Der Journalist der Kleine Zeitung Hubert Patterer ist zu sehen. Er ist in der Interviewsituation mit Elke Kahr in der ORF-Pressestunde.
/ 8. Februar 2022

Der Chefredakteur der Kleinen Zeitung, Hubert Patterer hat sich nach der sonntäglichen Aufregung um die ORF-Pressestunde mit der Grazer Neo-Bürgermeisterin Elke Kahr (KPÖ) mit einer Mini-Dosis Selbstkritik erklärt. Dabei bleibt vor allem ein Aspekt spannend: Welches Rollenbild von Politiker:innen akzeptieren wir? Und was sagt das über unser Verständnis von Politik?

Ein Kommentar von Barbara Blaha.

Ein Grund für die harte Interviewführung gegenüber Kahr, so Patterer in seinem Newsletter, sei der nötige Rollenwechsel: Von der “engagierten Sozialarbeiterin” hin zum “neuen hohen Amt” als politischer Managerin der zweitgrößten Stadt Österreichs.  Aber Patterer hat “Zweifel an diesem Rollentransfer”: Kahr legt ihr Amt nicht so an, wie alle anderen vor ihr. Im Gegenteil: Sie reißt Designerstücke heraus und stellt “ihre abgewohnten Ikea-Möbel” rein.

Ich würde ergänzen: Sie schaut nicht aus wie eine Managerin, sie zieht sich nicht so an, so viel verdienen wie eine will sie auch nicht. Die journalistische Schlussfolgerung ist aber: Wer sich der Rolle sichtbar so verweigert, wird dem Amt nicht gerecht. Kritik daran ist „journalistisch zwingend notwendig.“

Bloß: Warum? Wofür braucht es soviel Distanz zu jenen, für die man arbeitet?

Woher kommt die Annahme, eine Stadt würde besser gemanagt, wenn die oberste Chefin ihren Laptop auf einen 5000-Euro-Tisch stellt?

Was macht die KPÖ-Politikerin da? Sie zeigt, dass sie zur „bürgerlichen Stadt“ eben nicht dazu gehört. Oder: dass sie mit ihrer „Stilistik“ alte Logiken von Herrschaft und neue Logiken von meritokratischem Aufstieg zurückweist.

Elke Kahr ist keine klassische Politikerin

Die Erzählung, dass man guten Leuten auch in der Politik sehr, sehr viel Geld zahlen muss, weil wir alle doch vor allem durch Geld zu motivieren sind, zum Beispiel. Die bekommt Risse, wenn da auf einmal eine den Job für einen Bruchteil macht.

In eine ähnliche Kerbe schlägt eine Nachfrage Hubert Patterers am Sonntag: Da wird der namenlose „Vertreter eines Weltkonzerns“ beklagt, der bisher von Kahr (keine drei Monate im Amt) noch nicht empfangen worden ist.

Der Subtext schwingt mit: da hat man als „Weltkonzern“-Vertreter wohl ein Anrecht darauf. Dass eine normale Bürgerin nicht sofort einen Termin bei der Stadtchefin bekommt, wäre hingegen kaum eine Aufregung, keine Nachfrage im Live-TV wert.

Klar ist das Leiten einer Großstadt eine fordernde Verwaltungsaufgabe. Dort, wo politische Inszenierung Widersprüche mit dem restlichen Handeln liefert (hallo, Economy-Kanzler Kurz!), da soll Journalismus kritisch hinschauen. Das scheint aber bei Kahr nicht der Fall zu sein.

Also sollte man sie wie alle Politiker:innen ganz simpel daran messen, was sie inhaltlich-politisch liefert. Wie sie Kindergärten, Pflegeversorgung, Luftqualität und Öffi-Verbindungen verbessert, zum Beispiel.

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