Auf dem Foto zu sehen ist ein Polizist, der eine Person in lila Jacke abführt. All das findet auf einer Demo statt. Im Artikel geht es um Rassimus von der Polizei.

Cagla Bulut berichtete von einer Demo - und geriet selbst ins Visier der Polizei.

Foto: Cagla Bulut

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/ 1. April 2021

Cagla Bulut ist Journalistin aus Innsbruck und hat eine sichtbare Migrationsgeschichte. Deshalb wird sie seit ihrer Kindheit in Österreich immer wieder schlecht von der Polizei behandelt. Wie sich dieser Rassismus anfühlt, erklärt sie dir in dieser Ausgabe von ”Was ich wirklich denke”.
 

Vor einigen Wochen besuchte ich als Journalistin die Grenzen-töten-Demo in Innsbruck. Ich filmte eine Auseinandersetzung, in der Polizisten einen Mann wegen Nichteinhaltung des Sicherheitsabstandes anzeigten und Demonstrierende dagegen protestieren. Sie warfen der Polizei Rassismus vor und beklagten, dass der Mann nur wegen seines Migrationshintergrundes eine Anzeige kassierte.
 
Ein Polizist unterbrach mich mehrmals beim Filmen und fragte mich gegenstandslos, ob ich “da dazugehöre”. Dabei zeigte er mit seinem Finger auf den angezeigten Mann.
 
Ich begriff anfangs nicht, warum er mich in Verbindung mit einem Mann brachte, der scheinbar gegen ein Gesetz verstieß. Ich hatte weder einen Wortwechsel mit der angezeigten Person noch mit dem Beamten selbst. Ich erklärte ihm mehrmals, dass ich lediglich als Journalistin da war. Er jedoch ignorierte meine Aussage und stellte mir pausenlos dieselbe Frage. Irgendwann fragte er gar nicht mehr, sondern nahm einen Zusammenhang zwischen mir und dem Mann an.

Wir verhielten uns gleich

Neben mir filmte eine junge Frau die Auseinandersetzung mit. Wir verhielten uns in dem Moment exakt gleich. Der Polizist unterbrach sie jedoch nicht und fragte sie nie nach einer Verbindung zur angezeigten Person. Sie hatte blonde Haare und blaue Augen. Ich hingegen habe eine sichtbare Migrationsgeschichte. Ich kann nur annehmen, dass der Polizist mich aufgrund meiner äußerlichen Merkmale in eine Schublade steckte - mitsamt negativen Klischees und Vorurteilen. Und deshalb ordnete er mich einer Person zu, die sich scheinbar rechtswidrig verhielt. In anderen Worten: Er nahm mir meine Individualität und diskriminierte mich wegen meines Aussehens.
 
Meine selbstbestimmte Identität der Journalistin hatte keine Bedeutung für den Beamten. Ich wurde nicht akzeptiert. Ich bekam wieder die unsichtbaren Stempel auf die Stirn gedrückt: “Migrantin”, “anders”, “fremd” und vielleicht sogar “verdächtig“.

Rassismus? Die Polizei verdächtigt mich immer wieder

Das ist leider nichts Neues für mich. Meine erste negative Begegnung mit der Polizei machte ich, als ich gerade mal elf war. Ich wartete mit meiner Schwester und meiner türkisch-stämmigen Nachbarin auf den Bus. An der Haltestelle fand ich gezeichnete Hakenkreuze und zeigte mit voller Empörung auf sie. Daraufhin blieb ein Polizei-Auto stehen, Beamte nahmen unseren Namen auf. Sie unterstellten uns, dass wir die Hakenkreuze gezeichnet hätten. Totaler Schwachsinn! Dabei fanden sie nicht einmal Stifte bei uns.
 
Beim nächsten Treffen mit der Polizei war ich 13 und mit meiner Schwester und zwei kurdisch-stämmigen Freunden unterwegs. Wir spazierten in der Nähe des olympischen Dorfes in Innsbruck. In der Gegend leben viele MigrantInnen und ihre NachfolgerInnen. Auf einmal blieb ein Polizeiwagen neben uns stehen. Die Polizisten nahmen uns dieses Mal mit aufs Revier. Sie verdächtigten uns, die Fensterscheibe eines Autos eingeschlagen zu haben.
 
Stunden später fand die Polizei heraus, dass gar nichts beschädigt wurde. Es war ein Fehlalarm. Offenbar hatte ein Mann vier ausländische Jugendliche bei der Polizei gemeldet. Er hatte ein lautes Geräusch gehört hatte und angenommen, die Jugendlichen hätten randaliert. Das laute Geräusch war übrigens das Klirren des Schlüssels unseres Freundes, der bei unserem harmlosen Spaziergang in der Nähe eines Autos auf den Boden fiel.

Wir wussten, dass wir nichts Falsches gemacht hatten - und hatten trotzdem riesengroße Angst

Während wir mehrere Stunden im Revier verbrachten, wussten wir, dass wir nichts Falsches gemacht hatten. Doch wir hatten riesengroße Angst, wegen der früheren, schlechten Erfahrungen mit der Polizei. Wir wussten, dass wir aufgrund unseres Aussehens und der Herkunft unserer Eltern mit negativen Stereotypen verbunden wurden. Selbst wenn wir in Österreich zur Schule gingen, die österreichische Staatsbürgerschaft besaßen und die Sprache perfekt beherrschten, so waren wir stets anders in den Augen der Exekutive - und der Mehrheitsgesellschaft.
 
Es sind nicht nur meine eigenen Erfahrungen, die auf ein strukturelles Problem hinweisen. Erzählungen von Menschen in meiner Umgebung  mit ähnlicher Migrationsgeschichte aber aus jeder Altersgruppe   zeigen, dass es ein ernst zu nehmendes Diskriminierungsproblem bei der österreichischen Polizei gibt. Und das sorgt für ein Misstrauen.
 
Wenn die Exekutive -  die für die öffentliche Sicherheit zuständig ist - sich diskriminierend verhält, ahmen andere Menschen zu rassistische Verhaltensmuster nach. Sie wähnen sich dann damit im Recht. Ich würde mir deshalb mehr antirassistische Bildung bei der Polizei wünschen, damit PolizistInnen rassistische Verhaltensmuster ablegen. Damit sich Menschen wie ich sicher fühlen auf Österreichs Straßen - und darauf zählen können, fair behandelt zu werden.

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