Prosfygika: Warum Menschen in Wien für einen Ort in Athen in Hungerstreik gehen
“Hands off Prosfygika” schallt es durch die Argentinierstraße in Wien – “Hoch die internationale Solidarität” direkt darauf. Eine Gruppe hat sich vor der griechischen Botschaft versammelt. Es geht um eine Nachbarschaft mitten in Athen. Sie trägt den Namen Prosfygika. Er kommt vom griechischen Wort für Geflüchtete, prosfygas.
Die acht Wohnblocks wurden ursprünglich in den 1930er-Jahren gebaut, um Geflüchtete zu beherbergen, die sich dort nach dem griechisch-türkischen Krieg in improvisierten Unterkünften angesiedelt hatten. Im Zweiten Weltkrieg war Prosfygika ein Stützpunkt für den zivilen Widerstand gegen die Besatzung der Achsenmächte.
Prosfygika: Ein Ort für alle
Nachdem ein Großteil der Gebäude lange Zeit leer stand, wollte die griechische Regierung den Stadtteil in den späten 1990er-Jahren abreißen lassen. Jahrelanges Engagement der verbleibenden Bewohner:innen und zivilgesellschaftlicher Gruppen führte dazu, dass die Gebäude aufgrund ihres historischen, kulturellen und architektonischen Werts erhalten blieben und schließlich 2009 unter Denkmalschutz gestellt wurden.
2011 haben vor allem linke und autonome Gruppen die restlichen leerstehenden Gebäude besetzt und eine Gemeinschaft mit selbstorganisierter Verwaltung aufgebaut. Prosyfigka ist seitdem die vermutlich größte Besetzung Europas. Es gibt Strukturen für Bildung, Lebensmittel- und Gesundheitsversorgung, Raum für Kunst und Kultur und einen autonomen Frauenrat.
Heute leben dort mehr als 400 Menschen, vor allem Geflüchtete, Migrant:innen und politisch Verfolgte, Antifaschist:innen und Autonome – unter ihnen auch viele Kinder. Viele von ihnen sind vom immer knapper werdenden Wohnungsmarkt in Athen praktisch ausgeschlossen - teils aus finanziellen Gründen, teils wegen Diskriminierung. “Menschen, die keinen Ort zum Leben hatten, haben einen Raum bekommen und sich gemeinsam geholfen”, erzählen Aktivist:innen des Wiener Solidaritätsnetzwerks. Das autonome Projekt lässt sich grob mit dem Stadtteil Christiania in Kopenhagen vergleichen.
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Die Pläne der Stadt Athen für Prosfygika
Die Stadtregierung von Athen will im kommenden Juni gemeinsam mit der Regionalverwaltung von Attika Prosfygika räumen lassen. Sie möchten den Stadtteil mit Geldern der EU neu gestalten und Sozialwohnungen bauen. Für die aktuellen Bewohner:innen sollen neue Unterkünfte gefunden werden, heißt es. Aber selbst wenn das stimmen würde, bedeutet jede Umsiedlung auch, dass die sozialen und politischen Strukturen vor Ort zerschlagen werden.
Seit der Finanzkrise 2008 ist der soziale Wohnbau in Athen komplett zusammengebrochen. In der Stadt werden hauptsächlich Immobilien für Einheimische mit viel Geld und Luxustourist:innen gebaut. Der Gouverneur der Region Attika, Nikos Hardalias, legt einen starken Fokus auf Tourismus. Dabei sollen auch Nachhaltigkeit und die Lebensqualität der Einwohner:innen eine Rolle spielen. Hardalias will den Tourismus auch mit Sport-Großevents ankurbeln. Die Olympischen Spiele 2004 wurden für Griechenland jedoch zum Milliardengrab und viele sozial schwache Gruppen leiden noch immer unter ihren Auswirkungen.
Die Bewohner:innen von Prosfygika trauen deswegen den Plänen der Regierungen nicht. Auch wenn die Gebäude offensichtlich renovierungsbedürftig sind. Sie würden das lieber selbst organisieren und sehen in den Plänen der Stadt eine Vertreibung. Der Stadtteil würde gentrifiziert, viele von ihnen im Falle einer Räumung wieder auf der Straße landen. Zudem stünden in Athen viele andere Wohnungen frei, die sich auch für den sozialen Wohnbau eignen würden. Seit Monaten gibt es nun Proteste vor Ort und internationale Solidaritätsaktionen. Manche von ihnen greifen dafür zu radikalen Mitteln.
Hungerstreik und internationale Solidarität
Aristotelis Chantzis, ein Bewohner von Prosfygika, ist am 5. Februar in einen Hungerstreik gegangen – am Freitag (16. Mai) ist der hundertste Tag des Streiks. Chantzis sieht das als notwendigen Schritt, um die Zukunft seiner Gemeinschaft zu verteidigen. Sein Gesundheitsstatus ist kritisch. Eine weitere Bewohnerin, Suzon Doppagne, ist am 1. Mai ebenfalls in den Hungerstreik getreten. Beide wollen für die Sache “bis zum Tod” hungern.
Das hat in aller Welt Menschen aufmerksam gemacht – und inspiriert. So auch die Aktivist:innen in Wien, von denen einige für die 48 Stunden vor der Demo aus Solidarität ebenfalls in einen Hungerstreik getreten sind – aber in einen befristeten. Sie machen schon vor der Demo mit gelben Warnwesten darauf aufmerksan, auf denen das Wort “Hungerstreik” steht.
Sie finden, dass Prosfygika auch über Grenzen Griechenlands hinaus Menschen interessieren sollte: “Prosfygika hat eine symbolische Kraft als Ort, der außerhalb des kapitalistischen Systems für Freiheit, Selbstbestimmung und autonome Frauenstrukturen steht.”
Menschen auf der ganzen Welt könnten von Prosfygika lernen, meinen sie. Auch in Österreich: “In unserer Gesellschaft ist die Entscheidungskraft von kleinen Gesellschaftsgruppen, wie Shareholdern von großen Firmen, sehr viel gewichtiger, als die der breiten Masse. Es wird nicht nach den Bedürfnissen der Vielen gehandelt”, sagen die Aktivist:innen.
Lokale Verbindungen
Auch für Menschen in Wien sollte Prosfygika laut den Aktivist:innen ein Weckruf sein: “Wir sehen, dass genau diese Orte auch hier angegriffen werden, zum Beispiel bei St.Marx oder dem Amerlinghaus.” In St. Marx wurde kürzlich eine selbstverwaltete Freifläche geräumt, um Platz für eine Eventarena zu schaffen. Das alternative Kulturzentrum im Amerlinghaus steht finanziell am Abgrund. “Deswegen müssen wir aktiv werden und die Räume schützen, die wir haben”. Das Amerlinghaus ist auch Ort eines Solidaritätsfests für Prosfygika.
Die Situation in Wien sei anders als in Athen, aber das Muster dasselbe. Deswegen ist es für die Aktivist:innen wichtig, über den Tellerrand hinauszublicken und diese Muster zu erkennen: “Uns müssen auch Dinge interessieren, die außerhalb des eigenen Wohnhauses, außerhalb von Wien und auch außerhalb von Österreich passieren. Wir müssen uns als Menschen von diesem kollektiven Geist inspirieren lassen.”
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