Zwei Personen, die Händchen halten

Susanne ist pflegende Angehörige. Für sie ist das ein Privileg.

Foto: Long Truong für Unsplash

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/ 19. März 2021

Susanne D. (53) kümmert sich um ihre Eltern und um ihrem Mann. Dafür hat sie ihren Job als Steuerberaterin und Wirtschaftsprüferin an den Nagel gehängt. Sie widmet sich Vollzeit der Pflege. Wieso, das erzählt sie für unsere Serie "Was ich wirklich denke".

Als mein Vater vor sieben Jahren die Diagnose Krebs bekam, war für mich klar, dass ich meinen Besuch im Elternhaus in Villach verlängere. Aus ein paar Tagen wurden Wochen und schließlich ein ganzes Jahr. Ich wollte meine Eltern mit der Krankheit nicht alleine lassen. In der Zeit habe ich eine neue Rolle angenommen: pflegende Angehörige.

Mein Vater hatte drei verschiedene Arten von Krebs. Welche Kraftanstrengung es sein würde, in dieser Zeit für meine Eltern dazu sein, das hätte ich nicht ahnen können. Wir haben nichts mehr geplant und nur darüber nachgedacht, was am nächsten Tag geschehen musste. Vier Mal musste mein Vater wiederbelebt werden. Die Operationen hat er gut überstanden, den Krebs konnte er besiegen.

Pflege heißt auch, das Leben auf die Bedürfnisse eines anderen Menschen auszurichten

Mein Vater ist mittlerweile 91 Jahre alt, geistig fit und weiter mobil. Trotzdem braucht er wegen der Nachwirkungen seiner schweren Erkrankung eben Hilfe. Geblieben ist ein künstlicher Blasenausgang. Meine Mutter hat gelernt, ihn zu versorgen. Der größte Teil der Pflege, die meine Mutter leistet, ist aber, dass sie ihren Alltag nach seinen Bedürfnissen ausrichtet.

In meinem ursprünglichen Beruf in der Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung arbeite ich mittlerweile nicht mehr. Nach diesem Jahr in Villach bin ich nicht wieder nach Wien zurückgekehrt, ich lebe mittlerweile in Graz. Aber ich bin in der Rolle geblieben. Mein Mann hat eine chronische Nervenerkrankung. Ich widme mein Leben neben ehrenamtlichen Projekten auch seiner Betreuung. Daneben übernehme ich auch weiterhin einen Teil der Pflege meines Vaters - nur eben aus der Ferne. Arzttermine, Anmeldung zur Impfung, diverse administrative Angelegenheiten mit der Sozialversicherung   - um solche Sachen kümmere ich mich weiter. Und ich bin für meine Eltern das Back-up, wenn der Hut brennt.

Sich um meine Liebsten zu kümmern, ist antifeministisch

In dieser Rolle gehe ich auf. Mir ist es wichtig, mich um die Menschen zu kümmern, die ich liebe. Von meinem Umfeld bekomme ich aber meistens negative Reaktionen. Ein Bekannter hat mir gesagt, was ich tue, sei zutiefst antifeministisch. Die einen sind mitleidig, als hätte mich jemand dazu gezwungen. Andere meinen, das sei ja eh keine Arbeit. Für ehrenamtliche Projekte darf die ganze verfügbare Zeit verwendet werden, nicht jedoch für die Betreuung eines Angehörigen.

Waschen, füttern, wickeln. Eine abgekämpfte Frau - meistens pflegen ja die weiblichen Angehörigen -, die kurz vor dem Zusammenbruch steht, alles aufgeben musste, vor allem sich selbst. Das ist das verbreitete Bild einer pflegenden Angehörigen und das mag auf einige Menschen ganz sicher zutreffen. Auf mich nicht. Wenn ich mich um meinen Mann kümmere, heißt das eben, dass ich manche Nächte nicht schlafe, sondern mit ihm wach bleibe. Oder, dass ich mir nichts mit einer Freundin ausmache für in zwei Wochen. Ich weiß nicht, wie es meinem Mann dann gehen wird. Die Fürsorge, die Pflege, die ich leiste, liegt darin, dass ich immer zur Stelle bin, wenn mal etwas ist, dass ich für die Normalität und Verlässlichkeit im Alltag sorge.

Dass ich pflegen kann, ist ein Privileg

Der Arzt meines Vaters in Villach hat zu uns gesagt: Dass es ihm nach der Krankheit so gut geht, das ist nicht nur die medizinische Versorgung. Das ist die Gesellschaft, die emotionale Begleitung der Menschen, die ihn lieben. Diese Art von Unterstützung kann keine fremde Person leisten.

Dass ich meine Zeit damit verbringen kann, meine Liebsten zu unterstützen, ist ein großes Privileg. Wir können es uns leisten, dass ich keiner Lohnarbeit nachgehe. In meiner Vision wird die Pflege durch Angehörige als Beruf anerkannt und auch angemessen bezahlt. Dann hätten wir echte Wahlfreiheit, auch ohne finanziellen Polster.

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