Eine Praktikantin bereitet in einem Hotel das Frühstück auf
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/ 5. Mai 2020

Rund 50.000 SchülerInnen müssten heuer im Sommer ein Pflichtpraktikum absolvieren. Doch vor allem in der Hotellerie und Gastronomie werden aufgrund der Corona-Krise die meisten Praktika abgesagt. Trotzdem gibt es keinen Generalerlass.


Wolfgang (Name von der Redaktion geändert) ist 17 Jahre alt und besucht eine fünfjährige Tourismusschule. Heuer sollte er wie alle seine KlassenkameradInnen im Sommer ein dreimonatiges Pflichtpraktikum im Ausland absolvieren. Er hatte bereits einen Platz in einem Luxushotel in Europa. Doch dann kam Corona. Und all das fiel ins Wasser.

Kein Erlass der Pflichtpraktika trotz Corona-Krise

Das Bildungsministerium unter Heinz Faßmann (ÖVP) hat vergangene Woche einen Erlass verabschiedet, dass die Pflichtpraktika trotz Corona-Krise gemacht werden sollten. Eine Verkürzung ist demnach zwar möglich, aber sie sollten entweder dieses Jahr gemacht oder im nächsten Jahr nachgeholt werden. 

“Wer soll innerhalb eines Monats in dieser Situation einen neuen Praktikumsplatz finden?”, fragt sich Wolfgang. Im nächsten Sommer muss er außerdem ein weiteres Praktikum absolvieren. Das Nachholen wird also kaum möglich sein.

Lieber Arbeitslose anstellen, anstatt Praktikanten beschäftigen

Die Arbeiterkammer und die Gewerkschaft fordern, dass die Pflichtpraktika heuer ausgesetzt werden. Nicht nur, dass hier ein unnötiger Druck auf SchülerInnen und deren Eltern ausgeübt wird - das Augenmerk soll auf den vielen Arbeitslosen liegen, findet Berend Tusch, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft vida: „Wenn die Gastronomie demnächst wieder hochgefahren wird, muss darauf geachtet werden, dass die Betriebe zuerst jene zurück in Beschäftigung bringen, die wegen der Corona-Krise unverschuldet ihren Job verloren haben.“

Auch Wolfgang sieht das so: “Ich bin noch Schüler und lebe bei meinen Eltern. Ich stehe nicht auf der Straße, wenn ich das Praktikum nicht bekomme. Aber viele Menschen brauchen die Jobs dringend zum Überleben.”

Schulleiter können Pflichtpraktika erlassen

Grundsätzlich kann jeder Schulleiter das Pflichtpraktikum erlassen, wenn die SchülerInnen wirklich keinen Platz finden. Aber wie soll das nachgewiesen werden? Müssen dann zehn Absagen vorgezeigt werden, um zu beweisen, dass man sich eh bemüht hat? Oder reichen fünf? 

Der Sprecher der Tourismusschulen Österreichs, Jürgen Kürner, beschwichtigt: “Unsere Schulen bekommen bereits wieder Angebote an Praktikumsplätzen. Wer kann, soll es auch machen dürfen. Und jeder Schulleiter kann und wird bestimmt das Pflichtpraktikum für SchülerInnen erlassen, die keines bekommen.”

Nachteile verhindern

Das findet auch Thomas Doppelreiter von der Jugendinformation und Jobbörse LOGO: “Die Ausbildungseinrichtungen sind derzeit sehr kulant und wissen natürlich, dass gewisse Berufe derzeit keine PraktikantInnen einstellen können. Wichtig ist jedoch, dass der Corona-bedingte Entfall des Pflichtpraktikums die Menschen in Ausbildung nicht an einem Fortkommen hindern darf.”

Natürlich sind Praktika gerade in der Hotellerie und Gastronomie wichtig - praktische Erfahrung kann nicht via Live-Videokonferenz vermittelt werden. Doch die Jugendlichen und deren Eltern brauchen Sicherheit, dass sie keine negativen Konsequenzen zu befürchten haben, wenn heuer kein Platz für ein Pflichtpraktikum ergattert wird. 

Andere Erfahrung sammeln

Da es weniger Praktikumsplätze als sonst gibt, wird es wohl einen Ansturm auf die wenigen Plätze geben. Viele SchülerInnen werden keinen bekommen. Für alle, deren Pflichtpraktikum geplatzt ist, rät Doppelreiter, sich anderweitig sinnvoll und produktiv in den Sommermonaten zu beschäftigen. Vielleicht ehrenamtlich. Auch das kommt im Lebenslauf gut an. 

Wolfgang hat immerhin bereits Pläne, was er anstelle seines Auslandspraktikums macht: “Ich habe immer am Wochenende in einem Restaurant gearbeitet. Ich hoffe, dass ich im Sommer dort Vollzeit arbeiten kann - vorausgesetzt, diese Krise ist endgültig vorbei und der Betrieb im Restaurant läuft wieder voll an.” Im besten Fall wird ihm die Arbeit dann als Praktikum angerechnet.

 

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