ein neues Wien. Dabei wissen wir seit Jahrzehnten: Das ist ein Fehler.

Österreich verbraucht jeden Tag 13 Hektar Boden. Das bedeutet, dass alle zehn Jahre die Fläche von Wien neu verbaut wird. Darüber informiert der WWF im aktuellsten Bodenreport. Damit ist “längst jedes naturverträgliche Maß überschritten”, heißt es. 

Nicht nur das naturverträgliche Maß ist überschritten, sondern auch die Obergrenze, die Österreich sich im 2002 gegeben hat. Damals wurde ein Zielwert von maximal 2,5 Hektar pro Tag bis 2010 festgelegt. Österreich verbaut also noch immer mehr als fünfmal so viel Fläche wie gewollt.

Was bedeutet der Verlust von Boden in Österreich?

Laut Umweltbundesamt bedeutet Bodenverbrauch den “dauerhaften Verlust biologisch produktiven Bodens durch Verbauung und Versiegelung für Siedlungs- und Verkehrszwecke, aber auch für intensive Erholungsnutzungen, Deponien, Abbauflächen, Kraftwerksanlagen und ähnliche Intensivnutzungen.” Der WWF beschreibt den hohen Bodenverbrauch als “eines der dringlichsten Umweltprobleme unserer Zeit”. 

Biologisch intakte Böden sind die Grundlage für Lebensmittel, sauberes Trinkwasser und Luft. Und sie regulieren das Klima, weil sie Kohlenstoff speichern und auch Wasser aufnehmen und verdunsten lassen. Sie kühlen also. Sie sind essenziell im Schutz vor Hochwasser und anderen Naturkatastrophen, die wir Expert:innen zufolge immer häufiger erleben werden. Außerdem sind sie Lebensraum für unzählige Tier- und Pflanzenarten sowie Mikroorganismen, die wiederum wichtige Funktionen in unserem Ökosystem übernehmen. Und damit sind noch gar nicht alle Funktionen genannt. Sind die Böden verbaut oder versiegelt, können sie ihre vielfältigen Funktionen nicht mehr erfüllen. 

Nur noch 1.500 Quadratmeter Ackerfläche pro Mensch

Am Beispiel der Lebensmittelversorgung wird deutlich, wie wichtig es ist, die noch intakten Böden zu erhalten und zu schützen. Bereits jetzt stehe in Österreich pro Kopf nur mehr 1.500 Quadratmeter an Ackerfläche zur Verfügung, erklärt Martin Gerzabek vom Institut für Bodenforschung an der Universität für Bodenkultur Wien: “Da gibt es eine direkte Verbindung zur Selbstversorgung, von der wir weit entfernt sind in der Zwischenzeit.”

“Weit”, fügt er noch einmal hinzu. 

Warum wir unsere Ziele nicht einhalten und zu viel Boden in Österreich verbaut wird

Warum wird so viel Boden in Österreich verbaut? Dafür gibt es einen recht simplen Grund, erklärt Gerzabek: “Es gibt einen natürlichen Druck und das ist die Bevölkerungsentwicklung.”

Die Bevölkerung in Österreich wächst stetig. Außerdem übersiedeln immer mehr Menschen von ländlichen Regionen in Metropolen. Dadurch ist in manchen Gegenden eine Abwanderung zu beobachten. In Städten hingegen steigt die Bevölkerungsdichte und damit der Bedarf an Fläche. Und fürs Wohnen beanspruchen Menschen immer größere Flächen. “Damit entsteht natürlich ein enormer Druck auf die Fläche”, erklärt der Experte. Für Wohnen, Arbeit, Infrastruktur, Mobilität und Einkaufen wird immer mehr verbaut. 

Warum steht der Flughafen in Wien auf besonders fruchtbarem Boden?

Problematisch ist dabei aber auch, welche Böden verbaut und versiegelt werden. Denn oft handelt es sich um Böden mit besonders hohem Wert für Menschen oder Umwelt. 

Ein prominentes Beispiel dafür ist der Flughafen Wien. Auch er steht auf besonders hochwertigem, fruchtbarem Boden. Gerzabek liefert auch dafür eine nachvollziehbare, simple Erklärung. Städte - und damit auch große Flughäfen - liegen meist in Regionen, die besonders fruchtbar sind. Die Entstehung dieser Metropolen gehe nämlich oft auf jungsteinzeitliche Besiedelungen zurück in der Nähe von Wasser und bei fruchtbaren Böden. 

Genau in diese Gegenden zieht es die Menschen aus anderen Gründen jetzt wieder hin. “Es ist menschlich verständlich, dass dieser Druck da ist. Aber es wäre angebracht, um jeden Quadratmeter zu kämpfen”, sagt Gerzabek.

Bodenverbrauch in Österreich: Was muss sich ändern?

Trotz nachvollziehbarer persönlicher und wirtschaftlicher Interessen an den Flächen muss der Schutz der biologisch intakten Böden wichtiger und konsequenter umgesetzt werden. “Wir sehen ja jetzt schon, was passiert. Die Auswirkungen der Klimakrise sind da und eben auch sehr eng mit den Böden verknüpft”, sagt Gerzabek dazu. 

Was kann man tun? Es gebe viele “Mosaiksteinchen”, die helfen können, den Bodenverbrauch einzudämmen. Einerseits müsse versucht werden, bereits bestehende verbaute Flächen zu nutzen.  So kann beispielsweise helfen, mehrere Stockwerke zu bauen oder bestehende Gebäude um zusätzliche Stockwerke zu erweitern. Auch leerstehender Wohnraum sollte genutzt werden, um Neubauten zu verhindern. Andererseits müsse man Ortszentren wiederbeleben revitalisieren und Zersiedelung verhindern.

Leerstand könnte ein Jahrzehnt Bodenverbrauch ersetzen

Laut Gerzabek stehen rund 40.000 Hektar Industrie- und Gewerbeflächen leer und könnten recycelt werden. Das entspricht ungefähr der Fläche Wiens - also dem Bodenverbrauch eines ganzen Jahrzehnts. 

Man müsse sich auch die Frage stellen: Ist wirklich jedes Bauvorhaben auch notwendig? Wenn ja, dann müsse der Boden eine wichtigere Rolle einnehmen. “Ich muss jedes Projekt auch immer aus dem Blickpunkt des Bodenverbrauchs denken”, sagt Gerzabek.

Auch die Bodenqualität müsse stärker in die Raumplanung einbezogen werden. Die Informationen dazu seien inzwischen vorhanden und Gemeinden können entsprechende Bodenfunktionskarten erstellen lassen. Diese zeigen den Wert der Bodenflächen für Menschen und Umwelt.

Der Schutz der Böden sei unumgänglich, erklärt der Experte: “Umweltschutz ist Menschenschutz.” Es geht um unsere Zukunft.

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