Grafik NatsAnalyse - Analysen von Ideologie, Sprache und Frames von Natascha Strobl. NatsAnalyse Cover zeigt ein gezeichnetes Porträt von Natascha Strobl mit zwei Sprechblasen.

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  Natascha Strobl

/ 16. Dezember 2019

Twitter ist ein interessanter Ort. Man trifft Leute, die man sonst nie treffen würde. Wenn man regelmäßig auf Twitter ist, hat man seine Clique, mit der man diskutiert, blödelt und seinen Online-Alltag verbringt. Je nach politischer Ausrichtung sind diese Leute mehr so oder mehr so. Hin und wieder gibt es Tweets, die es über die eigene Clique hinaus schaffen und wenn verschiedene Cliquen, mit ihren unterschiedlichen Logiken, zusammen treffen, dann kann das schön sein, aber auch zu Streit führen. Wie gesagt: Twitter ist ein interessanter Ort.

Vor allem seit mir klar geworden ist, dass die Clique einiger der aktivsten konservativen Accounts eigentlich aus einer Horde rechtsextremer Trolle besteht. Woher ich das weiß? Sie hetzen sie mir gezielt auf den Hals. 

Wie die Identitären

Ich kenne dieses Vorgehen sehr gut. Von Seiten der Identitären, von handfesten Nazis und von diversen Online-Publikationen, die beide bedienen. Eine Banalität wird zur Staatsaffäre hochgejazzt und in übertrieben schockierter Form getweetet, um so zu tun, als sei alles ein großer Skandal. Die FollowerInnen interessiert die Sachgrundlage nicht, sie reagieren nur auf den schockierten Tonfall. Die Glaubwürdigkeit, die die initiierende Person bei ihren FollowerInnen genießt, reicht aus, um sich mit ihr gemeinsam zu empören.

Das ist der Mechanismus, mit dem große rechte Accounts gezielt arbeiten. Aber nicht nur ganz rechts, sondern auch das, was eigentlich die „konservative Mitte“ ist. Personen des öffentlichen Lebens mit gutem Einkommen, auf der Butterseite des Lebens und gemeinhin nicht als aggressiver Nazi identifizierbar. Das Interessante ist: sie agieren aber genau gleich und scheinen sich einen beträchtlichen Anteil an FollowerInnen mit offenen Rechtsextremen zu teilen. 

Arbeitsteilung

Als ich ein Zitat eines der bekanntesten Historiker des 20. Jahrhunderts getweetet habe, konnte ich eine interessante Arbeitsteilung beobachten: Rechtsextreme haben Screenshots gemacht, Konservative haben sie mir mit ihrer enormen Reichweite verbreitet und mich zum Abschuss freigegeben, Rechtsextreme haben für die entsprechenden Beschimpfungen gesorgt, Konservative haben die Empörung immer weiter angestachelt, Rechtsextreme sind immer aggressiver geworden, Konservative haben immer mehr Leute in den Strudel hineingezogen und angestachelt. Das nennt sich gemeinhin „Shitstorm“. Es ist aber auch wichtig zu wissen, dass dieser gelenkt und gesteuert wird.

Das Interessante ist auch, dass keiner der konservativen Accounts eingreift, selbst, wenn es zu argen persönlichen Untergriffen kommt. Fast so, als wollte man, dass sich die Stimmung immer mehr aufheizt gegen eine einzelne Person. In meinem Fall war das eine Person, die sich nicht einmal wehren konnte, weil mein Account zu diesem Zeitpunkt vermutlich gehackt war. Ich konnte nur aus dem Off beobachten, wie es rechtsextreme Accounts gab, die sich obsessiv und immer aggressiver an mir abarbeiten. Es gab Accounts, die innerhalb eines Abends 50 Tweets nur zu mir schrieben, in einem zunehmend beunruhigendem Tonfall. Ausgangspunkt: Ein Kolumnist der Zeitung Welt und eine Redakteurin der NZZ. 

Nach den Perlen greifen

Dieses Muster ist nicht neu. Auch nicht bei diesen beiden Accounts. Sie sehen sich als edgy und hart, in Wahrheit begünstigen sie gezielte Online-Menschenjagd. Sie müssen mittlerweile um ihre FollowerInnen wissen, die nur danach gieren, sich jeden Tags aufs Neue zu empören. Die tägliche seichte Empörung über Banalitäten ist ihr ganzes Dasein auf Twitter. Im Englischen gibt es die schöne Bezeichnung der „clutch my pearl“-Accounts (die Redensart könnte man mit "nach den Perlen greifen", sie bezieht sich auf eine Handbewegung, wenn sich jemand im Schreck theatralisch auf die Brust greift, als würde er dort seine Perlenkette schützen wollen)  

Huch! Da ernährt sich jemand vegan und Hilfe, die wollen rassistische Wörter aus Kinderbüchern streichen - die „clutch my pearls“-Accounts treten schon ihre übertriebene Empörung los. Es könnte lustig sein, würden sie sich nicht eine Horde rechtsextremer FollowerInnen halten, die weniger nach ihren Perlen als ihren Fäusten greifen.

Das Zitat, über das sich so empört wurde, stammt übrigens von Eric Hobsbawm. Gespeist durch seine eigenen Erfahrungen im Berlin der 20er und 30er kam er zu einer düsteren Zukunftsprognose. Im Lichte der Finanzkrise 2008 und der kommenden Verteilungskämpfe sowie des Hegemonieverlusts durch herrschende Elite prophezeite er einen brutalen Behauptungskampf eben jener Eliten und ein Zusammenrücken bürgerlicher mit rechtsextremen Kräften: „Es wird Blut fließen, viel Blut“. 

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